Karlsruhe Spinnen-Irrtümer: Mit diesen Vorurteilen und Mythen über die Achtbeiner räumen Experten auf
Irrtümer über Spinnen sind weit verbreitet. Zum Beispiel dieser: Im Spätsommer gibt es mehr Spinnen als sonst und im Herbst kommen sie ins Haus, um sich zu wärmen. Experten räumen mit Vorurteilen und Mythen über die Achtbeiner auf.
Gerade sieht man sie wirklich überall: Spinnennetze, die im Sonnenlicht glitzern. Doch das bedeutet keinesfalls, dass es jetzt mehr Spinnen gibt als im Hochsommer, sagen Experten. Der Arachnologe Hubert Höfer vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Karlsruhe weiß, warum uns die Tiere erst jetzt auffallen: „Weil die meisten als Ei oder kleine Spinnen überwintern und erst im Laufe des Jahres so groß werden, dass sie auch Nicht-Spinnenfreunden auffallen. Ein gutes Beispiel ist die Wespenspinne Argiope bruennichi, aber auch die Gartenkreuzspinne Araneus diadematus.“
Viele glauben, dass die Spinnen im Spätsommer und Herbst ins Haus kommen, weil es ihnen draußen zu kalt wird.
Das hört sich zwar logisch an, stimmt so aber nicht, sagt Rod Crawford, Spinnen-Experte und Kurator beim Burke-Museum für Naturgeschichte und Völkerkunde in Seattle. „Das bekomme ich schon im August zu hören“, sagt Crawford im Interview. „Um draußen der Kälte zu entgehen – im August? Der August ist ja nun nicht gerade dafür bekannt, besonders kalt zu sein.“
Doch warum sieht man die Spinnen denn dann vor allem ab August vermehrt in den Häusern umherlaufen? „Die Menschen können sich nicht vorstellen, dass diese Spinnen 365 Tage im Jahr in ihrem Haus leben. Aber genau das ist der Fall. Aus diesem Grund nennen wir sie ja auch Hausspinnen. Sie sind bestens an ein Leben im Haus angepasst. Die Spinnen, die draußen vorkommen, sind in der Regel andere Arten.“
Dass wir die Spinnen vor allem im Herbst im Haus zu Gesicht bekommen, hat dann auch einen ganz anderen Grund, weiß Crawford. „Die Spinnen, die wir im Spätsommer im Haus sehen, sind männliche Tiere, die ihr Versteck verlassen, um sich auf die Suche nach weiblichen Tieren für eine Paarung zu machen.“ Also Achtbeiner auf Freiersfüßen sozusagen.
In den Sozialen Netzwerken ist immer wieder die Rede davon, dass Ammendornfinger, Nosferatu-Spinne und Falsche Schwarze Witwe jetzt angeblich nach Europa einwandern würden. Diese Arten sind in Europa allerdings längst alte Bekannte, erläutert der Karlsruher Spinnen-Experte Hubert Höfer: „Der Ammendornfinger Cheiracanthium punctorium ist kein Neobiot, eigentlich auch die Nosferatu-Spinne Zoropsis spinimana nicht. Und auch die Falsche Schwarze Witwe Steatoda paykulliana ist eine europäische Art. Ein Neobiot ist dagegen der Hausdornfinger Cheiracanthium mildei.“
Allerdings ist es in der Tat so, dass einige Arten im Zuge des Klimawandels immer weiter nach Norden vordringen und so auch Gegenden erreichen, in denen sie zuvor nicht vorkamen.
„Im Grunde können alle großen einheimischen Spinnen die menschliche Haut durchdringen, wie etwa die Große Hauswinkelspinne oder manche Plattbauchspinnen“, sagt Dr. Jason Dunlop, Spinnen-Experte und Kurator der Sammlung Arachnida und Myriapoda beim Museum für Naturkunde in Berlin. „Die meisten Spinnen im deutschsprachigen Raum sind aber völlig harmlos und beißen nur aus Notwehr, wenn sie nicht weglaufen können, beispielsweise wenn sie sich in der Kleidung verfangen haben.“
Da fragt man sich natürlich: Welche Spinnen können uns denn überhaupt so beißen, dass wir es bemerken? „Der Hausdornfinger Cheiracanthium mildei kann schmerzhaft beißen und die selten, aber vielleicht zunehmend eingeschleppte Andalusische Trichternetzspinne Macrothele calpeiana. Auch die Wasserspinne Argyroneta aquatica kann wohl schmerzhaft beißen“, meint der Karlsruher Arachnologe Hubert Höfer.
Außer diesen Arten gibt es noch ein paar andere Spezies, von denen Bissmeldungen bekannt sind. „In der Regel beißen die Tiere aber nur, wenn die Spinnen in die Hand genommen oder sonst wie bedrängt wurden.“
Zwar sind in der Tat praktisch alle Spinnen giftig, aber die Art des Giftes und dessen Menge, die mit dem Biss übertragen wird, spielt neben vielem anderen mehr eine große Rolle, wenn es darum geht, wie stark so ein Biss schmerzt.
Der Spinnen-Experte Hubert Höfer sagt: „Wichtig ist auch, dass Spinnen fast immer nur wenig Gift bei einem Verteidigungsbiss injizieren. Das Gift ist nämlich zu wertvoll (Stichwort: Beuteerwerb) und muss aufwändig wieder produziert werden.“ So fühlen sich selbst der Biss von Nosferatu-Spinne und Ammendornfinger im Prinzip nicht schlimmer als ein Bienenstich an.
Zugegeben, eine Schnake sieht in der Tat ein bisschen so aus wie eine Zitterspinne, die Flügel hat. Das ist aber keineswegs so, denn Schnaken (Tipulidae) zählen zu den Zweiflüglern und somit zu den Insekten und nicht zu den Spinnentieren. Das lässt sich sogar ganz einfach überprüfen. Die Anzahl der Beine durchzuzählen, genügt schon, denn Spinnen haben acht Beine, Insekten hingegen nur sechs.
Vor allem im Spätsommer und im Herbst hat man manchmal den Eindruck, dass Spinnen wirklich allgegenwärtig sind. Der Volksmund meint sogar: Die nächste Spinne ist nur einen Meter entfernt.
Doch auch das ist nur ein weitverbreiteter Mythos, sagt der amerikanische Spinnen-Experte Rod Crawford. „Wie weit entfernt die nächste Spinne sitzt, hängt davon ab, wo man sich gerade befindet. Wer auf einer üppigen grünen Wiese steht, kann davon ausgehen, dass kleine Spinnen schon unter seinem Schuh sitzen und andere gerade einmal drei Zentimeter vom Fuß entfernt.“
Andererseits finden sich Spinnen auf asphaltierten Flächen oder Straßen natürlich deutlich seltener. Mit einem Augenzwinkern ergänzt der Spinnen-Experte des Burke-Museums dann auch: „Wenn Sie als Passagier in einem Flugzeug mitfliegen ... kann es sein, dass Sie kilometerweit von der nächsten Spinne entfernt sind.“
Zwar gibt es in der Tat einige Spinnen, die keine Netze bauen, um ihre Beute zu fangen, aber Weberknechte gehören nicht dazu. Weberknechte zählen als Achtbeiner zwar zu den Spinnentieren, wie es beispielsweise auch die Milben tun, aber Spinnen im eigentlichen Sinne sind sie nicht.
„Bei Spinnen ist der Körper in zwei Segmente unterteilt, Weberknechte haben im Gegensatz dazu nur eines“, erläutert Arachnologe Crawford. „Weberknechte haben kein Gift, keine Spinnenseide und unterscheiden sich noch in vielen anderen Dingen. Zudem haben auch nicht alle von ihnen so lange Beine.“