Osnabrück  Mächtige Frauen und der „Maßstab der Weiblichkeit“

Louisa Riepe
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Von Louisa Riepe
| 22.09.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Schon im 16. Jahrhundert wurden die Herrscherinnen von Europa mit den gleichen Vorurteilen konfrontiert wie die heutigen Politikerinnen. Foto: dpa/Andrew Milligan
Schon im 16. Jahrhundert wurden die Herrscherinnen von Europa mit den gleichen Vorurteilen konfrontiert wie die heutigen Politikerinnen. Foto: dpa/Andrew Milligan
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Stellen Sie sich Europa im 16. Jahrhundert vor: Reiche streiten um Macht, Glaubenskriege zerreißen die Länder. Und in den großen Nationen herrschen gleich mehrere Frauen.

Und doch erinnert sich heute kaum noch jemand an diese beispiellose Konstellation. Anders ist für mich nicht zu erklären, warum sich die mächtigen Frauen von heute mit denselben Vorwürfen konfrontiert sehen, wie schon ihre Vorgängerinnen vor 400 Jahren.

Damals schrieb John Knox, die weibliche Herrschaft sei widernatürlich und gottwidrig, da Frauen laut Bibel und Natur Männern untergeordnet seien. Jean Bodin betonte ebenfalls die Vorrangstellung des Mannes und verstand Frauenherrschaft als dynastische Ausnahme, nicht als legitime politische Ordnung.

Heute wird Annalena Baerbock kritisiert, weil sie ein Video im Stil von „Sex and the City“ veröffentlicht – zu lässig trete sie auf, zu ausgelassen freue sie sich auf ihr neues Leben als Präsidentin der Generalversammlung der Vereinten Nationen.

Verena Hubertz muss sich fragen lassen, wie sie ihre Schwangerschaft mit ihrem Amt als Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen vereinbaren will. Auf ihre freudige Nachricht folgten offen sexistische Kommentare wie „Mütter sollen an den Herd“.

Sanna Marin, die ehemalige finnische Ministerpräsidentin, musste sich 2022 rechtfertigen, als ein Privatvideo zeigte, wie sie auf einer Party ausgelassen tanzte und sang. Die Folge war eine Welle internationaler Kritik – sie sei „zu unernst“, „zu unprofessionell“, „zu leichtlebig“ für ihr Amt.

Und selbst Angela Merkel, langjährige Bundeskanzlerin, Machtmensch und eigentlich immer in Hose und Blazer, zog 2008 Häme auf sich, als sie sich einmal im Kleid mit tiefem Ausschnitt zeigte.

Heute sind die Argumente moderner formuliert, aber die Muster sind erstaunlich ähnlich wie vor 400 Jahren: Frauen werden als Personen und wegen ihres Frausein infrage gestellt, anstatt die Politik inhaltlich zu kritisieren.

Dazu hätte es übrigens bereits im 16. Jahrhundert Anlass gegeben. Die Herrscherinnen setzten ihre Machtpolitik teils mit Gewalt durch, sie instrumentalisierten die Religion, um ihren Machtanspruch zu rechtfertigen. Sie führten blutige Kriege und stellten die Interessen ihrer Dynastien vor die des Gemeinwohls. Kurz gesagt: Sie agierten ganz ähnlich, wie ihre männlichen Kollegen dieses Zeitalters.

Warum Kritiker an mächtige Frauen damals wie heute den „Maßstab der Weiblichkeit“ anlegen, erschließt sich mir nicht. Solange wir sie mit denselben alten Argumenten konfrontieren, wie die Königinnen des 16. Jahrhunderts, diskutieren wir nicht über Politik – sondern über Vorurteile. Es ist Zeit, das endlich zu ändern.

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