Osnabrück  Nur wer die Geschichte nicht kennt, schimpft auf die Boomer

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 12.09.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Viele Boomer nahmen den Bau des Eigenheims in die eigene Hand – nach Feierabend und mithilfe von Freunden. Viele Dinge waren früher nicht leichter. Foto: DPA/Jens Schierenbeck
Viele Boomer nahmen den Bau des Eigenheims in die eigene Hand – nach Feierabend und mithilfe von Freunden. Viele Dinge waren früher nicht leichter. Foto: DPA/Jens Schierenbeck
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Mittlerweile ist es äußerst beliebt, die Probleme unserer Zeit auf die Boomer-Generation zu schieben. Warum dies nur von Menschen kommen kann, die sich nie wirklich mit der jüngsten Geschichte auseinandergesetzt haben, hat Chefredakteur Burkhard Ewert notiert.

Manchmal hilft ein Blick zurück, um sich in der Gegenwart besser zurechtzufinden. Als Historiker mache ich das zuweilen und stelle fest, wie sehr manche Streitpunkte eine Frage von Raum und Zeit sind. Dieselben Umstände können an einem anderen Ort oder in einer anderen Epoche komplett anders gesehen werden, während heute und hier verbissen verfochtene Themen von damals oder dort gänzlich gleichgültig sind.

Warum, frage ich mich dann, verkämpft man sich in Fragen, die nur unter bestimmten Prämissen bedeutsam erscheinen, zugleich aber von ebenfalls klugen Menschen zu anderer Zeit oder in einer anderen Gegend vollständig anders bewertet werden oder wurden? Wie kann man sich sicher sein, wirklich für das einzig richtige Ziel zu streiten – und nicht Dinge zum Nonplusultra zu erklären, die in 15 Jahren womöglich egal geworden sind oder sogar mindestens ethisch als illegitim gelten, so wie es ungezählten Positionen der Vergangenheit widerfuhr?

Der Irrtum ist die Regel, nicht die Ausnahme. Sich mit Geschichte zu befassen, lehrt daher Demut und kann in solcher Perspektive fast eine meditative Wirkung entfalten.

Vielleicht erklärt sich so auch, Ende der Vorrede, warum ich mich nicht im Mindesten über die „Boomer“ aufregen kann. Sie kennen die Vorwürfe: Die Babyboomer, also jene, die in den 1950er- und 60er-Jahren geboren wurden, hätten es sich bequem gemacht – hohe Renten, sichere Jobs, Eigenheim, zwei Autos und womöglich noch das Wohnmobil irgendwo beim Bauern abgestellt. Währenddessen rackern sich die Jungen angeblich für die Ansprüche der Alten ab, die obendrein noch das Klima ruiniert hätten.

Doch wer heute glaubt, die Boomer hätten sich in Saus und Braus durchs Leben geschlemmt, sieht nur sich selbst und nicht die Wirklichkeit. In der hat ein Haushalt vor 40 Jahren seltenst über eine Spülmaschine verfügt. Autos gab es nur die Hälfte von heute. Wer mag, kann weitere Details nachlesen in den zeitgeschichtlichen Konsumgüterberichten des Statistischen Bundesamtes.

Nicht einmal hatte jeder Haushalt ein Telefon, geschweige denn jeder Teenager sein eigenes. Während heute im Bürgergeld-Haushalt der Flachbildfernseher zur Entspannung hängt, konnten Menschen bis 1969 zwangsweise in Heimen landen, um „an regelmäßige Arbeit“ gewöhnt zu werden. Obdachlose erhielten vom SPD-Vorsitzenden den Tipp, sie sollten sich rasieren und waschen – dann klappe es bald mit einer Anstellung.

Auch der Städtetrip nach Barcelona war eher selten. Eher ging’s mit dem Faltboot auf den Fluss. Noch heute kochen die Boomer Marmelade selbst. Sie haben Kirschen eingemacht, Steckrüben gegessen, Kartoffeln von den Äckern aufgelesen, Schrumpeläpfel verzehrt und die frische Kuhmilch überlebt, während die ach so darbende Krisen-Generation von heute ihren Chai Latte bestellt, denn Tee ist von gestern.

Überhaupt, die Krise. Der Krieg in der Ukraine soll für Unbeteiligte ein dräuender Ballast der Seele sein? Fragen Sie doch mal Vertriebenenkinder, wie sie es fanden, früher mit Steinen beworfen zu werden. Nicht wenigen werden die Tränen kommen. Fragen Sie Senioren, wie sie es empfanden aufzuwachsen, nachdem der Vater an der Ostfront zerfetzt worden war – oder wenn alle wussten, dass es sich bei ihm um einen schuldbeladenen Nazi handelt.

Später dann die Angst vor dem Atomkrieg, die Ölkrise und das Waldsterben. Massenarbeitslosigkeit, während die Zinsen für Baudarlehen nicht bei 0,8 Prozent lagen, sondern bei 8 Prozent. Wohnungsnot? Macht’s halt selbst, nach Feierabend und mit Freunden, aber nein, von denen fasst keiner mehr mit an, man muss ja erstmal die Härten der Arbeit im Homeoffice mental verdauen.

Da sollen doch lieber, wie ich neulich las, die Alten aus ihren Häusern ausziehen, die sie sich weiland vom Mund abgespart haben. Oder sie sollen einen sozialen Extra-Dienst leisten, nachdem zumindest die Männer anders als die nachfolgenden Jahrgänge in ihrer Jugend bereits Wehr- oder Zivildienst geleistet haben, manche 20 Monate lang.

Nein. So nicht. Was für eine Unverschämtheit. Die Rentner haben ihr Geld verdient. Wer heute jung ist, hat Chancen, die andere Generationen nie hatten. Wer sie nicht nutzt, entscheidet das selbst und muss wissen: Die Boomer waren keine Schmarotzer und sind es heute nicht, sondern Kinder ihrer Zeit. Sie haben aufgebaut, was sie selbst nie hatten und heute andere genießen – oder, schlimmer noch, als selbstverständlich betrachten.

Wer sich daran stört, sollte seine Energie lieber in die Frage stecken, warum trotz Rekordwohlstand so viele Menschen das Gefühl haben, abgehängt und ausgegrenzt zu sein. Zu fragen wäre auch, warum mehr Geld umverteilt wird als jemals zuvor, es aber dennoch für immer weniger zu reichen scheint. Ein materieller Mangel herrscht in diesem Land in Summe nicht. Es fehlt etwas anderes, fürchte ich – und in jedem Fall ein wenig Bewusstsein für die Geschichte und das Leben früherer Generationen.

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