Osnabrück  Wie erfolgreich dürfen Frauen sein? Annalena Baerbock, Caroline Wahl und die vielen Neider

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 13.09.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im neuen Amt angekommen: Annalena Baerbock steht nun der Vollversammlung der Vereinten Nationen vor. Foto: IMAGO/Luiz Rampelotto/Europanewswire
Im neuen Amt angekommen: Annalena Baerbock steht nun der Vollversammlung der Vereinten Nationen vor. Foto: IMAGO/Luiz Rampelotto/Europanewswire
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Nichts als Häme für Politikerin Annalena Baerbock, viel Spott für Autorin Caroline Wahl: Wie erfolgreich dürfen Frauen in Deutschland sein? Mein Einspruch gegen Neid und Häme.

Wir sind Papst! Erinnern Sie sich noch an diese Schlagzeile? Die „Bild“ titelte am 20. April 2005 mit dieser Formulierung ihren Bericht über die Wahl Joseph Kardinal Ratzingers zum Papst. Die „Bild“ nehme ich nicht zur Hand. Trotzdem traf diese Headline eine Stimmung. Und zwar so sehr, dass ich mich heute frage, warum wir die Wahl Annalena Baerbocks zur Präsidentin der Generalversammlung der Vereinten Nationen nicht so kommentieren: Wir sind UNO!

Nun möchte ich weder den Papst mit der Uno vergleichen, noch Papst Benedikt XVI. mit der ehemaligen Bundesaußenministerin und Grünen-Politikern in einer Kategorie sehen. Darum geht es auch nicht. Worum es geht: So viele Leute schaffen es nicht, den guten Schritt eines anderen anzuerkennen, sich auch über jenen Erfolg zu freuen, der nicht der eigene ist. Worum es geht: Die Initiative anderer Menschen als Ansporn zu verstehen und sie nicht herunterzumachen.

Ja, ich fand Baerbocks Auftritt mit Jeans und Yellow Cab auch ein bisschen aufgesetzt. Ich habe kurz darüber gelächelt, dann aber gedacht: Gut, dass es sie es wie Robert Habeck macht, dass sie sich nicht festhält an einem alten Status und einer abgeschlossenen Phase der eigenen Karriere. Ob Baerbock oder Habeck: Beide gehen ins Offene, stellen sich damit auch selbst auf die Probe. Nur so entsteht eine neue Perspektive. Warum ist das keine Anerkennung wert – und auch keine Neugier?

Die Kommentare, mit denen Baerbocks Start in New York nun bedacht wird, finde ich entsetzlich. Der Pappbecher, den sie in der Hand hält, ist offenbar wichtiger als die UNO und das, was eine deutsche Politikerin dort versucht, zum Besten der Welt und ihrer Sicherheit auszurichten. Mich erschüttert die kleingeistige Häme, die da wieder einmal sichtbar wird. Viele dieser Reaktionen lassen nur einen Schluss zu: Wir leben in einer Gesellschaft des Neids.

War das jemals anders? Ich höre schon diesen Einwand. Und antworte: Ja, der Neid ist keine neue Erscheinung. Er gehört übrigens zu jenen sieben Todsünden, die die katholische Kirche seit Jahrhunderten anprangert. Aber heute ist eine neue Qualität zu beobachten, ein Grad der Erbitterung, der Sorge macht. Neider sind keine positiv denkenden Menschen, keine Leute, mit denen sich etwas aufbauen oder erreichen lässt. Sie lästern lieber als anzupacken.

Aber ist das schöne Leben nicht gerade das, in dem es vorangeht, Menschen am besten im Verein Gutes erreichen – oder es zumindest versuchen? Dazu gehört allerdings eine Kultur der Anerkennung. Ich finde es bedenklich, wie schwer es gerade Frauen immer noch haben, für ihre Leistungen anerkannt und gesehen zu werden. Die Häme, mit der gerade Annalena Baerbock jetzt bedacht wird, zeigt, wie wenig fortschrittlich noch immer gedacht wird.

Die Bestsellerautorin Caroline Wahl – kleiner Szenenwechsel – setzt dem gerade ihre sehr selbstbewussten Karriereziele entgegen. Die junge Autorin von Bestsellern wie „22 Bahnen“ und „Windstärke 17“ hat sich ganz offen darüber geärgert, nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert zu sein. Sie erinnert mich damit an ihren Autorenkollegen Clemens Meyer, der 2024 bei der gleichen Entscheidung leer ausgegangen war und prompt die Jury beschimpft hat. Wahl sagt heute ganz kess: Den Buchpreis hole ich mir noch.

Ja, Frauen sollen offen über ihre Wünsche und Ziele sprechen können. Darin stimme ich Caroline Wahl ebenso zu wie Annalena Baerbock. Ich sage auch: Warum findet ein guter Ehrgeiz eigentlich so wenig Unterstützung? Woher kommt diese ganze kleinmütige Lust am Mittelmaß? Von Caroline Wahl hätte ich mir nur gewünscht, dass sie sagt, möglichst gute Bücher schreiben und künstlerisch wachsen zu wollen. Mit ihrer Ambition macht sie aus dem Literaturbetrieb einen reinen Karrierebetrieb. Das finde ich dann doch etwas oberflächlich.

Das passt zu Wahls neuem Roman „Die Assistentin“, einem Buch, das aus der Sicht einer jungen Verlagsassistentin von einem Verleger erzählt, der als neurotischer Alpha-Mann erscheint. Mich hat bei der Lektüre erstaunt, wie sehr es in diesem Buch um Karriere und Status geht und wie wenig um Menschen. Ist „Die Assistentin“ ein Neidbuch, von einer Autorin, die reklamiert, als Frau um ihren Erfolg nicht beneidet zu werden?

Gleichviel, ich mag die Missgunst nicht, habe keine Lust auf Hinterträger und ihre Häme. Und ich wünsche Annalena Baerbock Glück in der UNO und Robert Habeck Fortüne für seine Studien. Mal schauen, mit welchen Einsichten sie zurückkehren. Ich bleibe neugierig.

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