Bad Driburg Sieben tote AfD-Kandidaten: Gerüchte im Netz, Gelassenheit am Infostand
Vor der Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen sterben sieben AfD-Kandidaten. Online kursieren wilde Mordtheorien, der Bundesvorstand warnt: Parteimitglieder der AfD lebten gefährlicher. Doch die Zahlen sagen etwas anderes. Und auch beim Ortsbesuch ist davon nichts zu spüren.
Am Mittwochmorgen, um kurz nach halb elf, stellen Klaus Lange und eine Handvoll Mitstreiter zwei Bartische auf, bezogen mit blauen Laken. Darauf: Fähnchen in Schwarz-Rot-Gold, Flyer, Feuerzeuge. Lange, 64, trägt ein graues Sakko über dem gestreiften Hemd und schnipst seine Zigarette weg. Der AfD-Infostand am unteren Ende der Fußgängerzone von Bad Driburg, Landkreis Höxter, ist eröffnet.
Erste Passanten bleiben stehen. Meist sind es Ältere, die Einkaufstüten tragen oder ihren Hund ausführen. Manche greifen nach einem Flyer, die Gespräche sind eher beiläufig, es wird nett gegrüßt. Man kennt sich hier in der 20.000-Einwohner-Stadt, rund 30 Autominuten östlich von Paderborn. Ein Aufsteller vor dem Stand zeigt das Gesicht von Lange: Bürstenhaarschnitt, Brille, breites Lächeln. „Bürgermeisterkandidat“ steht darunter, „Einer von uns“.
Wenige Tage sind es noch bis zur Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen. Am Sonntag dürfen fast 14 Millionen Menschen über die Zukunft ihrer Städte und Landkreise abstimmen. Es geht um Bürgermeister und Landräte, um Mandate in den Stadträten, Kreistagen, Bezirksvertretungen.
Die Wahl gilt als erster Stimmungstest für die schwarz-rote Koalition in Berlin. Entscheidend sind dafür nicht nur die Prozentzahlen für CDU und SPD, entscheidend ist auch das Abschneiden der AfD. Die in Teilen rechtsextreme Partei hofft auf eine Verdreifachung des Ergebnisses von vor fünf Jahren. Damals landete sie landesweit bei gut fünf Prozent, jetzt will sie sich im Westen weiter etablieren.
Außerhalb von Nordrhein-Westfalen dürften bei vielen Menschen vor allem zwei Ereignisse aus dem Wahlkampf hängengeblieben sein. Da war im August die Wahlempfehlung für die AfD aus den USA von Elon Musk. Auf seiner Plattform X warnte der Techmilliardär erneut vor dem „Ende Deutschlands“, wenn nicht die AfD gewählt werde. Anlass war das „Fairness Abkommen“, das alle Parteien mit Ausnahme der AfD unterzeichnet haben, die bei der Kommunalwahl in Köln antreten. Darin verpflichten sie sich unter anderem, nicht auf Kosten von Menschen mit Migrationshintergrund Wahlkampf zu betreiben.
Und dann waren da die Toten und die bizarren Erzählungen, die um sie gestrickt wurden. Sieben AfD-Kandidaten sind vor der Kommunalwahl gestorben. Hinweise auf Fremdverschulden gibt es nicht. Sechs Politiker starben eines natürlichen Todes, einer nahm sich das Leben. Auch eine statistische Auffälligkeit liegt laut Landeswahlleitung nicht vor. Bei mehreren Tausend Bewerbern kommt es vor jeder Wahl zu Todesfällen unter den Kandidaten.
Statistik wirkt aber nicht gegen Verschwörungstheorien. Vor allem in den sozialen Medien finden sich zahlreiche Spekulationen zu den Todesfällen, die bis zu Mordverdacht reichen. Auch die Parteispitze der AfD raunte mit: „Vier AfD-Kandidaten gestorben“, schrieb Parteichefin Alice Weidel über einen Post des Verschwörungsideologen und Finanzwissenschaftler Stefan Homburg, der die Tode für „statistisch fast unmöglich“ hält. Ähnlich äußerte sich der AfD-Bundestagsabgeordnete Stephan Brandner.
Kay Gottschalk, stellvertretender Landesvorsitzende der AfD NRW und Mitglied im Bundesvorstand, widersprach im Interview mit „Welt TV“ zwar jeglichen Mordgerüchten und rief seine Partei zu Zurückhaltung auf. Gleichzeitig regte er an, über die „vielleicht wirklichen Ursachen der Todesfälle“ zu sprechen: dass AfD-Politiker aufgrund des medialen und privaten Drucks „gefährlicher und ungesünder leben“ als andere Menschen. Die AfD sieht sich als Opfer – ein bekanntes Muster.
In Bad Driburg klingt das alles sehr fern. „Im Vergleich zu vor fünf Jahren läuft der Wahlkampf für uns entspannter“, sagt Bürgermeisterkandidat Lange. Die Menschen hätten weniger Vorbehalte gegenüber seiner Partei als bei vergangenen Wahlen. Plakate seien nicht beschädigt worden, Anfeindungen habe es keine gegeben. Und die Toten? „Kein Thema bei den Leuten“, sagt er knapp.
Neben ihm steht Peter Eichenseher, auch er wirbt in der Einkaufsstraße um Wählerstimmen. Der 71-Jährige saß mal für die Grünen im Landtag in Düsseldorf. Seit 2019 ist er Mitglied der AfD, jetzt will er Landrat des Kreises Höxter werden. Als Politiker brauche man eine robuste Psyche, sagt Eichenseher. Und klar, man müsse viel aushalten, egal von welcher Partei, anonymer Hass im Netz, Pöbeleien auf der Straße. Aber auch Eichenseher betont, dass es keine nennenswerten Vorfälle in den vergangenen Wochen gegeben habe, zumindest nicht hier in Bad Driburg.
Nicht überall ist es so ruhig. Das Innenministerium in NRW zählte allein in den Wahlkampfmonaten Juli und August dutzende Fälle politisch motivierter Straftaten. Am häufigsten betroffen: die CDU. 76 Mal waren die Christdemokraten Ziel von Übergriffen. Dahinter folgen AfD (68) und SPD (60).
Eine exakte Aufschlüsselung der Delikte liefert die Behörde nicht. Bekannt ist nur, dass in den beiden Monaten insgesamt 55 Diebstahlsdelikte erfasst wurden. Entwendete Wahlplakate, zum Beispiel. Unklar ist dagegen die Zahl der Gewalttaten. Auf Anfrage teilte der Landesverband der FDP mit, dass eines ihrer Mitglieder in Bonn körperlich angegriffen worden sei. Und nach Angaben der SPD würden Wahlkampfhelfer beim Plakatkleben verstärkt angefeindet.
Es ist ein Trend, der sich landauf, landab beobachten lässt. Bundesweit gab es lange kaum verlässliche Zahlen, wie viele Politikerinnen und Politiker Aggressionen und Gewalt erleben. Erst im Mai brachte eine Dunkelfeldstudie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen genauere Daten. Dafür befragten die Forscher fast 1.500 Politiker. Das Ergebnis: Mehr als 60 Prozent waren mindestens einmal betroffen. Frauen häufiger als Männer, sie traf insbesondere sexualisierte Gewalt.
Die Folgen der Übergriffe sind gravierend: Laut der Untersuchung verändert jeder Fünfte aufgrund der Gewalterfahrungen das eigene Verhalten, bleibt Veranstaltungen fern, geht nicht mehr in den Wahlkampf. Das betrifft vor allem Politiker, die Themen wie Diskriminierung, Klima oder Gleichstellung ansprechen. Und manche hören deshalb auf. Seinen überraschenden Rückzug aus der Politik im Oktober 2024 begründete der ehemalige SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert auch mit Anfeindungen. Aus ähnlichen Gründen kandidierte auch der CDU-Politiker Marco Wanderwitz nicht mehr bei der letzten Bundestagswahl.
„Der Job von Politikern ist herausfordernd und verlangt ein dickes Fell“, sagt Benjamin Höhne von der TU Chemnitz. „Sie werden lächerlich gemacht, beschimpft oder zunehmend sogar angegriffen.“ Das bekommen Vertreter aller Parteien zu spüren, doch die AfD habe mehr als andere zu diesem Trend beigetragen. „Die Verrohrung der politischen Kommunikation ist auch auf den Rechtspopulismus zurückzuführen“, so der Politologe.
In Bad Driburg verteilt Klaus Lange weiter Flyer und ein Zehn-Punkte-Programm seiner Partei. Die drei Polizisten und der Mitarbeiter vom Ordnungsamt, die die Stadt sicherheitshalber geschickt hat, stehen etwas nutzlos herum. Sie sollen auch eine Gegenkundgebung im Blick behalten. Rund 200 Meter entfernt parkt ein grauer Bus. Nicht irgendein Bus, sondern ein ehemaliger Gefangenentransporter. Er gehört dem „Zentrum für politische Schönheit“, einem Aktivistenkollektiv aus Berlin, das im Juli für ein paar Tage Schlagzeilen machte, als es das ARD-Sommerinterview von Alice Weidel im Getöse untergehen ließ.
Die Gruppe zieht nun mit dem Bus durch Deutschland, immer dahin, wo die AfD Wahlkampf macht. Bad Driburg ist der erste Halt. Mit der Aktion wollen sie für ein Verbot der Partei werben. In den Zellen im Inneren des Fahrzeugs liegen demnach 2.500 Belege für eine entsprechende Maßnahme.
Einige AfD-Anhänger filmen den Bus. Aber sonst passiert nichts. Kein „Scheiß AfD“-Chor, keine Eskalation, während im Netz die Gerüchte über die Todesursachen der sieben AfD-Mitglieder weiterlaufen.