Osnabrück  Altkleider-Paradox: Warum die EU-Verordnung für mehr Unruhen sorgt

Cara-Celine Kreth
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Von Cara-Celine Kreth
| 08.09.2025 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Viele Menschen bringen ihre Kleidung in Container – doch immer häufiger landet dort auch minderwertige oder unbrauchbare Ware. Foto: IMAGO/Winfried Rothermel
Viele Menschen bringen ihre Kleidung in Container – doch immer häufiger landet dort auch minderwertige oder unbrauchbare Ware. Foto: IMAGO/Winfried Rothermel
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Die EU will Textilabfälle reduzieren, doch in Deutschland zeigt sich ein paradoxes Bild: Die Qualität der gespendeten Kleidung sinkt, Container quellen über – und immer öfter landet der falsche Stoff darin. Was ist da nur los?

Es klang nach einem Versprechen für mehr Nachhaltigkeit: Seit dem 1. Januar 2025 müssen Textilien EU-weit getrennt gesammelt werden. Kein T-Shirt, keine Hose, kein Kleid soll mehr im Restmüll landen. In Deutschland allerdings hat sich für Verbraucher faktisch nichts geändert: Die Getrenntsammlung über Container und andere Rückgabepunkte existiert seit vielen Jahren. Ein ausdrückliches Verbot, Textilien in den Restmüll zu geben, besteht nicht.

Trotzdem sorgt die neue Vorgabe für Turbulenzen. Laut dem Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft (BDE) seien viele Menschen unsicher, wie sie mit alter oder beschädigter Kleidung umgehen – und werfen sie deshalb kurzerhand in die Altkleidercontainer. Dort gehören solche Textilien ebenso wenig hinein wie Teppiche oder Bettzeug. Solche „Fehlwürfe“ verschlechtern vor allem die Qualität der Sammlung: Ein Sprecher des BDE teilte unserer Redaktion mit, dass inzwischen bis zu ein Viertel des Inhalts aus nicht verwertbaren Textilien besteht.

Parallel dazu kämpfen Städte und Sammler mit einem anderen Problem: Immer häufiger quellen Container über, weil die Sammelmengen zunehmen oder die Entsorgung nicht hinterherkommt. In Hannover zog die Stadt 2025 die Reißleine und baute alle öffentlichen Sammelstellen ab, weil sie regelmäßig überfüllt und zusätzlich mit Müll verunreinigt waren.

Die Altkleiderbranche kämpft schon seit Jahren mit wachsenden Problemen. „Fast Fashion“ überschwemmt den Markt mit kurzlebiger Billigware, die kaum länger als eine Saison getragen wird. Hinzu kommt, dass Bürger zunehmend stark verschlissene oder verdreckte Kleidung in die Container werfen, wie ein Sprecher des BDE unserer Redaktion erklärte. Das Resultat: Die Mengen steigen, der Anteil tatsächlich wiederverwendbarer Kleidung sinkt – und die wirtschaftliche Verwertung wird immer schwieriger.

Die getrennte Erfassung von Textilien sei notwendig, um Wiederverwendung und Recycling zu ermöglichen, betont ein Sprecher des Verbands. Doch das System lohne sich nur, wenn die Qualität stimme. Gut erhaltene Kleidung findet Absatz auf dem Gebrauchtmarkt, während beschädigte Stücke bislang oft nur verbrannt werden.

Noch komplizierter wird es durch wegbrechende Absatzmärkte: In der Ukraine, in Afrika oder Asien wird gebrauchte Kleidung zunehmend von billigen Neu-Importen verdrängt. Perspektivisch könnten neue Verfahren wie das Faser-zu-Faser-Recycling – also die Aufbereitung alter Textilfasern zu neuen Garnen für die Produktion von Kleidung – eine größere Rolle spielen. Dafür braucht es jedoch stabile Mengenströme und bessere politische Rahmenbedingungen, zum Beispiel durch eine Herstellerverantwortung.

Setzt sich der Negativtrend fort, hat das handfeste Konsequenzen: Sinkt die Qualität weiter oder gehen Sammler pleite, verschwinden Container aus dem Stadtbild. Für Verbraucher wird die Abgabe dann deutlich umständlicher – oft bleiben nur noch Wertstoffhöfe. Ein Teil der Altkleider könnte so am Ende doch im Restmüll landen – genau das, was die EU eigentlich verhindern wollte.

Nach BDE-Beobachtung ist die Akzeptanz in der Bevölkerung grundsätzlich hoch: Zahlreiche Menschen geben ihre Kleidung bewusst in Container oder an karitative Einrichtungen. Entscheidend sei, die Bevölkerung gezielt aufzuklären und die Sammelsysteme niederschwellig zugänglich zu machen.

Die EU-Vorgabe setzt einen wichtigen Impuls, so der BDE. Damit sie Wirkung entfalten kann, brauche es aber eine klare Umsetzung, stabile Finanzierung und Investitionen in moderne Recyclingtechnologien. Nur dann bekommen alte T-Shirts, Hosen und Kleider tatsächlich eine zweite Chance – und landen nicht wieder dort, wo sie längst nicht mehr hingehören: im Restmüll. Für Verbraucher heißt das, gut erhaltene Kleidung weiterhin in die Sammelcontainer oder an karitative Einrichtungen zu geben.

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