Berlin. T. C. Boyle verrät, ob J.D. Vance noch schlimmer wäre als Trump
. T.C. Boyle spricht im Interview zu seinem neuen Buch „No Way Home“ über Alkohol, Heroin und das Schreiben, über seine Lebenslust und die Erwartung des Todes und ein bisschen auch über Trump – obwohl ihn das Thema eigentlich zu sehr deprimiert.
T.C. Boyle ist ein literarischer Superstar – und gleichzeitig ungeheuer nahbar. Auf Twitter beantwortet er jeden einzelnen Post seiner Fans. Auch im Interview zu seinem neuen Roman „No Way Home“ ist er zugewandt. Zu Beginn versichert er, dass er alle Zeit der Welt hat. Kaum ist das Video-Meeting beendet, kommt eine von mehreren Mails mit freundlichen Rückmeldungen. Aus einem Gag ergibt sich bei T.C. Boyle eben immer gleich der nächste. Dabei ist dem 76-Jährigen eigentlich nicht zum Spaßen zumute – als er über Trump spricht, über das Artensterben und darüber, wie es sich anfühlt, wenn nicht nur der eigene Tod näher rückt, sondern auch der seiner lieben Hündin Ilka.
Frage: Eine Figur in Ihrem neuen Buch ist Autor. Zum Schreiben geht der in eine Bar, um – wie Hemingway und Faulkner – seine Kreativität mit Alkohol zu stimulieren. Funktioniert das wirklich?
Antwort: Meine Figur glaubt das wirklich und darüber mache ich mich lustig. Ich komme aus einer Familie von Alkoholikern. Ich habe früher sogar Heroin genommen. Aber ein Junkie wird man nur, wenn man sonst nichts hat. Und ich habe die Literatur. Alle meine schlechten Angewohnheiten sind der Arbeit untergeordnet. Schreiben ist das Wichtigste für mich. Schreiben und rausfinden, worum es im Leben geht. Mir geht es immer nur um Kunst. Etwas Besseres haben wir als Spezies nicht zu bieten.
Frage: Sie haben neulich einen Blogeintrag geschrieben, wonach Sie sich sogar mies fühlen, wenn Sie nicht scheiben oder wenigstens recherchieren. Warum ist das so?
Antwort: Weil Schreiben unbewusst ist. Wir leben in einer so elendig begrenzten Welt. Das Schreiben nimmt mir für einen Moment das Bewusstsein dafür. Ich nehme nur noch die Sprache wahr und die Bilder, die ich heraufbeschwöre. Natürlich ist Schreiben auch Arbeit. Und natürlich bin ich abgelenkt und schiebe es vor mir her. Aber wenn ich erstmal in diesem Zustand bin, ist es umwerfend.
Jeden Tag postet T.C. Boyle auf X und Bluesky Fotos – zum Beispiel von seinem Hund Ilka:
Frage: Vertrauen die Leser Ihnen bei öffentlichen Auftritten private Geschichten an, in der Hoffnung, dass Sie dann Literatur daraus machen?
Antwort: Ich habe immer ein offenes Ohr für Geschichten, mein Freund. Wenn Sie was zu erzählen haben, her damit! Bei Lesungen ist nicht genug Zeit für Lebensgeschichten. Ich bin aber auf X und Bluesky unterwegs, und meine Follower und ich amüsieren uns jeden Tag mit unseren Posts. Ich sammle da kein Material, aber es ist ein schöner Austausch und ein bisschen frische Luft im hasserfüllten Internet. Eine tägliche Routine ist es auch und Routinen liebe ich. Also poste ich jeden Morgen Bilder vom selben Straßenabschnitt vor dem Haus, von meinem Hund und, als Beweis, dass ich an diesem Tag wirklich noch am Leben bin, auch von der aktuellen Zeitung.
Frage: Können Sie beschreiben, wie Sie eine gute von einer schlechten Idee unterscheiden – vielleicht am Beispiel einer Idee, die Sie verworfen haben?
Antwort: Ich habe noch nie etwas verworfen, in dem schon Arbeit steckt. Nach einer oder zwei Seiten macht man die Sachen zu Ende. Zum Beispiel mein Roman „San Miguel“: Der greift auf die Memoiren von zwei Frauen zurück, die im 19. Jahrhundert auf einer Insel gewohnt haben, direkt vor der Küste von Santa Barbara, wo ich selbst lebe. Ich wollte geradlinig aus der Perspektive dieser strengen, absolut humorlosen Frauen schreiben, ohne die Komik, die ich mir sonst gönne. Das war schwer. Ich hätte es wirklich fast aufgegeben. Aber ich hatte schon 100 Seiten geschrieben. Und jetzt bin ich froh, dass ich drangeblieben bin. Das Buch ist untypisch für mich und ich bin stolz drauf.
Frage: Gibt es Aspekte, die Ihnen beim Schreiben leichter fallen als andere? Mögen Sie vielleicht Beschreibungen mehr als Dialoge?
Antwort: Nein, es muss immer alles aus einem Rhythmus kommen. Es ist, als ob man Musik macht. Man spürt, wann eine Pause nötig ist, man spürt, wenn sich das Tempo ändern muss. Es muss passen, und das klappt nur im Moment der Komposition. Man kann ein Buch nicht mehr umprogrammieren. Ich schreibe gern, weil es mich an Orte bringt, an die ich vorher nicht gedacht hatte. Ich weiß vorher nicht, wie meine Bücher ausgehen. Als ich das Ende von meinem neuen Buch hatte, war ich selbst begeistert. Ich hab‘s vor unserem Gespräch noch mal gelesen. Das Ende hatte ich vergessen, wirklich komplett vergessen. Und jetzt war es richtig befriedigend, dass es sich – zumindest für mich – noch genauso liest, wie es sein muss.
Frage: Das Buch steigt kaum in politische Debatten ein. Die weibliche Hauptfigur sagt allerdings mehrfach, dass sie die Polarisierung nicht mitmacht und für beide Seiten offenbleibt. Kann man das in den USA heute noch? Unparteiisch bleiben?
Antwort: Als ich das Buch geschrieben habe, hat die Rechte gerade die Macht übernommen. Natürlich war ich wütend. Aber ich lasse mir meine Themen nicht von der Politik aufzwingen. Über Politik schreibe ich, wenn ich es will, auf meinem Blog natürlich und ich habe auch eine Kurzgeschichte zum Thema geschrieben, die nächstes Jahr auch in Deutschland erscheint: „2036“ – eine Satire auf alles, was uns gerade passiert.
Frage: Vor einem Jahr haben Sie sinngemäß gesagt: Wenn Trump wiedergewählt wird, werden Sie nicht mehr frei sprechen können. Wird unser Interview jetzt anders als frühere? Haben Sie wirklich Angst, dass Ihnen selbst was passieren könnte?
Antwort: Ja. Ja. Ja. Und ja. Ich habe auch gar keine Lust mehr, darüber zu sprechen. Es bringt nichts. Jeder weiß, wie ich mich in dieser extrem rechten Gesellschaft fühle.
Frage: Soll ich die politischen Fragen lieber streichen?
Antwort: Fragen Sie ruhig.
Frage: Beim Thema Redefreiheit hat mich besonders schockiert, wie schnell nach Trumps Amtsübernahme die Late Show des Trump-Kritikers Stephen Colbert gestrichen wurde. Was waren für Sie die größten Schocks?
Antwort: Es gibt jeden Tag neue Schocks. Die Rechte ergreift die Macht. Vor der Wahl habe ich Volker Ullrichs Hitler-Biografie gelesen, zweimal. Er beschreibt genau das, was gerade in den USA passiert. Wenn es so weitergeht, werden wir bald keine Meinungsfreiheit mehr haben. Ich habe überhaupt keine Idee, wie man das aufhalten soll. Natürlich könnten die Republikaner in den Midterm-Wahlen die Parlamentsmehrheit verlieren. Aber er manipuliert ja jetzt schon den Wahlprozess – zum Beispiel, indem er in Texas die Wahlbezirke neu zuschneidet. Und dann schickt er Militär in alle Städte, in demokratische natürlich, nicht in republikanische. Es ist der Tod unserer Demokratie.
Auch die tägliche Tageszeitung gehört zu den Bildern, die T.C. Boyle täglich ins Netz stellt:
Frage: Sie nennen die Trump-Administration jetzt schon Faschismus und Diktatur und gebrauchen damit schärfere und auch polarisierendere Begriffe als andere, die lieber von Trumps autokratischen Tendenzen sprechen.
Antwort: Dann nennen wir es eben Autokratie. Für mich ist es Faschismus, aber Autokratie ist auch in Ordnung, wenn Sie das lieber mögen. Oder Kleptokratie. Seit seinem Amtsantritt soll Trump seinen persönlichen Reichtum um drei Milliarden Dollar vermehrt haben. Es ist niederschmetternd. Amerika feiert im nächsten Jahr den 250. Jahrestag seiner Unabhängigkeit von König George III. Nur um gleichzeitig einen neuen König – Schrägstrich – Diktator an seine Stelle zu setzen.
Frage: Können Sie als Künstler was zur Kommunikation und zur Ästhetik von Trump sagen? Warum zum Beispiel hat sein Wahlkampf weniger auf das heroische Foto vom Tag des Attentats gesetzt, in dem er die Faust erhebt? Warum gefällt Trump ausgerechnet sein Polizeifoto so gut?
Antwort: Ich weiß es nicht und es ist mir auch egal. Alles, was uns bleibt, ist heulen, jammern und die Hände ringen. Und warten, warten, warten, ob wir ihn stoppen können, bevor es kein Zurück mehr gibt.
Frage: Trump nennt sein soziales Netzwerk Truth Social, obwohl er auch dort immer wieder beim Lügen überführt wird. Warum spielt es keine Rolle, dass er nicht die Wahrheit sagt?
Antwort: Es ist ein Personenkult. Es geht um den starken Mann und um Propaganda. Ob Sie das nun Faschismus nennen oder Autokratie: Unsere Demokratie ist zerschlagen. Ich hoffe, dass der Kongress oder das Oberste Gericht, das er in der Tasche hat, zu Sinnen kommen. Und dass sie ihn bremsen, bevor es nicht mehr geht. Vielleicht ist es schon zu spät. Es ist unglaublich deprimierend, jeden Tag in dieser Realität aufzuwachen. Aber noch einmal, mein lieber Freund: Ich will nicht der amerikanische Autor sein, der nur noch über dieses eine so vernichtende und verstörende Thema spricht. Jeder, der sich für dieses Interview interessiert, weiß sowieso, wie ich mich fühle.
Frage: Dann ist das meine letzte Frage zum Thema: Wäre Vizepräsident J.D. Vance besser oder schlimmer als Donald Trump? Und – haben Sie seinen Roman gelesen?
Antwort: Ich hab das Buch nicht gelesen. Nach seinen öffentlichen Äußerungen zu urteilen, kommt er mir vor wie jemand aus der Beamten-Elite in Margaret Atwoods „Report der Magd“. Irgendwann wird die rechte Bewegung an ihrer eigenen Kraft ersticken. Sie wird aber auch sterben, wenn man ihr den Kopf abschlägt. Meine Antwort auf die Frage nach J.D. Vance wäre also: Da ist nichts. Es gibt gar nichts außer Trump. Und wenn Trump verschwinden würde, hätten wir eine Chance, unsere Demokratie zu erlösen.
Frage: Ich mache einen harten Schnitt und frage ein Thema ab, das Sie lieber mögen: Tiere.
Antwort: Jetzt sprechen wir eine Sprache! Tiere sind etwas, das Sie in meinem ganzen Werk verfolgen können.
Frage: Ich fange beim letzten Roman an: „Blue Skies“ handelt vom Artensterben. Wenn Sie eine einzige Spezies retten könnten – welche wäre das?
Antwort: Die Hirschzecke.
Frage: Ausgerechnet. Das einzige Tier, vor dem man wirklich Angst haben muss. Wegen eines Zeckenstichs verliert eine Figur in dem Buch doch sogar ihren Arm.
Antwort: Dann nehme ich ein anderes Tier: Homo sapiens.
Frage: Warum uns?
Antwort: Weil wir unserer Selbstausrottung entgegenrasen. Und weil ich uns liebe. Ich habe lange dagegen angeschrieben. Vor vielen Jahren habe ich in „Ein Freund der Erde“ eine überbevölkerte Welt nach der Klimakatastrophe geschildert. Danach wurde ich oft gefragt, ob es noch Hoffnung gibt – als wäre ich ein Guru. Ob ich ein Menschenfeind bin, wurde ich auch gefragt. Aber ich liebe unsere Spezies. Besonders die Frauen.
Frage: Weil Frauen für die Endzeit besser gewappnet sind?
Antwort: Ich bin heterosexuell.
Frage: Erinnern Sie sich an allgegenwärtige Tiere aus Ihrer Kindheit, die es heute nicht mehr oder nur noch selten gibt?
Antwort: Gute Frage. Also, aufgewachsen bin ich in New York. Und obwohl ich danach fast mein ganzes Leben lang in Kalifornien war, fühlt sich hier immer noch alles neu für mich an. Die Eidechse, die da draußen auf einem Stein sitzt, kannte ich in meiner Kindheit nicht. Was ich heute nur noch selten sehe, sind Gottesanbeterinnen. Die entdecke ich vielleicht einmal im Jahr – und dann hat es was Magisches. Ich habe sogar mal Eier von einer Gottesanbeterin gekauft. Sie schlüpften und verschwanden. Ab und an kommt auch eine Stabschrecke vorbei. Überwältigend. „Blue Skies“ habe ich auch wegen des Insektensterbens geschrieben. Und wegen der invasiven Arten. Im Everglades-Nationalpark sind es Pythons. Ich habe nie begriffen, warum man die in Florida halten darf. Diese Schlangen werden riesig. Natürlich bringen die Besitzer es nicht über sich, sie zu töten, wenn sie zu groß werden. Also werden sie ausgesetzt. Und jetzt gibt es in den Everglades keine Säugetiere mehr. Die Schlangen fressen alles, Waschbären, Biber, sogar Hirsche.
Frage: Ein Tier, das ich oft in Ihren Twitter-Posts sehe, ist Ihr Hund. Was ist das für einer? Wie heißt er? Und was haben Sie für eine Beziehung?
Antwort: Im Moment liegt sie hier und hilft mir beim Interview. Sie ist ein ungarischer Puli, das sind die Hunde mit den Dreadlocks. Leider treten langsam Tod und Kummer in unser Leben. Ilka ist jetzt zwölf und ich fürchte mich vor der Zeit, in der ich keinen Hund mehr haben werde. Aber es stimmt: Sie ist mein ständiger Begleiter, Tag und Nacht. Große Touren unternimmt sie nicht mehr mit mir, das war mal.
Frage: Haben Sie den Hund je in Ihren Büchern porträtiert?
Antwort: Das kann ich nicht. Wobei ich eigentlich über aber alles schreiben darf, zumindest so lange das in diesem Land noch erlaubt ist. Es gibt nur zwei wirkliche Ausnahmen: meine Ex-Freundinnen und die Verwandten meiner Frau. Schade – das wäre das beste Material.
Immer am Morgen um 6.15 Uhr kalifornischer Zeit meldet sich T.C. Boyle mit einem ersten Foto im Netz:
Frage: Ich weiß nicht, ob man das fragen darf: Haben Sie je persönliche Erlebnisse für literarische Sexszenen verwendet? Und sind Sie erwischt worden?
Antwort: Meine Frau erlaubt mir ausschließlich, über den ehelichen Sex zu schreiben. Sie ist meine erste Leserin. Ich lese ihr alles laut vor. Ich bin aber sowieso kein biografischer Autor. Beim „New Yorker“ erscheint demnächst die Erzählung „The Pool“, in der ich doch mal Erinnerungen verarbeite, wenn auch nicht streng autobiografisch. Ein echtes Porträt von Menschen, die ich kenne, habe ich nur zweimal geschrieben. Der Schurke aus „Grün ist die Hoffnung“ ist ein Freund von mir, und da habe ich den Nagel auf den Kopf getroffen. Er liebt es und hat ein T-Shirt mit dem Bild vom Buch. Im anderen Fall habe ich über eine Freundin geschrieben, die selbst Autorin ist. Sie hat seitdem nie mehr mit mir gesprochen.
Frage: Sie haben mal über die Wertschätzung geschrieben, die alte Menschen in Japan genießen – weil sie einem „das Vergnügen unzeitgemäßer Gedanken“ bereiten. Haben Sie mit 76 selbst unzeitgemäße Gedanken?
Antwort: Na ja, ich denke seit meiner Kindheit jeden Tag über den Tod nach. Und der kommt näher. Für Schriftsteller geht es immer nur um eins: Was bedeutet es, hier angespült worden zu sein – auf einem Planeten, den der Tod beherrscht. Wie soll man da leben? Ich bin depressiv und voller Lebenslust. Ich habe meine Familie, ich habe Freunde und meine Twitter-Bekanntschaften. Ich habe die Leute im Verlag, die ich kenne und liebe. Ich bekomme viel Liebe von all diesen Menschen und von meinem Hund. Aber meistens bin ich allein.
Frage: Als Kind weiß man, dass man irgendwann tot sein wird. Was man erst später begreift, ist, dass das Sterben schon vorher anfängt: wenn Freunde sterben oder dement werden und die eigene Welt schrittweise mit ihnen verschwindet.
Antwort: Das Leben besteht aus Abschnitten und ich bin im letzten. Ich habe gerade nochmal Tolstois „Tod des Iwan Iljitsch“ gelesen. Das ist eine sehr akkurate Beschreibung davon, was Sterben bedeutet. Wenn Sie richtig depressiv werden wollen, lesen Sie das. Die Figur wird im letzten Augenblick von Gott erlöst, aber an den glaube ich nicht. Erfreulicherweise bin ich selbst in guter Verfassung.
Frage: Ich bin jetzt 50 Jahre alt …
Antwort: … und wenn Sie richtig viel Glück haben, werden Sie alt.
Frage: Worauf kann ich mich da freuen?
Antwort: Man hat immer die Natur. Als reifer Mann haben Sie vielleicht eine kontemplativere Weise, das auf sich wirken zu lassen. Und wahrzunehmen, was es heißt, selbst ein Tier zu sein – abseits von diesem Gehirn, das uns den ganzen Tag verrückt macht. Manchmal ist es am besten, den Computer zuzuklappen und in den Wald zu gehen, allein oder mit einem Hund. Da kann man nichts sein als einfach nur ein Lebewesen. Das holt einem aus dem Bewusstsein. Und es gibt einem ein Gefühl dafür, dass man dazugehört. Mit einem Buch oder Film geht das auch. Das ist es, worauf wir uns freuen können. Und genau das werde ich nachher auch tun.