Osnabrück „Du Pisser“: Was der achtjährige Henri auf dem Weg zur Schule in Osnabrück erleben muss
Am 29. August wird Henri Mohr auf dem Schulweg beinahe von einem Auto erfasst. Der Unfall bringt ihm einen Gipsarm ein, der Autofahrer flieht. Es ist nicht der erste brenzlige Vorfall für den Achtjährigen.
Vor diesem Anruf fürchten sich wohl alle Eltern: An einem Freitagnachmittag Ende August klingelt das Handy von Thomas Mohr. Sein Sohn wurde bei einem Unfall auf dem Schulweg schwer verletzt. Beim Überqueren des Haster Wegs an der Kreuzung zur Lerchenstraße in der Dodesheide nahm ein Autofahrer Henri die Vorfahrt – obwohl der Junge bei grüner Ampel und auf dem Fahrradweg unterwegs war.
Nach einer Vollbremsung kam das Auto zwar gerade noch zum Stehen, bevor es den achtjährigen Henri erwischte. Der Junge erschrak dabei aber so sehr, dass er bei einem Ausweichmanöver das Gleichgewicht verlor und stürzte. Dabei verletzte sich Henri schwer und musste noch am selben Abend im Krankenhaus operiert werden. Die nächsten Wochen wird er mit Gipsverband verbringen, sein Arm ist gebrochen. So weit, so tragisch, so alltäglich?
Nein, denn statt Hilfe zu leisten, fuhr der Fahrer des Unfallautos einfach davon. Dass er den Sturz des Jungen schlicht übersehen haben könnte, ist sehr unwahrscheinlich: Er hätte dem Auto mit der Hand auf die Motorhaube fassen können, so nah sei es ihm gekommen, erzählt Henri. „Ich musste so richtig hart lenken, weil ich mich auch erschrocken habe“. Schon vorher hätte es zudem Augenkontakt gegeben.
Die Polizei hat Ermittlungen wegen Unfallflucht aufgenommen – bisher jedoch ohne Erfolg. Statt des Unfallverursachers kam dem Jungen eine Passantin zur Hilfe, die sich um ihn kümmerte und Krankenwagen sowie seine Eltern verständigte.
Henris Vater Thomas erzählt mit ruhiger Stimme vom Unfalltag, dennoch ist ihm sein Ärger anzumerken. Und seine Fassungslosigkeit: Er sei direkt zur Unfallstelle gekommen, sei ohnehin auf dem Weg nach Hause gewesen, um sich mit Henri zu treffen. „Ich war erst noch entspannt, weil ich dachte, okay, er ist gestürzt“. Sowas passiere. Aber einen Achtjährigen nach so einem Fast-Zusammenprall am Straßenrand zurückzulassen, dafür fehlt dem Familienvater jedes Verständnis.
Zumal es nicht der erste Vorfall ist, den Henri auf dem Schulweg erleben musste. Seit Anfang des Jahres fährt der Grundschüler vom Elternhaus selbstständig zur etwa zwei Kilometer entfernten Heilig-Geist-Grundschule in die Dodesheide. Vor ein paar Wochen erst habe ihn eine Frau am Zebrastreifen angeschnauzt, dass er dort mit dem Fahrrad nichts zu suchen hätte. Auf die Frage, ob er lieber auf der Hauptstraße fahren soll, habe sie ihm geantwortet: „Ja, natürlich du Pisser“.
An einem anderen Tag sei Henri „total wütend und nass“ nach Hause gekommen, berichtet sein Vater. Junge Erwachsene hätten ihn beim Fahrradfahren abgepasst und extra schnell und knapp an einer Pfütze überholt. Der kleine Junge sei vom aufspritzenden Wasser getroffen worden. Aus dem Auto gab es dafür Gelächter zu hören – und im Vorbeifahren noch den Mittelfinger, erzählt Henri.
Alleine mit dem Fahrrad zur Schule fahren darf Henri erst einmal nicht mehr, auch nachdem sein Arm vom Gips befreit ist. Ob man seine Kinder zur Schule bringen soll, darüber gebe es ja verschiedene Ansichten, sagt sein Vater: „Ich dachte, wir gehen da eher so den mutigeren Weg“. Sein Junge sei schon selbstständig für sein Alter und genieße das.
„Aber die Geschichte hat uns gezeigt, dass ein Achtjähriger sich hier eigentlich nicht frei bewegen kann, obwohl das sein Zuhause ist.“ Auch wenn es schade sei, in Zukunft werde er seinen Sohn auf dem Weg begleiten oder zur Schule bringen.
Die Polizei sucht Zeugen, die Angaben zum Unfall und seinem Verursacher machen können. Sie können sich unter der Telefonnummer 0541 327-2503 (tagsüber) oder unter 0541 327-2515 melden.