Flensburg  „Juden haben Hausverbot“: Entsetzen über antisemitisches Plakat in Flensburg

Sebastian Iwersen
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Von Sebastian Iwersen
| 17.09.2025 21:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
An der Fensterfront des Ladens in der Duburger Straße prangt seit Mittwochnachmittag das antisemitische Schild. Foto: Sebastian Iwersen
An der Fensterfront des Ladens in der Duburger Straße prangt seit Mittwochnachmittag das antisemitische Schild. Foto: Sebastian Iwersen
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Im Flensburger Stadtteil Duburg sorgt ein antisemitisches Schild im Schaufenster eines Geschäfts für Erschütterung. Es gibt bereits erste Anzeigen wegen Volksverhetzung. Der Ladeninhaber verteidigt sein Handeln.

Ein junger Mann bleibt vor dem Schaufenster des Geschäfts mit Büchern und Gossip-Zubehör direkt gegenüber dem Finanzamt Flensburg stehen. Beim Anblick des am Nachmittag aufgehängten Zettels im DIN-A4-Format hinter der Glasscheibe schüttelt er den Kopf. „Das ist heftig“, sagt er kopfschüttelnd.

Denn das Plakat, das neben etlichen anderen Zetteln mit Schimpftiraden über die Bürokratie und der Ankündigung einer Teilschließung in dem Geschäft hängt, hat es in sich.

„Juden haben hier Hausverbot“, steht dort in großen Lettern geschrieben. Darunter, in kleinerer Schrift wird ergänzt: „Nichts persönliches, kein Antisemitismus, kann euch nur nicht ausstehen“. Aufgehängt hat den selbst gedruckten Zettel nach eigenen Angaben der Inhaber des Geschäftes, Hans Velten Reisch. Der 60-Jährige steht hinter seiner Aktion und lässt Antisemitismus-Vorwürfe nicht gelten.

Stattdessen führt er die militärische Reaktion Israels im Gaza-Streifen als Begründung für sein Hausverbot für „Juden“ an. „In Israel leben nunmal Juden, und ich kann ja nicht unterscheiden, wer für die Angriffe oder dagegen ist“, sagt er. Israels Angriffe bezeichnet er als „Heuchelei: Die sagen immer, die Geschichte dürfe sich nicht wiederholen, machen es dann aber selbst.“

Mit seinem antisemitischen Plakat hat der Ladeninhaber aber nicht nur die Empörung der Menschen im Stadtteil auf sich gezogen. Auch in der Flensburger Politik ist die Aktion wenige Stunden nach Auftauchen des Plakates im Schaufenster angekommen und hat deutliche Reaktionen hervorgerufen. „Der Kreisverband der Flensburger Grünen verurteilt das antisemitische Schild in einem Schaufenster eines Ladengeschäfts auf das Schärfste“, teilt die Partei mit.

Die Kreisvorsitzende Annabell Pescher fordert eine schnelle und konsequente Reaktion. „Wir erwarten, dass die zuständigen Behörden den Vorfall umgehend prüfen und verfolgen. Solche antisemitischen Provokationen dürfen nicht hingenommen werden. Flensburg ist eine vielfältige und offene Stadt. Wir stehen solidarisch an der Seite der Jüdischen Gemeinde und aller Menschen jüdischen Glaubens in Flensburg.“

Auch Flensburgs ehemalige Oberbürgermeisterin Simone Lange reagierte auf Facebook auf das Schild. „Ich war heute auf dem 1. Polizeirevier und habe den Vorfall angezeigt“, teilte sie mit und drückte ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft aus.

Der SPD-Kreisvorsitzende Kianusch Stender hat nach eigenen Angaben ebenfalls Anzeige erstattet. „Besonders erschreckend empfinde ich, dass der Täter nicht einmal anonym gehandelt hat, sondern seinen Namen samt Telefonnummer exponiert. Das hat mir nochmal vor Augen geführt, was manche Menschen mittlerweile als ,normalisiert‘ betrachten. Das muss uns allen Mahnung sein, uns noch entschlossener Antisemitismus in all seinen Formen entgegenzustellen“, erklärte er.

Stender fordert, dass sich auch das Ordnungsamt der Stadt Flensburg mit dem Thema beschäftigt. „Dieser Aushang könnte ein Grund zum Eingreifen wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit darstellen, gegebenenfalls auch gewerberechtlich. Der Oberbürgermeister sollte diese Prüfung umgehend anordnen.“ Diese Forderung dürfte mittlerweile allerdings überflüssig sein, da das Plakat entfernt wurde.

Am Donnerstagmorgen gegen 7.45 Uhr fand sich dann im Schaufenster des Ladens von dem antisemitischen Plakat keine Spur mehr. Es wurde offenbar zwischen Mittwochabend und Donnerstagmorgen wieder entfernt. Stattdessen steht auf dem Schaufenster nun „Nazis raus“, von außen mit einem wasserfesten Filzstift aufgetragen. Dazu zieren viele Aufkleber mit den Schriftzügen „I hate Nazis“ und vergleichbaren Botschaften die Fenster des Ladengeschäfts.

Oberbürgermeister Fabian Geyer verurteilte das antisemitische Plakat am Donnerstagvormittag in einer Videobotschaft ebenfalls scharf: „Das erinnert an die dunkelsten Kapitel in der Geschichte Deutschlands. Ich versichere Ihnen ganz persönlich, dass eine solche Haltung, eine solche Äußerung bei uns keinen Platz hat und nicht toleriert wird.“ Geyer rief dazu auf, gemeinsam für „unsere demokratischen Werte“ einzutreten und jüdische Mitbürger zu unterstützen.

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