Bergen Von der „Dackelgarage“ ins Kampftraining: Zu Besuch beim Gefechtsschießen der Truppe
Schweiß, Drill und scharfe Munition: Unsere Reporterin hat Rekruten beim Gruppengefechtsschießen begleitet – der, wie es ein Ausbilder formuliert, „Königsdisziplin“ der Bundeswehr-Ausbildung.
Kaum ein Geräusch ist zu hören, nur ab und zu raschelt es leise in den Baumkronen, ein Ast knackt oder ein Vogel begrüßt die aufgehende Sonne mit einem Zwitschern. Die Dunkelheit zieht sich Stück für Stück zurück und wird vom Morgenrot verdrängt. Es ist friedlich oben auf dem Wachturm auf dem Truppenübungsplatz Bergen – und doch wieder nicht. Denn auf der mit Morgentau benetzten Wiese sind bereits die Zielscheiben aufgestellt. Das Wissen um das Gruppengefechtsschießen mit scharfer Munition, das im Laufe des Tages stattfinden wird und zur Basisausbildung gehört, scheint unvereinbar mit der Idylle. „Übungsplatz-Romantik“, so nennen Soldaten diese besondere Atmosphäre. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.
Bei der Vorstellung des Wehrberichts im März durch die damalige Wehrbeauftragte Eva Högl hieß es, dass Langeweile einer der Hauptgründe ist, warum Rekruten noch während der sechsmonatigen Probezeit der Bundeswehr den Rücken kehren. Laut Wehrbericht haben von den 2023 angetretenen Rekruten 27 Prozent die Truppe wieder verlassen.
Das Heer hat seine Ausbildung seit Ende 2023 umstrukturiert. „Bei der Basisausbildung fassen wir Themen der allgemeinen Grundausbildung wie auch dann der weitergehenden Spezialisierung zusammen, sodass für die Soldatinnen und Soldaten vom ersten Tag der Truppenteil, das Waffensystem sowie der Standort feststehen, nicht mehr zwingend wechseln müssen, und die Rekruten in diesem Team zusammenbleiben“, erläutert Generalmajor Heico Hübner im Gespräch mit unserer Redaktion. Hübner war bis Ende August Kommandeur der 1. Panzerdivision mit Sitz in Oldenburg, zu der auch die 7. Kompanie des Artillerielehrbataillon 325 aus Munster gehört, die unsere Redaktion zwei Tage bei der Basisausbildung begleitet hat.
Ein Teil der Basisausbildung ist das Gruppengefechtsschießen mit Biwak. Salopp gesagt: eine Art Campingausflug für Soldaten mit verschiedenen militärischen Übungen. Vier Tage verbringen die Rekruten auf dem Truppenübungsplatz und üben verschiedene Bedrohungsszenarien. Gemeinschaftliches Zähneputzen über der Wasserschale gehört genauso zum Biwak wie Nachtwachen und der inoffizielle Tauschmarkt für Gerichte aus der Einpersonenpackung (EPA) – vor allem das Beef Jerky und die Mousse au Chocolat sind beliebt. In Rotation befinden sich die Gruppen tagsüber entweder in Übungsdurchgängen, verpflegen sich oder ruhen. Zeit für Langeweile bleibt nicht.
Zwei Kameraden teilen sich ein Zelt – „auch liebevoll Dackelgarage genannt“, erklärt der Gefreite Till*. Der 27-Jährige befindet sich in den letzten Zügen seiner Basisausbildung. Vor seiner Zeit bei der Bundeswehr hat er rund acht Jahre als Buchhalter gearbeitet. Was führt einen Buchhalter zur Artillerie? Dabei habe neben dem Interesse am Militärwesen auch das politische Geschehen eine Rolle gespielt. „Wenn man im Büro sitzt und die aktuelle politische Lage verfolgt, dann fühlt man sich manchmal am Zahn der Zeit, aber machtlos“, sagt Till. Er will seinen Teil leisten und ist deshalb zur Bundeswehr gegangen.
„Ich habe es mir genauso und gleichzeitig überhaupt nicht so vorgestellt“, antwortet der Gefreite auf die Frage, ob die Basisausbildung seine Erwartungen erfüllt. Am meisten habe ihn der militärische Drill beeindruckt, „den man vielleicht in der heutigen Zeit gar nicht so erwartet, der aber wirklich noch da ist“. Am härtesten waren für Till die Märsche. „Ich bin privat viel laufen gegangen und habe den Fehler gemacht zu denken, dass ich die Märsche auch packe.“
Warum die Fitness bei der Bundeswehr eine große Rolle spielt, wird auch beim Gruppengefechtsschießen in Bergen deutlich. Die Rekruten sind mindestens ausgerüstet mit Helm, Schutzweste, Hüftgurt sowie dem Gewehr G36 plus Munition. Je nach Aufgabe gehört auch ein Maschinengewehr MG5 oder eine Panzerfaust zur Ausrüstung. Da summiert sich einiges an Gewicht, das die Rekruten mit sich tragen, während sie über den Boden kriechen und sich durchs Gebüsch schlagen.
Hinzu kommt der psychische Stress: Schüsse trommeln durch die vom Gefecht vernebelte Luft. Beim Einatmen sind die Salven zu riechen und zu schmecken. Zielscheiben, die den Feind darstellen, klappen hoch und runter. „Feuer“, „Deckung“ und „Sanitäter“ schallt es vom Gruppenleiter über die Schüsse hinweg. Auf dem Boden liegt ein Soldat mit Kunstblut übergossen – er schreit vor simulierten Schmerzen. Währenddessen müssen die Rekruten den „Feind“ bekämpfen, auf ihre Deckung sowie die verbliebene Munition achten, Befehle umsetzen, Informationen aufnehmen und weitergeben.
Nach dem Übungsdurchlauf ist vielen Rekruten anzusehen, dass die vergangenen Minuten ihren Tribut fordern. Die Shirts sind durchgeschwitzt, die Tarnschminke verlaufen, die Haare feucht. Manche der Rekruten sind noch voller Adrenalin. Für alle gilt es nun erst einmal wieder runterzukommen. Munition überprüfen, durchatmen, etwas trinken und den Übungsdurchlauf auswerten.
„Das Gruppengefechtsschießen ist quasi die Königsdisziplin in der Basisausbildung“, sagt Oberfeldwebel Jan*. Der 52-Jährige ist Gruppenführer und Ausbilder. Das Gruppengefechtsschießen ziehe noch einmal alle Parameter zusammen, die die Rekruten in den vergangenen sechs Monaten gelernt haben – Panzervernichtungstrupp, Maschinengewehr-Trupp, Verhalten als Einzelschütze und Sanitätslagen.
Mit der Leistung seiner Gruppe ist der Oberfeldwebel zufrieden: „Sie rufen immer mehr Gelerntes ab und man merkt, dass sie immer mehr das ,Soldat-sein‘ verkörpern – also immer mehr das rausholen, was unser Beruf mit sich bringt: Einsatzbereitschaft, nicht heulen, nicht quengeln, sondern auch mal – Entschuldigung, wenn ich das mal so sagen darf – den Arsch zusammenkneifen, auch wenn es wehtut.“
Die Herausforderung für den Ausbilder sei die Motivation der Rekruten und das Hochhalten der Leistung gewesen. „Ständige Ansprache, Mut zusprechen, ständig loben – das gehört dazu, auch in diesem echt harten Job“, sagt der Gruppenführer. Denn auch der Beruf „Soldat“ müsse Spaß machen.
Diese Aussage zeigt: Es darf nicht nur darum gehen, Langeweile vorzubeugen, wenn die Bundeswehr mehr Rekruten halten will. Immerhin kann man sich auch langweilen, während man viel zu tun hat. Es geht um die Art der Tätigkeit und die Attraktivität des Gesamtpakets Bundeswehr. Generalmajor Heico Hübner, der künftig als stellvertretender Inspekteur Heer in Straußberg tätig sein wird, sieht das Heer mit der Umstellung auf die Basisausbildung auf dem richtigen Weg: „Das bringt eine sehr hohe Identifikation mit sich und belebt den Teamgeist zwischen denen, die schon länger Soldat sind und denen, die als junge Rekruten hinzutreten.“
Seit der Einführung der Basisausbildung Ende 2023 ist die Abbruchquote von 27 Prozent (2023) auf 25 Prozent leicht gesunken und befindet sich damit auf dem Niveau von 2021. Allerdings betrachten diese Zahlen nicht nur das Heer, sondern die Bundeswehr insgesamt und somit beispielsweise auch Marine und Luftwaffe, bei denen es weiterhin die allgemeine Grundausbildung gibt.
Um die Abbruchquote weiter zu senken, begegne die Bundeswehr den Abbrüchen mit einer Vielzahl an Maßnahmen, so eine Sprecherin der Bundeswehr. Das Senken der Quote ist auch nötig. So sagt Generalleutnant Robert Sieger, Präsident des Bundesamtes für Personalmanagement der Bundeswehr, im Interview mit unserer Redaktion: „Jeder und jede, die vorzeitig den Wehrdienst beendet, fehlt uns zweimal: einmal in der Tagesstärke, also den einsatzbereiten Soldaten, und später in der Reserve.“
Der Gefreite Till jedenfalls will bei der Bundeswehr bleiben. Für ihn geht es nach der Basisausbildung weiter auf die Offizier- und Feldwebel-Lehrgänge. Wenn er diese abgeschlossen hat, wird er als Beobachtungsfeldwebel im Joint Fire Support Team (JFST) tätig. Dort wird es zu seinen Aufgaben gehören, Steilfeuer zu beobachten und zu lenken.
* aus Sicherheitsgründen werden die Nachnamen der Soldaten nicht genannt.