Garbsen Lila-weiße Farbe wirft schwarze Schatten: Ein Besuch auf der Anlage des TSV Havelse
Die Aufräumarbeiten beim TSV Havelse nach dem Vandalismus-Einbruch in der Nacht vor dem Gastspiel des VfL Osnabrück werden noch Monate dauern. Der finanzielle Schaden ist immens, die Folgen für alle Mitglieder auch der Breitensport-Sparten für jeden spürbar, der sich auf der Anlage bewegt. Ein Ortsbesuch.
Wer sich in diesen Tagen des TSV Havelse mit dem Auto nähert, registriert als erstes frische weiße Farbflächen: provisorisch aufgetragen auf Teilen der mit den Jahren ergrauten Tribünen-Rückwand des Wilhelm-Langrehr-Stadions. Sie sind Resultat der allerersten Ausbesserungsarbeiten nach dem Vandalismus-Einbruch in der Nacht vor dem Gastspiel des VfL Osnabrück beim Drittliga-Aufsteiger aus der Vorstadt Garbsen - an öffentlichkeitswirksamen Flächen, ausgerichtet zur Hauptstraße Richtung Hannover.
Doch schon vom nahen Parkplatz aus, den der Sportverein mit einem Supermarkt nutzt, fallen sie ins Auge: Einige der insgesamt über 100 großen und noch nicht übermalten Schmierereien, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Täter aus dem Umfeld der Fanszene des VfL hinterlassen haben. Dollarzeichen, Eurozeichen, durchgestrichene oder sonstwie verschandelte Havelse-Wappen an Werbebanden, Parolen an Wänden von Funktionsgebäuden, der Gaststätte, der Toiletten und der Tribünen. Vorwiegend in lila, schwarz und weiß sind plumpe Phrasen wie „Geldgeier“ oder „20 Euro - nein danke“ zu lesen.
Noch ist völlig unklar, ob am Ende irgendjemand für die Schäden aufkommt oder der TSV auf dem Großteil des Schadens sitzen bleibt - aktuell ein nicht völlig unwahrscheinliches Szenario. Sicher ist, dass es eher Monate als Wochen dauern wird, bis all diese Dinge beseitigt sind. Nicht nur, weil Polizei und Versicherungen noch längst nicht durch sind mit der Schadens-Aufnahme und der Klub deshalb noch nicht großflächig mit dem Aufräumen beginnen darf. Sondern auch, weil man an jeder Ecke immer wieder etwas Neues entdeckt, was die nächtlichen Einbrecher nachhaltig verschandelt oder beschädigt haben beim Vandalismus-Zug über das Gelände. Etwa durchgeschnittene Tor- und Fangnetze auf den zwei Rasenplätzen im Schatten der Umkleidekabinen hinter der Haupttribüne.
Die in lila besprühten Torpfosten im Stadion wirken wie eine Kleinigkeit - weil aber das nur durch Chemikalien-Einsatz mögliche Ablösen der Farbe die witterungsbeständige Pulverbeschichtung der Pfosten beschädigen würde, wird die Sache kompliziert und teuer. Offensichtlich ist das bei der nachhaltig beschädigten LED-Wand, die erst zu den Aufstiegsspielen gegen Lok Leipzig vor drei Monaten für einen fünfstelligen Betrag angeschafft worden ist. Ebenso bei der Verwüstung der Sprecherkabine über der Tribüne, welche die Taten endgültig zu einem Einbruchsdiebstahl machen.
Von dort haben die Täter Kleidung entwendet und technische Materialien. Etwa ein Mikrofon, das am Tag darauf beim Spiel in der Eilenriede in Hannover im VfL-Fanblock auftauchte: Repräsentativ an einen Fahnenmast gebunden - eine nachhaltig verstörende Verhöhnung des gastgebenden Klubs. Die gesamte Stadiontechnik in Havelse ist seit jenem Tag nicht mehr nutzbar. Auch hier ein fünfstelliger Schaden, weil man auch hier erst zum Spiel gegen Lok eine neue Lautsprecheranlage angeschafft hatte, die in der Lage war, jeden Stadionblock einzeln anzusteuern.
Seit dem großflächigen und ebenfalls nicht ganz billigem Austausch der Schließanlage, welche die Täter mit einem Silikongemisch irreparabel beschädigt hatten, läuft das Vereinsleben in Havelse wieder halbwegs normal. Aber irgendwie liegt zum Herbstanfang ein Schatten über dem Sportbetrieb auf der Anlage. Registrieren kann man das an Kleinigkeiten - etwa wenn die durch den schmalen Gang zwischen den Häusern zum Kunstrasenplatz laufenden Kinder still, mit starrem Blick und fast schon trotzig nach vorn schauen - und ganz bewusst nicht auf das auffällige Gekritzel an der linken Wand, wo „20 Euro für einen Stehplatz“ in riesiger lila Schrift zu lesen ist.
Sie wollen auch nicht mehr öffentlich sprechen über diese Dinge beim TSV und über den Schaden, der in der ersten Erregung auf mehrere Hunderttausend Euro geschätzt worden ist, am Ende aber sicher am unteren Rand des sechsstelligen Bereichs liegen wird. Sie befürchten beim TSV, dauerhaft auf diese Geschichte reduziert und so in eine Opferrolle gedrängt zu werden. Um überhaupt im Haifischbecken Profifußball zu bestehen, schaffen beim TSV wenige schlecht oder auch gar nicht bezahlte Hände nur mit größtem Improvisationstalent und persönlichem ehrenamtlichen Einsatz überhaupt die Voraussetzungen.
Mit einem Etat für die Lizenzspieler-Abteilung von weit unter einer Million Euro ist man ein Vielfaches hinter der Konkurrenz unterwegs. 16 Spieler kommen aus dem Raum Hannover, 14 haben eine Vergangenheit in der TSV-Jugend. Trainer Samir Ferchichi ist seit fast einem Jahrzehnt im Klub, hatte zuvor die U19 und die U17 trainiert. Er wartet ab dem späten Nachmittag auf der Anlage darauf, dass die Fußballer nach ihrem Haupt- oder Nebenjob zum Training eintreffen, bevor er sie auf den unebenen Plätzen mit teils krummen Linien hinter der Tribüne anleitet - oder im Stadion, wo aktuell ja kein Spielbetrieb stattfindet.
Es wird immer abends trainiert. Die Strukturen entsprechen Feierabendfußball bei diesem nicht einmal 1000 Mitglieder starken Verein, der das Gelände in Erbpacht von der Stadt Garbsen überlassen bekommen und die Gebäude vor Jahrzehnten in Eigenregie errichtet hat. Die Infrastruktur ist zwar nicht marode, aber durchaus in die Jahre gekommen und die eines typischen Viert- oder Fünftligisten. Der inzwischen dritte Ausflug in den bundesweiten Profifußball wird wohl erneut nur kurz bleiben angesichts der finanziellen und damit auch sportlichen Unterlegenheit.
Dass sie nach 2021/22 überhaupt erneut dabei sind in der 3. Liga ist die eigentliche Sensation bei einem Klub, in dem der Innenverteidiger in der Geschäftsstelle mitarbeitet, der Rechtsverteidiger zugleich auch Sportdirektor ist und der Klubsprecher zuvor Geschäftsführer war und auch jetzt noch ganz sicher weit mehr für den Verein leistet als nur Pressearbeit. Die Sensation ist, welch gute Arbeit sie leisten mit wenig Geld - und der Wunsch, dass darüber mehr gesprochen wird, ist nachvollziehbar.
Stattdessen stehen sie in der Kritik wegen Eintrittspreisen am oberen Rand der 3. Liga, obwohl sie die hohen Kosten für den Spielbetrieb in der angemieteten Eilenriede gut erklärt haben - unter anderem sind sie dadurch zustande gekommen, dass man mehr VfL-Fans zugelassen hat als lizenzrechtlich vorgeschrieben, dafür aber aus Sicherheitsgründen provisorische bauliche Veränderungen am Stadion vornehmen und mehr Sicherheitsmitarbeiter engagieren musste. Sie stehen bei einem gewissen Fanklientel auch in der Kritik, weil sie auf ihrer Internet-Homepage um Investoren werben mit dem Ziel, im Jahr 2030 in der 2. Bundesliga zu spielen.
Wer die infrastrukturrellen Voraussetzungen beim TSV kennt, weiß: Es bräuchte mindestens eine mittlere zweistellige Millionen-Investition, um dieses Ziel nachhaltig in Havelse zu realisieren. Es gibt wohl kaum einen Klub im oder am Rande des Profifußballs, der sich einer solchen Summe verschließen würde. Vielleicht würde man dort aber zur Abwehr von plumper Kritik und bei mehr Erfahrung in Profifußball-Kommunikation eher von Partnern als von Investoren sprechen. Oder von Utopien und weniger von Zielen, die möglicherweise sowieso zu hoch gesteckt sind.
Wobei der TSV in der Saison 1990/91 ja schon mal sensationell 2. Bundesliga gespielt hat - ein Erfolg, der nachhaltig mit dem Namen Volker Finke in Verbindung steht. Nach dem langjährigen Erfolgscoach des SC Freiburg, der zuvor Havelse in die Zweitklassigkeit geführt hatte, ist die Trainerbank des Heimteams im Wilhelm-Langrehr-Stadion benannt. Für den TSV ein besonderer, fast schon heiliger Ort. Nun ist er entweiht, weil das Havelse-Rot komplett in lila und weiß überstrichen worden ist.