Handwerk in Ostfriesland  Steigende Ausbildungszahlen im ostfriesischen Handwerk

| | 21.09.2025 18:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In den Werkstätten der Handwerkskammer informierten sich am Wochenende zahlreiche Jugendliche über die Ausbildungsmöglichkeiten. Foto: Mieke Matthes
In den Werkstätten der Handwerkskammer informierten sich am Wochenende zahlreiche Jugendliche über die Ausbildungsmöglichkeiten. Foto: Mieke Matthes
Artikel teilen:

Die Ausbildungszahlen im Bezirk der Handwerkskammer für Ostfriesland sind um zehn Prozent gestiegen. Welche Berufe besonders beliebt sind und wie das Handwerk um Nachwuchs wirbt.

Aurich - 890 junge Menschen haben im Bezirk der Handwerkskammer für Ostfriesland in diesem Jahr ihre Ausbildung begonnen. Das sind knapp 80 Azubis und damit knapp zehn Prozent mehr als im Sommer 2024. Unter den Top 5 der Handwerksberufe sind laut Kammerangaben Kfz-Mechatroniker, Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik, Anlagenmechaniker für Heizung, Sanitär und Klima, Maurer und Tischler.

Bei den Feierlichkeiten zum 125-jährigen Bestehen hatte Handwerkskammer-Präsident Albert Lienemann (links) allen Grund zur Freude. Zahlreiche Azubis präsentierten dort stolz ihr Handwerk und der Zuspruch für Lehrstellen wächst. Foto: Mieke Matthes
Bei den Feierlichkeiten zum 125-jährigen Bestehen hatte Handwerkskammer-Präsident Albert Lienemann (links) allen Grund zur Freude. Zahlreiche Azubis präsentierten dort stolz ihr Handwerk und der Zuspruch für Lehrstellen wächst. Foto: Mieke Matthes

Für Albert Lienemann, Präsident der Handwerkskammer, sind die steigenden Ausbildungszahlen ein positives Signal und zugleich das Ergebnis von intensiver Arbeit. Das Werben um Nachwuchs beginne bereits im Kindergarten und der Grundschule mit Besuchen von Handwerkern, Projekten und Malwettbewerben. Weiter gehe es an den weiterführenden Schulen. Dort informiere man die Schüler und Schülerinnen im Rahmen der Berufsorientierung über die rund 130 Berufe, die das Handwerk bietet und gebe umfangreiche Möglichkeiten für Praktika. Flankierend dazu habe auch die groß aufgesetzte Imagekampagne des Handwerks Wirkung gezeigt, so Lienemann im Gespräch mit dieser Zeitung.

Weg vom Klischee, hin zum modernen Image

Ein Grund für die positive Entwicklung auf dem regionalen Ausbildungsmarkt sei auch der Imagewechsel, der durch die stringente und moderne Außendarstellung herbeigeführt worden sei. „Wir sind modern und digital aufgestellt“, sagt Lienemann. Ein Installateur oder Heizungsbauer befasse sich heute eben nicht mehr nur mit dem Reinigen von Abflüssen, sondern mit der gesamten Gebäudetechnik. Das Handwerk habe sich in den vergangenen zehn Jahren rasant weiterentwickelt. Und das schlägt sich auch in den Berufsbildern nieder. Der Einsatz digitaler Technik, moderne Arbeitsmittel und eine individuelle Förderung scheinen das Rezept zu sein, mit dem das Handwerk bei den jungen Leuten punkten kann. Das gelte auch für Auszubildende mit Migrationshintergrund, die für Lienemann fester Bestandteil vieler Teams sind. Ein Selbstläufer sei die Ausbildung dabei bei weitem nicht.

Moderne Technologien schaffen neue Berufsfelder, auch im Handwerk. Foto: DPA
Moderne Technologien schaffen neue Berufsfelder, auch im Handwerk. Foto: DPA

„Die Handwerker haben bemerkt, dass sie ausbilden müssen, aber auch, dass sie sich um ihre Auszubildenden kümmern müssen“, betont Lienemann. Denn auch das Handwerk beobachte, dass Schulabgänger Unterstützung in bestimmten Bereichen benötigen, ihnen manche Kompetenzen fehlen. „Teilweise haben wir Schwierigkeiten die jungen Menschen bei der Stange zu halten, sodass sie konzentriert durcharbeiten“, sagt Lienemann. Von einem pauschalen Urteil über „die Jugend“ will der Kammerpräsident aber nichts wissen. Es komme immer auf den Einzelfall an und der wolle individuell unterstützt werden.

Demografischer Wandel als Herausforderung

Die Rekrutierung von Nachwuchs ist vor allem vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wichtig. Denn viele ältere Handwerker gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand. „Eine große Herausforderung ist es zudem, zu verhindern, dass das große Fachwissen und die Erfahrung der Ruheständler verloren geht“, so Lienemann. Künstliche Intelligenz könne dabei helfen, Wissen zu konservieren und an die jüngeren Mitarbeiter weiterzugeben, so Lienemann. In seinem Betrieb für Heizungs- und Sanitärtechnik in Holtrop arbeite man derzeit schon mit VR-Brillen bei der Reparatur und Wartung von Heizungsanlagen. „Wenn jemand Spaß hat, an Digitalisierung, an KI, an strategischem Denken und der Verbindung zwischen Praxis und KI dann hat er im Handwerk die Chancen, das umzusetzen“, zählt Lienemann die Vorteile auch und vor allem für Berufseinsteiger auf.

Zukunft durch Unternehmensnachfolge

Der demografische Wandel und die anstehende Welle an Ruheständlern sind es auch, die weitere Zukunftsoptionen für Nachwuchshandwerker schaffen. Denn die gut laufenden Betriebe wollen übernommen werden. Das spürt auch die Handwerkskammer. „Wir haben unsere Betriebsberatung in den letzten Jahren tüchtig aufgebaut, weil wir die Leute beim Betriebsübergang begleiten müssen“, so der Handwerkskammer-Präsident. Wichtig sei es in diesem Zusammenhang, für die Betriebe langsam und bedacht vorzugehen und frühzeitig die Weichen für eine Übergabe zu stellen. Mitarbeiter dürften nicht überfordert oder verunsichert werden. Wenn die Angestellten das Gefühl hätten, die Nachfolge sei nicht geregelt, könne das mitunter zur Abwanderung der Fachkräfte führen.

Albert Lienemann zieht für die Handwerkskammer für Ostfriesland zum 125-jährigen Bestehen ein positives Fazit. „Natürlich gibt es Themen und natürlich gibt es Herausforderungen im Handwerk. Aber letzten Endes arbeitet man daran. Und der Abschluss der vielen neuen Ausbildungsverträge zeigt, dass die Arbeit, die man in den vergangenen Jahren in die Nachwuchswerbung gesteckt hat, Früchte trägt.“

Ähnliche Artikel