Osnabrück  Judenhass in der Kultur? Warum die Ausladung des Dirigenten Lahav Shani ein Desaster ist

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 20.09.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der israelische Dirigent Lahav Shani und sein Orchester empfangen den Applaus des Publikums im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Foto: Tobias Schwarz/AFP
Der israelische Dirigent Lahav Shani und sein Orchester empfangen den Applaus des Publikums im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Foto: Tobias Schwarz/AFP
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Ein Festival in Gent lädt den israelischen Dirigenten Lahav Shani aus. Ein klarer Fall von Antisemitismus - und gerade in Europa ein Desaster. Judenhass hat nirgendwo etwas zu suchen - erst recht nicht in der Kultur.

Geht es einfach nur um die nächste Position auf der langen Liste der Ausladungen von Künstlern, Diskutanten, Wissenschaftlern, die aus ihrem einen Grund missliebig sind? Nein, denn die Ausladung des israelischen Dirigenten Lahav Shani und der Münchener Philharmoniker vom Festival van Vlaanderen in der belgischen Stadt Gent ist nicht nur ein überflüssiger, sie ist ein überaus hässlicher Akt. Er zeugt von nichts anderem als antisemitischen Ressentiments.

Das wäre überall auf der Welt ein grober Fehltritt. Mitten in Europa markiert diese Entscheidung ein Desaster und das umso mehr, als es in der sich in der Welt der Kultur ereignet, einer Welt, die sich gern aufgeklärt und menschenfreundlich gibt. Was aber, wenn ausgerechnet in der Kultur Menschenfeindlichkeit zu einer neuen Normalität wird?

Lahav Shani soll ab 2026 das Münchener Orchester leiten. Er steht derzeit unter anderem dem Israel Philharmonic Orchestra vor. Genau das wird ihm nun zum Vorwurf gemacht. Er habe sich nicht ausreichend von dem „völkermörderischen Regime in Tel Aviv“ distanziert, zitieren Medien die offizielle Begründung des Dirigenten durch die Festivalleitung. Festivalleiter Jan Briers forderte in einem Interview gar eine entsprechende Erklärung von Shani ein.

Auftritt nur nach Gesinnungsprüfung? Oder nach weltanschaulichem Eignungstest? Was für eine Vorstellung. Man mag einwenden, dass auch Auftritte des russischen Dirigenten Waleri Gergijew abgesagt worden sind. Aber hatte der sich nicht ausdrücklich mit Wladimir Putin solidarisiert, der einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt? Von Shani ist nichts dergleichen bekannt.

Das Stichwort der Cancel Culture, also einer Praxis der Ausladungen, ist zur Kernvokabel eines neuen, eines vergifteten Alltags avanciert. Wer nicht passt, ist nicht dabei. Der Typus des Tugendwächters ist wieder groß in Mode. Er entscheidet nach einem vermeintlichen Konsens darüber, was genehm ist und was eben nicht. Kultur lebt von Differenzen, aber nicht von Ausgrenzungen. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Mit der Ausladung Shanis hat sich das Genter Festival mehr als nur einen Schnitzer geleistet. Es hat jenem Gefühl, ja, dringenden Eindruck neue Nahrung gegeben, der sich nach dem Überfall der Hamas auf Israel und den grauenhaften Massakern vom 7. Oktober 2023 mehr und mehr verfestigt hat. Der Antisemitismus lebt. Er scheint sogar erschreckend vital zu sein, auch und gerade in der Kulturszene. Deren kollektives Schweigen nach dem 7. Oktober habe auch ich als geradezu ohrenbetäubend erlebt.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Lahav Shani ausgeladen worden ist, spricht allein schon eine Sprache, die nicht nur mich bestürzt. Es ist gut, dass Shani und seine Musiker umgehend in Berlin auftreten konnten, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Dirigenten empfangen hat. Die obersten Repräsentanten unseres Staates sagen klare Worte. Das ist richtig. Zugleich bleibt ein ungutes Gefühl. Antisemitismus ist erschreckend präsent, auch im Alltag vieler Juden, die in Deutschland leben.

Ich denke an jüdische Dirigenten, die vor Jahrzehnten auswandern mussten, weil sie um ihr Leben zu fürchten hatten. Ich denke an Erich Kleiber und seinen wundervollen „Rosenkavalier“, daran, dass Otto Klemperer mir die Sinfonien Ludwig van Beethovens erst eigentlich erschlossen hat. Schön ist das Leben mit klassischer Musik und jener humanen Botschaft, die sich mit ihr verbindet.  

Gerade deshalb bin ich bestürzt über den Eklat von Gent. Kultur und Künste haben Menschen zu verbinden, erst recht dann, wenn politische Konflikte zunehmen. Ich wünsche mir eine solche Kultur der Verbindung, der Humanität. Kultur hat kosmopolitisch zu sein – oder sie verdient kaum ihren Namen.

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