Osnabrück/Jeddeloh VfL Osnabrück: Langer Abend von Jeddeloh wirft Fragen auf
Nach dem langen Abend beim SSV Jeddeloh hat der VfL Osnabrück sein erstes Saisonziel verpasst: den Gewinn des Niedersachsenpokals. Die Gründe sind vielfältig und reichen von einer insgesamt schwachen Leistung über zweifelhafte Trainerentscheidungen bis zur grundsätzlichen Substanz im Kader des Fußball-Drittligisten.
Während bei den Spielern des SSV Jeddeloh nach dem entscheidenden Elfmeter von Kapitän Kasra Ghawilu der große Jubel ausbrach und es am so beschaulichen Sportplatz des Regionalligisten plötzlich deutlich lauter wurde als gewöhnlich, schritt Joe Enochs enttäuscht und mit gesenktem Kopf über das nasse und abgekämpfte Feld. Der Direktor Fußball des VfL Osnabrück hatte den Gewinn des Niedersachsenpokals als ein großes Saisonziel ausgegeben. Mit drei Siegen sollte der kürzeste und einfachste Weg in den DFB-Pokal der kommenden Saison beschritten werden. Doch schon im Viertelfinale und dem 4:5 im Elfmeterschießen war Schluss für den großen Favoriten. Wie konnte es dazu kommen?
Rund zweieinhalb Stunden zuvor war die lila-weiße Welt noch in Ordnung. Der VfL startete gut ins Spiel, war feldüberlegen, aggressiv und kam zu Chancen - kurzum: Er trat auf, wie eine klassenhöhere Mannschaft. Aber: Lars Kehl, Yigit Karademir und Ismail Badjie ließen die guten Möglichkeiten alle aus. Und dann? „Mit jeder Minute und jeder Einwechslung unsererseits wurde es ausgeglichener“, sagte VfL-Trainer Timo Schultz, der letztlich davon sprach, froh gewesen sein zu können, überhaupt das Elfmeterschießen zu erreichen.
Denn Jeddeloh, gecoacht von Ex-VfL-Profi Björn Lindemann, hatte selbst beste Chancen: Tobias Bothes Schuss klärte VfL-Kapitän Jannik Müller in der 90. Minute auf der Linie und Pascal Steinwender traf in der Verlängerung die Latte. „Irgendwann hat sich ein Pokalfight entwickelt. Es ging hin und her - das, was wir nicht wollten“, sagte Schultz. Seine Mannschaft hatte zwar nicht den Kampfeswillen, aber die Struktur und Kontrolle verloren, die sie zum Start des Spiels, aber auch in den letzten Wochen in der 3. Liga auszeichnete.
Für diese Elemente maßgeblich verantwortlich war zuletzt Bjarke Jacobsen. Den jedoch ließ der 48-Jährige in Jeddeloh außen vor. Der 32-jährige Däne, der mitten in der Reha aus einer schweren Knieverletzung nach Osnabrück kam und die ersten Trainingswochen verpasste, befindet sich zwar aktuell spielerisch in Topform, körperlich aber noch nicht. Um keine Folgeverletzung oder ein Wiederaufbrechen zu riskieren, gab Schultz ihm eine Pause. Das ist einerseits nachvollziehbar, andererseits vermissten die Lila-Weißen Jacobsen als ordnende Hand spätestens ab der zweiten Hälfte.
Der Trainer kritisierte zurecht auch die Leistungen der Einwechselspieler. Weder Kai Pröger, der nach kleineren Verletzungen in der Vorbereitung immer noch nach seiner Form sucht, noch Luc Ihorst, für den das gleiche gilt, oder Tony Lesueur, der frisch aus der Regionalliga kam, konnten so richtig für neue Torgefahr sorgen, nachdem sich auch schon die Stammkräfte wie Lars Kehl oder Robin Meißner nicht so richtig durchsetzen konnten gegen die stabile Defensive des überraschend starken Regionalliga-Tabellenführers. Trotzdem bleibt die Frage, warum Schultz mit Ihorst und Pröger nach einer knappen Stunde gleich zwei Spieler parallel brachte, die aktuell nicht über das größte Selbstvertrauen verfügen. Ihorsts Wieder-Auswechslung kurz vor Schluss wirkte symbolisch. Dazu wäre eine Einwechslung von Kevin Schumacher, der für solche Pokalfights wie gemacht zu sein scheint, womöglich sinnvoll gewesen - zumal Positionskonkurrent Frederik Christensen auf der linken Seite kurz vor Schluss Gelb-Rot sah.
Es ist das erste Mal in seiner Amtszeit beim VfL, dass Schultz in Bezug auf Kadernominierung und Wechselpolitik ins Risiko ging - und angesichts des daraus folgenden Ergebnisses Angriffsfläche bietet. Die empfindliche Niederlage in Jeddeloh zeigte aber auch, dass der Aufschwung des VfL aus den letzten Wochen auf einer noch wackeligen Basis steht. Für den langfristigen Erfolg brauchen die Osnabrücker ihre Säulenspieler in Topform. Dazu gehören neben Torwart Lukas Jonsson und Kapitän Müller, Jacobsen vor allem Kehl und Meißner in der Offensive.
Und während die hinteren drei Defensivspieler ordentlich bis sehr gut in die Saison starteten, liegt vor allem in der Offensive ein Problem: Meißner ist noch nicht lange im Team, hat aber sein Potenzial schon angedeutet. Kehl aber ist nach seiner herausragenden Rückserie der vergangenen Spielzeit noch nicht so richtig angekommen in dieser Saison. Und darüber hinaus? Fehlen dem VfL aktuell verlässliche „Waffen“.
Die jungen Tempospieler Badjie und Lesueur leiden noch unter Formschwankungen, teilweise auch innerhalb eines Spiels. Für Sturmtalent Bernd Riesselmann gilt ähnliches. Beim eigentlich spielstarken David Kopacz reichen die Trainingsleistungen aktuell nicht für Spielzeit. Und Ihorst und Pröger kämpfen eben noch mit ihren Körpern.
Das Spiel in Jeddeloh lässt also den Schluss zu, dass der VfL zum Ende des Transferfensters in der Offensive durchaus noch hätte nachlegen können oder vielleicht sogar sollen. Schultz und Enochs haben sich aber gemeinschaftlich gegen eine Soforthilfe entschieden: Mit Blick auf das Preis-Leistungs-Verhältnis greifbarer Spieler, das augenscheinlich funktionierende Teamgefüge und das Entwicklungspotenzial des bestehenden Kaders.
Gerade bei Badjie, Lesueur oder Riesselmann besteht berechtigte Hoffnung auf eine Leistungssteigerung in der laufenden Saison. Aber: Entwicklung braucht Zeit, es geht nicht von jetzt auf gleich. Da sind Rückschläge wie dieser einkalkuliert. Das weiß auch Schultz. „Wenn wir fünf bis zehn Prozent weniger Intensität und Kompaktheit haben und das Spiel offen wird, kriegt jede Mannschaft Probleme - wir aber noch mehr. Das können wir uns nicht leisten, dafür fehlt uns auch ein stückweit die individuelle Qualität“, analysierte er nach dem Spiel am Dienstagabend.
Ob sich die Entscheidung gegen eine weitere Verstärkung - vertragslose Spieler sind übrigens weiterhin verfügbar - als Fehler herausstellt, wird sich erst im Saisonverlauf zeigen. Das erste Ziel jedenfalls ist verpasst, der Weg in den DFB-Pokal und damit zu Einnahmen im sechsstelligen Bereich ist deutlich länger und schwerer geworden. Platz vier in der 3. Liga ist dafür nun mindestens nötig. Ob der VfL dafür über ausreichend Substanz verfügt? Die 120 Minuten von Jeddeloh haben den Glauben daran nicht wachsen lassen.