Handwerk zum Anfassen Handwerkskammer Ostfriesland feiert 125-jähriges Bestehen
Mit offenen Werkstätten, Azubi-Power und einem positiven Blick in die Zukunft feierte die Handwerkskammer für Ostfriesland ihr 125-jähriges Bestehen. Das gab es zu sehen.
Aurich - Der Geruch nach frisch angesetztem Mörtel steigt in die Nase der Besucher. In der Halle der Maurerinnung auf dem Gelände der Handwerkskammer in Aurich herrscht rege Betriebsamkeit. Stein auf Stein wachsen hier Mauern oder werden Fundamente gelegt. Auch Theodor Brunken schnuppert hier an diesem Sonnabend noch einmal Handwerksluft. Der KFZ-Mechaniker im Ruhestand hat vor langer Zeit seinen Meister bei der Handwerkskammer gemacht. „Das müsste 1968 oder 1969 gewesen sein, damals noch im alten Gebäude“, erinnert er sich. Das Jubiläum der Kammer hat er nun zum Anlass genommen, noch einmal vorbeizuschauen und auch einen Blick auf den Nachwuchs zu werfen.
Denn der liegt Brunken augenscheinlich am Herzen. Lange Jahre war er Mitglied des Prüfungsausschusses und weiß, was für eine Herausforderung die Prüfungssituation für manchen Azubi sein kann. Vor allem, wenn man Prüfungsangst habe. Umso mehr freut er sich, an diesem Vormittag so viele Lehrlinge in den Werkstätten zu sehen. Bei geöffneten Türen wird gemauert und geschweißt, gestrichen und gebohrt. Viele Auszubildende sind gekommen, um gemeinsam mit ihren Ausbildern ihren Lehrberuf zu präsentieren. Und zahlreiche Besucher sind bei bestem Wetter gekommen, um einen Blick hinter die Kulissen der Handwerkskammer zu werfen.
Anpassungsfähig und kreativ in Zeiten des Wandels
Anlass für den „Tag des Handwerks“ ist das 125-jährige Bestehen der Handwerkskammer für Ostfriesland. Laut eigener Aussage ist die Kammer Dienstleistungs- und Kompetenzzentrum für 5.700 Betriebe mit geschätzten 35.000 Beschäftigten und rund 2.400 Auszubildenden in der Region. Mit ihren Handwerksleistungen erwirtschafteten die Betriebe einen Umsatz von ca. 3,5 Milliarden Euro und bildeten den Kern der regionalen Wirtschaft.
„Mitbestimmung war vor 125 Jahren, zu Zeiten des Kaiserreiches, keine Selbstverständlichkeit“, sagt Albert Lienemann, Präsident der Handwerkskammer in seiner Ansprache. Aus dem Willen, das Handwerk zu stärken, seien damals die Handwerkskammern entstanden. „Handwerkerinnen und Handwerker wollten gehört werden, ihre Ausbildung selbst gestalten und die Qualität sichern“, erinnerte Lienemann an die Ursprünge. Diese Tradition habe man stets fortgeführt und bis heute bewahrt. „125 Jahre Handwerkskammer für Ostfriesland, das sind 125 Jahre Innovation, Ausbildung, Gemeinschaft und Engagement für unsere Region“, so der HWK-Präsident. Über Generationen hinweg habe das ostfriesische Handwerk seine Anpassungsfähigkeit, Kreativität und Zuverlässigkeit unter Beweis gestellt, gerade in Zeiten des Wandels. Für Lienemann sei dies Anlass zur Zuversicht, denn: „Wer immer neue Wege gefunden hat, Herausforderungen zu meistern, wird auch die Aufgaben der Zukunft mutig und tatkräftig anpacken.“
Handwerk als Zukunftsperspektive
Ihre Zukunft sieht etwa auch Lara Vöge im Handwerk. Die angehende Maler- und Lackiererin arbeitet an diesem Vormittag in der Werkhalle konzentriert an der Gestaltung ihrer „Bude“, wie die kleinen Räume heißen, in denen die Lehrlinge das Handwerk praktisch erproben. Zu sehen sind grafische Muster, Spachteltechniken, Goldverzierungen. Ein stilisiertes Smartphone-Display prangt an der Wand, daneben eine Tapete mit komplexem Muster. Vöge ist im dritten Lehrjahr im Auricher Betrieb Malerei mit Pfiff und hat viel Zeit in die Gestaltung ihrer „Bude“ gesteckt. Nach der Prüfung im kommenden Sommer will sie dem Beruf treu bleiben, sich aber auf jeden Fall weiterentwickeln. So will sie bei einem Auslandsaufenthalt in Spanien ihre Fertigkeiten erweitern. Danach hat sie die Meisterausbildung ins Visier genommen.
Das, was bei Lara Vöge schon gelungen ist, nämlich Begeisterung fürs Handwerk zu wecken, bringt an diesem Vormittag auch ihr Ausbilder Wolfgang Post dem Publikum nahe. Er zeigt dem zwölfjährigen Lukas etwa den Lackiersimulator. Mit einer VR-Brille auf dem Kopf und einer Spraypistole in der Hand steht der Junge mitten im Raum und lackiert einen virtuellen Gegenstand. Was im ersten Durchgang noch etwas unbeholfen wirkt, sieht im zweiten und dritten Versuch schon deutlich flüssiger aus. Lukas wird immer besser. Wie fühlt es sich an, in der virtuellen Welt zu malern? „Sobald ich die Brille aufgesetzt habe, hat es sich ganz normal angefühlt“, sagt Lukas hinterher. Ausprobieren, sich weiterentwickeln. Auch das ist ein Kennzeichen des heutigen Handwerks. „Wir müssen die Jugendlichen begeistern“, sagt Wolfgang Post. Seine Maler- und Lackiererschüler würden von ihm zwar gefordert, erhielten aber auch die Möglichkeit, Dinge und Praktiken auszuprobieren, die sie vielleicht in ihrem Ausbildungsbetrieb nicht hätten.
Tradition und Moderne miteinander verbinden
Neues wagen, Horizonte erweitern, aber zugleich die Wurzeln nicht vergessen. Das ist das Motto auch in der Werkhalle der Tischler. Hier dürfen sich Besucher am Sägen versuchen, ganz traditionell mit Muskelkraft. Die große Spannsäge bringt Jonathan Triziak, der mit seiner Mutter zusammen zum Tag des Handwerks gekommen ist, ganz schön ins Schwitzen. „Ich bin bei der Freiwilligen Feuerwehr, da haben wir elektrische Sägen“, schmunzelt er, bleibt aber dran. Wilhelm Eden von der Tischlerinnung Leer gibt derweil Tipps für die richtige Haltung des Werkzeugs.
Wesentlich kleinteiliger geht es derweil in den Praxisräumen der Innung für Elektro-und Informationstechnik in Ostfriesland zu. Hier arbeitet Azubi Tilo Janssen konzentriert an der praktischen Umsetzung eines Schaltplanes. Janssen ist im zweiten Lehrjahr zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik, hat die Zwischenprüfung mit Bravour abgelegt und nimmt an der eigens für diesen Tag konzipierten Kammersieger-Challenge teil.
Er muss innerhalb einer bestimmten Zeit, eine Elektroinstallation mit der Funktion eines Aktenvernichters errichten. Nur ein paar Schritte weiter informieren die beiden Lehrlinge Aiko Boelen und Tammo Konken Besucher über Sicherheitstechnik fürs Eigenheim. „Die Entwicklung schreitet immer weiter voran, zum Beispiel im Bereich des Smarthomes“, sagt Jens Boelen, stellvertretender Obermeister der Elektroinnung. Innovationen, die den Beruf für junge Menschen attraktiv machen würden. „Wir haben pro Jahr rund 80 neue Auszubildende“, sagt Boelen.
Alte Berufe mit neuen Chancen
Innovationen, neue Techniken, gute Zukunftsperspektiven, die gäbe es auch im Friseurhandwerk, sagt Kerstin Wolf, ein paar Türen weiter. Im „Friseursalon“ im Obergeschoss der Handwerkskammer wird an diesem Tag geschnitten und geföhnt, gefärbt und gekämmt. In vielen Köpfen herrsche noch das alte Klischee der Friseurin vor, sagt die Obermeisterin der Friseurinnung Aurich-Norden.
„Dabei sind wir viel moderner geworden und auch die Tarife sind angehoben worden“, so Wolf. In den vergangenen Jahren hätten sich die Anforderungen und Verhältnisse zudem stark verändert. „Sowohl zwischen den Kunden und dem Friseur, als auch zwischen den Ausbildern und den Schülern“, sagt Wolf. Schülerinnen, wie Lea Adams und Fabienne Thiemens. Die beiden Auszubildenden befinden sich im Endspurt ihrer Ausbildung zur Friseurin und haben bereits Pläne für die Zeit danach. „Wir wollen uns im Bereich der Kosmetik weiterqualifizieren und dann am liebsten einen Salon gemeinsam eröffnen“, sagt Adams.
Zur Geschichte der Handwerkskammer
Seit 125 Jahren vertritt die Handwerkskammer für Ostfriesland die Interessen des regionalen Handwerks. Die eigentliche Geburtsstunde ist allerdings nicht auf das Jahr 1900 zurückzuführen, sondern wird mit der ersten Vollversammlung in der Königlichen Regierung Aurich am 28. April 1908 datiert. An diesem Tag wurde die Kammer gegründet, um 4.910 Betriebe als selbstverwaltende Institution zu vertreten. Der Gründung der HWK Aurich waren Streitigkeiten innerhalb der gemeinsamen Handwerkskammer für die Regierungsbezirke Osnabrück und Aurich vorausgegangen. Wegen der großen Entfernung zum damaligen Kammersitz in Osnabrück und der unterschiedlichen Mentalität gelang keine erfolgreiche Vertretung der Gesamtinteressen des Handwerks. Seit der Ablösung im Jahr 1908 haben zahlreiche Präsidenten die Kammer geführt. Der elfte Amtsinhaber ist Albert Lienemann, Gas- und Wasserinstallateur- sowie Zentralheizungs- und Lüftungsbauermeister aus Holtrop. Seit zehn Jahren steht er an der Spitze der Selbstverwaltung. Seit 2019 leitet Jurist Jörg Frerichs aus der Krummhörn die Verwaltung. Quelle: Handwerkskammer