Osnabrück Hat Osnabrücks OB zu viel versprochen? Riesenstreit im Stadtrat wegen Kunstrasenplatz
Es gibt Geld vom Land für Osnabrück. Eigentlich ein Grund zur Freude. Doch stattdessen: Riesenzoff im Stadtrat. OB Katharina Pötter will Kunstrasenplätze bauen lassen, die Mehrheit attackiert sie. Der Vorwurf: Sie habe den Stadtrat übergangen.
August 2025: Die Osnabrücker Oberbürgermeisterin Katharina Pötter und der Erste Stadtrat Wolfgang Beckermann sind zu Gast beim Sportverein VfR Voxtrup. In dem auf Instagram geposteten Video stehen sie auf dem Rasen. Darunter steht: „Auch in Voxtrup soll mit dem KIP-3-Geld vom Land ein Kunstrasenplatz gebaut werden – für den VfR Voxtrup, einen der sportlich erfolgreichsten Vereine der Stadt. So soll wetterunabhängiges Training möglich werden – und das dauerhaft.“
Um den neuen Kunstrasenplatz und die Botschaft mehrerer ähnlicher Videos kam es am Dienstagabend im Osnabrücker Stadtrat zu heftigem Streit. Fast geschlossen waren alle gegen die Oberbürgermeisterin und die Stadtverwaltung. Das Versprechen an die Sportvereine, vor Ort und auf Social Media, sei voreilig gewesen, der Rat übergangen worden, finden alle – außer die CDU.
Dabei gab es doch gute Nachrichten: Das Land Niedersachsen hat der Stadt überraschend Geld zur Verfügung gestellt. 12,37 Millionen Euro. Zur freien Verwendung. Der Vorschlag der Verwaltung und der Oberbürgermeisterin ist, die Mittel in den Breitensport zu stecken. Unter anderem für drei Kunstrasenplätze – für den VfR Voxtrup sowie für Sportanlagen in Sutthausen und am Schölerberg.
Der Rat sollte in seiner Sitzung am Dienstag darüber abstimmen. Doch die Entscheidung wurde verschoben. Statt über den Sport zu sprechen, stritt das Gremium heftig über politischen Stil. Unterstellungen, emotionale und teils wütende Redebeiträge sorgten für eine Stimmung, die auch als Zuschauer schwer auszuhalten war.
Was war passiert?
Hier der Vorwurf, Katharina Pötter würde den Rat übergehen und habe falsche Versprechungen gemacht (Volker Bajus, Grüne), da die Unterstellung von Frank Henning (SPD), CDU-Fraktionschef Marius Keites Empörung sei nur gespielt und die OB solle „weniger mit dem Pfannenwender auf Social Media rumlaufen“. Hier Marius Keite, der sagt, „taktische Überlegungen“ würden die Mehrheitsgruppe zögern lassen, den Kunstrasenplätzen sowie einer neuen Turnhalle für die Grundschule Hellern und einem Funktionsgebäude auf der Sportanlage „Am Zuschlag“ zuzustimmen.
Dort Katharina Pötter, die Richtung Mehrheitsgruppe spottet: „Ich habe Verständnis, dass Sie sich ärgern, dass Sie nicht schneller mit Vorschlägen waren.“ Hier die Erwähnung, dass doch sogar der sportpolitische Sprecher der SPD, der in der Sitzung nicht anwesende Timo Spreen, in einem eigenen Insta-Post die Pötter-Idee gelobt hatte.
Und dazwischen immer wieder Michael Hagedorn von den Grünen, als Ratsvorsitzender verantwortlich für die Rednerliste und den Ablauf der Sitzung. Und der mit zunehmend ungeduldiger werdender Stimme Sätze ins Mikro rief wie: „Könnten Sie bitte weniger emotional sein?“ Und, als sich immer mehr zu Wort melden: „Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Spruch gibt, der noch nicht gesagt wurde, aber okay.“
Was hat so viele Ratsmitglieder derart erzürnt? Schon im Juni, als das Geld vom Land noch gar nicht sicher war, war die Oberbürgermeisterin mit den Ideen von ihr und der Stadtverwaltung an die Öffentlichkeit gegangen. Im Juli und August wurden die Videos auf dem Instagram-Kanal der Stadt Osnabrück hochgeladen. Erst „Neue Sporthalle für Grundschule Hellern“, dann folgten Beiträge mit den Titeln „Kunstrasenplatz für Sutthausen“, „Kunstrasenplatz für den Schölerberg“ und schließlich „Kunstrasenplatz für Voxtrup“.
Dadurch fühlten sich die grün-rot-lila Mehrheitsgruppe, die FDP und die Linken von Oberbürgermeisterin und Verwaltungsspitze nach eigener Aussage übergangen.
Richtig ist: Die OB kann nicht alleine über die Verwendung der Mittel bestimmen. Der Osnabrücker Stadtrat ist das höchste von den Bürgern gewählte Gremium der Stadt, er trifft die finalen Entscheidungen. Doch die Verwaltung kann und soll Vorschläge machen, wie die städtischen Mittel verwendet werden können. Einer dieser Vorschläge: Die zwei Hallen und drei Kunstrasenplätze.
Katharina Pötter aber sei mit ihren Botschaften auf Social Media, die einem Versprechen gleichkämen, vorgeprescht, hätte eine Debatte über die Verwendung des Geldes unmöglich gemacht, so die einhellige Meinung.
Ist das so? Auf dem Instagram-Video aus Voxtrup sagt Katharina Pötter, während sie mit Wolfgang Beckermann auf dem Rasen steht: „Genau hier wollen wir den dritten Kunstrasenplatz der Stadt Osnabrück platzieren.“ Wollen – eine Absichtserklärung.
„Wir haben bei allen Vor-Ort-Besuchen gesagt, dass es sich um Vorschläge der Verwaltung handelt“, betonte die OB im Stadtrat. Zusagen seien keine gemacht worden.
Am Dienstagabend hielten Mitglieder des VfR eine Kundgebung vor dem Rathaus ab. Viele Ehrenamtler waren dabei, viele Kinder, die auf Zetteln geschrieben hatten, was der Sport für sie bedeutet. Ihnen ist der Kunstrasenplatz sehr wichtig, von der Abstimmung des Rates an diesem Dienstag hängt ab, ob im Winter nur alle zwei Wochen trainiert werden kann, in der Ausweichhalle in Gretesch.
Für die, die draußen im Regen standen, während der Rat drinnen stritt, muss die Verschiebung der Entscheidung eine große Enttäuschung gewesen sein.
Dennoch gab es vom Gremium viel Zuspruch, nahezu alle kündigten in ihren Wortbeiträgen bereits an, dass sie sich für den VfR und die anderen starkmachen wollten. So sagte etwa Kerstin Lampert-Hodgson (SPD): „Ich will allen danken, die da heute draußen laut ihr Wort kundgetan haben. Die Verunsicherung der Bürger, der Voxtruper, liegt nicht an der Politik. Die Verantwortlichkeit liegt bei der Verwaltungsspitze.“
Marius Keite von der CDU versuchte im Rat am Ende noch einmal, alle zu überzeugen, dass es doch gut wäre, wenn die Sache schnell beschlossen würde, im Sinne aller Ehrenamtlichen. Doch vergebens.
Neben dem Vorstoß der OB auf Social Media beklagten Ratsmitglieder auch einen Mangel an Hintergrundinformationen, etwa eine Prioritätenliste für Kunstrasenplätze. Die ist wichtig als Basis für Entscheidungen, ebenso wie die Schulentwicklungsplanung in Sachen Turnhallenbau.
„Um eine vernünftige Abwägung hinzubekommen, müssen wir als Rat doch erst einmal informiert werden“, sagte Wulf-Siegmar Mierke (UWG). Im Schulausschuss sei nach den Listen gefragt worden; bereits im Januar hatte die Mehrheitsgruppe die Prioritätenliste für die Kunstrasenplätze beauftragt. Doch, so Mierke, im Ausschuss habe die Verwaltung keine Liste vorlegen können, habe nur „beschämt auf den Boden geguckt“.
„Zum Schämen“, fand Ratsfrau Brigitte Neumann (CDU) den Ton während der gesamten Debatte. Sie meldete sich als eine der letzten zu Wort: „Was passiert hier, wie gehen wir miteinander um?“, fragte sie. Wie solle man diese Art, miteinander zu arbeiten, den Bürgern vermitteln? Nun, bitte, solle die ganze Sache schnellstmöglich abgeschlossen werden, damit das Geld Osnabrück zugutekäme.
Am Ende dieses hitzigen Streits im Stadtrat stand jedoch das Ergebnis, dass die Sportvereine und Schulen länger als gedacht auf ihre neuen Kunstrasenplätze werden warten müssen. Und das Gefühl, dass ein Jahr vor der Kommunalwahl 2026 der Wahlkampf in Osnabrück längst begonnen hat.