Osnabrück  Liebet Eure Feinde: über den Umgang mit Charlie Kirk

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 19.09.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Anderen Menschen das Mitgefühl für ein Verbrechensopfer abzusprechen, ist unchristlich. Foto: DPA/Lindsey Wasson
Anderen Menschen das Mitgefühl für ein Verbrechensopfer abzusprechen, ist unchristlich. Foto: DPA/Lindsey Wasson
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Wie viel Mitgefühl man dem getöteten US-Aktivisten Charlie Kirk entgegenbringen möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Aber anderen das Mitgefühl abzusprechen, verdient nichts als Verachtung, findet Chefredakteur Burkhard Ewert.

Ich habe wenig Anlass, die Kirchen zu verteidigen. Manchmal kommen sie mir etwas wehleidig vor. Nach wie vor sind sie mächtige, privilegierte und wohlhabende Organisationen, die sich über mangelnden Einfluss nur bedingt beklagen können. Wenn ihnen weniger Anerkennung zuteilwird als in früheren Zeiten, haben sie sich zu fragen, welchen Anteil sie selbst daran haben. 

Genauso klar muss aber sein, dass das christliche Menschenbild und die darauf beruhenden Werte in der westlich-abendländischen Gesellschaft auf keinen Fall infrage zu ziehen sind. Sie spiegeln sich auch in laizistischen, humanistischen Wertesystemen wider, eingeschlossen die Menschenrechte und das deutsche Grundgesetz.

Hier darf es keine Abstriche geben. Konkret bedeutet das zweierlei. Zum einen die Religionsfreiheit – wer sich auf Gott beruft, darf deshalb keine Nachteile erleiden, sofern er andere Rechte und Gesetze nicht verletzt. Zweitens, dass ethische Prinzipien universal gelten.

Warum schildere ich Ihnen diese Gedanken? Es geht um Charlie Kirk. Der US-Aktivist hat versucht, Menschen für Gott, die Bibel und sein erzkonservatives Weltbild zu gewinnen. Darüber möchte ich allerdings gar nicht sprechen, ebenso wenig über die vielfältigen und teils geschmacklosen Reaktionen auf seine Ermordung, mit einer Ausnahme: Die stilvolle Ansprache des US-Linken Bernie Sanders empfehle ich Ihnen dezidiert als beispielgebend.

Andere Linke reagierten unempathischer und, wenn man so will, unethischer. Aber auch das will ich nicht kommentieren. Entsetzt hat mich etwas anderes, nämlich die Reaktion ausgerechnet auf eine christliche Geste, die mir derart abseitig erschien, dass ich sie zunächst kaum glauben konnte. Der Dortmunder Fußballprofi und deutsche Nationalspieler Felix Nmecha wurde von seiner Vereinsführung dazu gedrängt, eine Beileidsbekundung in den sozialen Netzen zu löschen.

„Ruhe in Frieden bei Gott. So ein trauriger Tag“, hatte er nach Kirks Tod geschrieben. Fans protestierten, die Vereinsführung sah (gnädigerweise!?) von einer formalen Strafe ab, bat den Sportler aber zum klärenden Gespräch, woraufhin er seine Worte löschte.

Ehrlich gesagt hinterlässt mich dieser Vorgang kaum minder fassungslos als die politische Gewalttat an sich. Jemand stört sich ernsthaft daran, dass dem Opfer eines Verbrechens Mitgefühl gilt. Niemand ist verpflichtet, es ebenfalls zu empfinden. Aber es anderen abzusprechen, verdient nichts als Verachtung.

„Das wird man doch noch sagen dürfen“: Sie kennen diesen Spruch. Manchmal wird er bereits ironisch verballhornt, wenn sich jemand zu rechtfertigen sucht, der andere Menschen herabgesetzt hat und das kaschieren will. Aber dass eine humanistische, eine christliche Selbstverständlichkeit zu einer Sanktionierung des Arbeitgebers führt, das darf doch wohl nicht wahr sein. So sehr darf der Respekt vor dem Christentum und seinen Werten in unserer Gesellschaft bitte nicht gesunken sein. 

Jesus bat bekanntlich Gott vor der Kreuzigung, seinen eigenen Mördern zu verzeihen. Hier soll es nun ein Frevel sein, einen getöteten Familienvater Gott anzuempfehlen? Ich verstehe die Welt nicht mehr, wenn im Rest der Republik einem Verbrechensopfer keine friedliche Ruhe mehr gewünscht werden darf.

Übrigens, meine Kollegen haben führende Geistliche gefragt, ob sie eine Meinung dazu haben, dass ein Arbeitgeber jemanden für eine alltägliche christliche Aussage zum Rapport bestellt. Sie wollten dazu lieber schweigen. Haben sie Angst? Merkwürdig. Ich erinnere dann eben meinerseits, ganz ohne ein Vertreter der Kirche zu sein: Liebet Eure Feinde. Selig sind die Friedfertigen. Das darf man ruhig noch sagen.

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