Trauercafé in Aurich  Sie haben ihre Liebsten verloren – und sich angefreundet

| | 05.09.2025 18:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Gisela Arendt (links) und Heike Kutschke sind seit Beginn des Angebots beim Trauercafé dabei. Foto: Eva van Loh
Gisela Arendt (links) und Heike Kutschke sind seit Beginn des Angebots beim Trauercafé dabei. Foto: Eva van Loh
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Sie haben ihre Liebsten verloren – und finden im Trauercafé des Hermann-Bontjer-Hauses in Popens einen Ort, an dem Erinnerungen lebendig bleiben dürfen. Wir haben mit zwei Angehörigen gesprochen.

Aurich - Sie lachen, weil es hilft. Sie erzählen von den Eigenheiten ihrer verstorbenen Liebsten, von den Momenten, die bleiben. Im Trauercafé des Hermann-Bontjer-Hauses in Popens sitzen fünf Frauen zusammen. Zwei von ihnen haben einen geliebten Menschen verloren: Heike Kutschke ihren Mann Manfred, Gisela Arendt ihren Bruder Herbert. Manfred, der die letzten Jahre seines Lebens mit Demenz im Awo-Pflegeheim verbrachte; Herbert, den die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „Herby“ nannten. Drei der Mitarbeiterinnen sitzen mit am Tisch, reden mit Gisela Arend und Heike Kutschke. Tauschen Erinnerungen und Anekdoten aus. Zweimal im Jahr bietet das Hermann-Bontjer-Haus Angehörigen an, sich im Trauercafé zu treffen. Um Erinnerungen auszutauschen, um die Trauer für ein paar Stunden nicht allein aushalten zu müssen – und um in gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen.

Dabei ist es wichtig, dass auch die Awo-Mitarbeiterinnen mit dabei sind, denn auch sie kannten die Verstorbenen. Heike Kutschkes Ehemann Manfred lebte sieben Jahre lang im Hermann-Bontjer-Haus in Aurich, bevor er 2023 starb. Er litt an einer starken Demenz und war auf Pflege und Betreuung angewiesen. Gisela Arendt verlor ihren älteren Bruder Herbert, ebenfalls im Jahr 2023. Herbert lebte seit 2011 in dem Auricher Pflegeheim. Er wurde mit einer geistigen Behinderung geboren und hatte manchmal mit Psychosen zu kämpfen.

Im Awo-Heim in Popens treffen sich Kutschke und Arendt sich zweimal im Jahr, um über ihre verstorbenen Angehörigen zu sprechen. Foto: Eva van Loh
Im Awo-Heim in Popens treffen sich Kutschke und Arendt sich zweimal im Jahr, um über ihre verstorbenen Angehörigen zu sprechen. Foto: Eva van Loh

Das Loslassen fällt Angehörigen oft schwer

Ihren Bruder ins Heim zu geben war eine schwere Entscheidung für Gisela Arendt. „Ich habe meinem Vater vor seinem Tod versprochen, dass ich auf Herbert aufpasse“, sagt sie. Die heute 73-Jährige pflegte ihren Bruder zunächst zehn Jahre lang in ihrem eigenen Haus. Doch nachdem Herbert sich bei einem Sturz verletzt hatte und operiert werden musste, rieten Ärzte und Pfleger seiner Schwester, ihn in ein Heim zu geben. Erst zweifelte Gisela Arendt daran, ob es der richtige Weg für ihren Bruder ist. Doch als Herbert gefragt wurde, ob er gern im Heim bleiben möchte, sagte er: „Ich möchte gerne bleiben! Hier ist viel mehr los als zu Hause!“ Noch heute bringt diese Erinnerung sowohl das Pflegepersonal als auch Gisela Arendt zum Lachen. Es ist manchmal fast so, als würde Herbert wieder mit am Tisch sitzen. „Ich hatte Herzklopfen, als ich ihn hierlassen musste“, erzählt seine Schwester heute. „Aber er war hier einfach glücklich.“ Dass ihr Bruder sich im Heim so wohlfühlte, machte ihr diese schwere Entscheidung leichter.

Birgit Euhausen (von links), Carolina Draht und Elisabeth „Lissy“ Klaaßen organisieren das Trauercafé. Auch sie kannten die verstorbenen Angehörigen der Teilnehmerinnen. Foto: Eva van Loh
Birgit Euhausen (von links), Carolina Draht und Elisabeth „Lissy“ Klaaßen organisieren das Trauercafé. Auch sie kannten die verstorbenen Angehörigen der Teilnehmerinnen. Foto: Eva van Loh

Die Erinnerungen an „Herby“ sind heute noch präsent. Vor allem sein ansteckendes Lachen und seine positive Ausstrahlung fallen allen, die ihn kannten, sofort ein, wenn man nach ihm fragt. Er blätterte gern in Bilderbüchern, hatte eine große Vorliebe für Eis und Süßigkeiten und war unter den Pflegern dafür bekannt, dass er immer versuchte, sie zu kitzeln. Herbert hat gerne Zeit im Heim verbracht. Doch das ist nicht bei jedem Bewohner direkt der Fall. Dass es vielen pflegenden Angehörigen zunächst schwer fällt, ihre Lieben ins Heim zu geben, können die Mitarbeiter des Hermann-Bontjer-Hauses gut verstehen. Aber viele Familienmitglieder können die Arbeitslast einfach nicht alleine stemmen. „Manchmal müssen wir uns nicht nur um unsere Bewohner kümmern, sondern auch um ihre Angehörigen“, sagt Carolina Draht, die schon lange im Heim arbeitet. Auch sie kannte Gisela Arendts Bruder und Heike Kutschkes Mann. „Es ist besser, wenn man seine Lieben besuchen kann, wann immer man kann und möchte und sich nicht 24 Stunden um sie kümmern muss, egal wie es einem selbst gerade geht.“ Ihre Kollegin Birgit Euhausen stimmt ihr zu. „Wenn der Frust beim Pflegen der Angehörigen zu groß wird, wird man schnell wütend oder vielleicht sogar aggressiv“, sagt sie. Das sei komplett menschlich. „Wenn man nicht mehr kann, sind wir da, um zu unterstützen.“

Erinnerungen teilen macht die Trauer erträglicher

Auch Heike Kutschke musste sich irgendwann dazu entscheiden, ihren Mann Manfred in die Obhut des Pflegepersonals zu geben. Viele ihrer Nachbarn verurteilten sie dafür. „Die haben zu mir gesagt ‚Wie kannst du ihn ins Heim geben?‘“, sagt die 83-Jährige. „Niemand hat wirklich nachgefragt, warum ich das getan habe. Es hieß nur, dass ich ihn hätte zu Hause behalten sollen. Aber ich konnte ihn ja nicht mal heben. Wie hätte ich ihn alleine pflegen sollen?“ Die Demenz ihres Mannes war so schwer, dass er die letzten sieben Jahre seines Lebens kaum bis gar nicht gesprochen hat. Im Alter von 86 Jahren verstarb Manfred dann im Pflegeheim. „Am Ende habe ich nur noch gesagt: ‚Ich danke Gott, dass alles vom Einzug ins Pflegeheim bis zum Tod von Manfred so friedlich verlaufen ist.“ Das habe ihr auch geholfen, mit Manfreds Tod klarzukommen.

Wenn ein Bewohner des Heims stirbt, liegt auf diesem Tisch ein Kondolenzbuch, in dem andere Bewohner Botschaften für die Angehörigen hinterlassen können. Das Buch wird im Anschluss an die Hinterbliebenen verschenkt. Foto: Eva van Loh
Wenn ein Bewohner des Heims stirbt, liegt auf diesem Tisch ein Kondolenzbuch, in dem andere Bewohner Botschaften für die Angehörigen hinterlassen können. Das Buch wird im Anschluss an die Hinterbliebenen verschenkt. Foto: Eva van Loh

Abschied zu nehmen war für Heike Kutschke nach über 60 Jahren Ehe nicht einfach. Im Trauercafé teilt sie auch noch zwei Jahre nach seinem Tod gerne Erinnerungen an ihren Mann. Zum Beispiel das Kennenlernen auf dem Auricher Schützenfest 1960. Manfred war damals 24 Jahre alt. Heike war 18. Kurz darauf waren die beiden ein Paar. 1961 waren sie verlobt. 1962 wurde geheiratet. In den nächsten zwei Jahren kamen ihre beiden Kinder zur Welt. Heike lacht heute noch über die Erinnerungen daran, dass sie sich an das Leben mit Manfreds Familie erstmal gewöhnen musste. Er hatte elf Geschwister, Heike nur einen Bruder. Plötzlich Teil einer Großfamilie zu sein war für sie ein ganz neues Leben, sagt sie. Auch über die Eigenarten von Manfred lacht sie heute noch. „Manfred war immer sehr reinlich. Er hat zu Hause immer die Handtücher gebügelt und nach dem Abtrocknen hat er das Besteck immer geordnet“, erzählt Heike. Sogar die Sofakissen mussten, wenn es nach ihrem Mann ging, immer ordentlich an ihrem Platz liegen. „Da war er immer etwas eigen. Da habe ich mir auch manchmal gedacht: ‚Das muss nicht sein.‘“ Bekannt war Manfred auch für seinen Lieblingsspruch „Augen zu und durch“.

Wenn sie heute verreist oder mit Freunden etwas unternimmt, erzählt sie ihrem Mann zu Hause immer noch davon, auch wenn er nur noch in Form eines Bildes bei ihr sein kann. „Ich habe zwar auf meinen kleinen Ausflügen immer Spaß, aber zu Hause sage ich dann immer: ‘Ach Manfred, es ist auch schön, wieder hier zu sein.‘“

Gemeinsam erinnern gegen die Traurigkeit

Eigentlich kannten Gisela Arendt und Heike Kutschke sich schon vor dem Trauercafé. Doch es war eher eine flüchtige Bekanntschaft. „Wenn ich Heike jetzt sehe, nehme ich sie in den Arm. Das mache ich nicht bei jedem“, sagt Gisela Arendt. Auch wenn sie sich außerhalb des Angebots selten sehen, fühlen sie sich durch das Trauercafé miteinander verbunden. Die Teilnahme am Trauercafé hat die beiden motiviert, nicht in der Trauer zu versinken, sondern wieder aktiv am Leben teilzunehmen. Beide sind sich einig, dass sie das Teilen von Erinnerungen an ihre verstorbenen Angehörigen glücklich macht und ihnen zurück ins Leben geholfen hat. Die beiden machen Sport, nutzen ihre Freizeit mit Freunden und Bekannten und halten gleichzeitig die Erinnerungen an ihre verstorbenen Angehörigen am Leben. Zum Trauercafé eingeladen werden jedes Jahr alle Angehörigen, die in den letzten sechs Monaten einen Angehörigen verloren haben, der Bewohner des Awo-Heims in Popens war. „Es geht uns hauptsächlich um das Dasein“, sagt Carolina Draht über das Trauercafé. Es sei wichtig, die Hinterbliebenen der Bewohner nicht allein zu lassen.

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