Prozess in Aurich  Gewalt und Schikanen in Ihlower Fabrik führen zu Anklage

Christiane Norda
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Von Christiane Norda
| 03.09.2025 09:55 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Verhandelt wird vor dem Amtsgericht Aurich. Foto Romuald Banik
Verhandelt wird vor dem Amtsgericht Aurich. Foto Romuald Banik
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Derbe Späße und Handgreiflichkeiten: Zwei Männer sind angeklagt. Zeugen berichten von jahrelanger Gewalt und Einschüchterung am Arbeitsplatz.

Aurich - Weil sie an ihrem Arbeitsplatz in einer Ihlower Fabrik immer wieder mit willkürlichen Demonstrationen ihrer Macht aufgefallen waren, müssen sich ein 37-Jähriger aus Emden und ein 48-Jähriger aus Ihlow unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Bedrohung und versuchter Brandstiftung vor dem Auricher Amtsgericht verantworten.

Zeugen berichteten von einem ungewöhnlich rauen Umgangston in ihrer Abteilung, von derben Späßen und Handgreiflichkeiten, die teilweise deutlich „drüber“ gewesen seien und Grenzen überschritten hätten. Die Geschäftsleitung hätte von den Vorfällen gewusst, allerdings hätte sich im Betrieb herumgesprochen, dass aus dieser Richtung keine Hilfe zu erwarten sei. Aufgrund ihrer Fachkenntnisse hätten sich die Angeklagten eine wichtige Stellung in der Firmenhierarchie erarbeitet und seien häufig zu technischen Fragen als Experten hinzugezogen worden. Von den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft und deren Auswirkungen auf die Geschädigten zeigten sich die Angeklagten erschrocken, schließlich sei alles nur als Spaß gemeint gewesen.

Mit brennbarer Flüssigkeit attackiert

Zwar liegen die Vorfälle teilweise bereits fünf Jahre zurück. Dennoch zeigten sich Zeugen noch immer davon berührt. Schon bei der Einstellung habe man ihn vor einem „gewöhnungsbedürftigen Personenkreis“ gewarnt, er habe sich zunächst nichts dabei gedacht, berichtete ein ehemaliger Mitarbeiter, der unter den Schikanen der Angeklagten besonders zu leiden hatte. Als er die Angeklagten kennengelernt habe, habe er gewusst, wer damit gemeint gewesen sei. Der 37-Jähriger hätte die Mitarbeiter angeschrien. Häufig habe er mit einem Arbeitsmesser herumgefuchtelt, mit dem er ihm die Träger seiner Hose zerschnitten habe. Der 48-Jährige habe ihn einmal mit einer brennbaren Flüssigkeit attackiert, die er in einer Spur zu ihm gesprüht und angezündet hatte. Nur aus dem Augenwinkel habe er die Flammen gesehen, die dann erloschen seien, er sei mit dem Schrecken davon gekommen. Er habe Angst gehabt, mit ihnen in einer Schicht zu arbeiten. Ein Vorfall im Juli 2021 hatte den Zeugen besonders beeindruckt. Er sei im Lager mit Einschlagfolie umwickelt an seinen Schreibtischstuhl gefesselt und, nachdem er sich hat befreien können, schmerzhaft gegen ein Regal gedrückt worden. Anschließend habe man ihn mit dem Stuhl an seinen Schreibtisch eingeklemmt. „Danach war ich fertig“, erklärte der Zeuge, „das beeinflusst mein Leben“.

Bei jeder Gelegenheit Dominanz zur Schau gestellt

Einen anderen Mitarbeiter hatte der 37-Jährige im Umkleideraum mit den Fingern so hart in die Seite gestochen, dass dieser vor Schmerzen auf eine Bank niedergesunken war. Der Angeklagte habe auf ihm gesessen und ihn über zehn Minuten gekniffen und gekitzelt, obwohl er auf seine Schmerzen hingewiesen hatte. Der 48-Jährige habe untätig dabeigestanden. Ein Beobachter der Szenerie beschrieb die Tortur dagegen als Quetschen und Drücken. Aus Angst um seinen Arbeitsplatz hatte der Zeuge den Vorfall nicht in die Chefetage gemeldet.

Ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter beschrieb die Angeklagten als Duo, das bei jeder Gelegenheit seine Dominanz zur Schau gestellt habe. Mit lockeren Sprüchen hätten sie provoziert, immer bestrebt, andere kleinzuhalten. Besonders der 37-Jährige habe es gemocht, seine Kraft zu beweisen, erklärte ein anderer Zeuge.

Einmal hatte der 37-Jährige einen Servierwagen mit brennender Flüssigkeit schwungvoll auf einen Mitarbeiter zugeschoben, so dass dieser nur durch einen raschen Schritt zur Seite einer Verbrennung entkommen war. Aber erst, nachdem der Angeklagte ihn von hinten umarmt und ihm damit starke Schmerzen verursacht hatte, hatte er sich an die Geschäftsleitung gewandt, woraufhin der Angeklagte entlassen worden sei. „Erschreckend“ habe er gefunden, dass die Kollegen aus der Abteilung über diesen Schritt „fast schon gejubelt“ hätten, berichtete der Zeuge in der Verhandlung.

Verteidiger: Normaler Umgangston in Industrie

Verteidiger Ralf Giese erklärte für den 37-Jährigen, dieser bedauere sämtliche Vorfälle. Zu keiner Zeit habe sein Mandant jemanden verletzen wollen, es sei der normale raue Umgangston in einem Industriebetrieb gewesen, der dank schwacher Führung „aus dem Ruder gelaufen“ sei. Auch der Verteidiger des 48-Jährigen, Joachim Müller, bemühte sich, die Vorfälle ohne die geschilderte „Dramatik“ einzuordnen. Sein Mandant sei nicht „ohne Fehl und Tadel“, er räume einige Vorfälle durchaus ein. So gehöre das Anstecken brennbarer Flüssigkeiten zum Üblichen, um sich gegenseitig zu erschrecken. Auch flapsige Bemerkungen seien an der Tagesordnung gewesen, in einem Industriebetrieb herrsche ein anderer Ton als in einer Behörde. „Wir haben uns regelmäßig gekloppt“, und anschließend auch entschuldigt, wenn der Spaß zu weit gegangen sei, ergänzte der 37-Jährige. Beide Angeklagte entschuldigten sich bei ihren Ex-Kollegen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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