Kriegserinnerungen  Kriegskinder – wenn das Vergessen schwerfällt

| | 03.09.2025 10:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Anton Wermter (93) aus Aurich kann auch 80 Jahre nach Kriegsende die Erinnerungen an seine Flucht nicht abschütteln. Foto: Mieke Matthes
Anton Wermter (93) aus Aurich kann auch 80 Jahre nach Kriegsende die Erinnerungen an seine Flucht nicht abschütteln. Foto: Mieke Matthes
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Anton Wermter aus Aurich flüchtete 1945 aus Masuren. Welche Botschaft der 93-Jährige für die junge Generation hat.

Aurich - Die Kapitulation Deutschlands vor 80 Jahren und das daraus resultierende Ende des 2. Weltkrieges waren im Frühjahr 2025 ein sehr präsentes Thema. In Zeitungen und Büchern, Magazinen und dem Fernsehen wurde umfangreich an diese Zeit erinnert und damit auch an Leid, Zerstörung und Flucht. Für Anton Wermter (93) aus Aurich wühlte der Jahrestag vieles wieder auf. Denn er ist Kriegskind, flüchtete im Januar 1945 mit seiner Familie aus Masuren über das vereiste Haff nach Dänemark. Es sind dunkle Erinnerungen, die der pensionierte Schulleiter seither im Kopf und in seinem Herzen trägt. Vor einigen Jahren fing er deshalb an, das Erlebte in Schriftform zu verarbeiten.

Memoiren helfen beim Verarbeiten

„Als wir verheiratet waren, schreckte Anton nachts immer wieder schreiend auf“, erinnert sich seine Frau Kristina. Damals habe sie ihm gesagt, das Erlebte müsse raus, er solle es aufschreiben. Und Anton Wermter nahm sich den Rat seiner Frau, wie häufig im Leben, zu Herzen. Er setzte sich an den Computer. Entstanden sind die Memoiren eines Mannes, der inzwischen auf neun Jahrzehnte Leben zurückblickt und der noch einiges vorhat. „Mein Ziel ist es, 102 Jahre alt zu werden“, sagt Wermter beim Besuch im heimischen Wohnzimmer im Auricher Ortsteil Haxtum. Er wolle arbeiten, lernen und verstehen, bis er sterbe, sagt er.

Freiheit in den Bergen: Anton Wermter auf dem Weg zum Berggipfel Dom in 4546 Metern Höhe in der Schweiz. Foto: privat
Freiheit in den Bergen: Anton Wermter auf dem Weg zum Berggipfel Dom in 4546 Metern Höhe in der Schweiz. Foto: privat

Verstehen, das fällt Anton Wermter schwer, wenn er an die Zeiten des Nationalsozialismus denkt. Geboren in Grammen in Masuren, erlebte er eine zufriedene und glückliche Kindheit, so liest man es aus seinen niedergeschriebenen Zeilen. Der Kriegsausbruch änderte für ihn alles, eine unsichere Zeit begann, die schließlich mit der Flucht im Jahr 1945 endete. „Der Himmel um uns war rot vom Widerschein brennender Häuser, beängstigend nah hörten wir die Front, Kanonendonner und Gewehrsalven“, beschreibt Wermter seine Eindrücke, als er und seine Familie sein Heimatdorf im tiefsten Winter verlassen. Nach einer dramatischen Reise über das Haff und per Schiff Richtung Norden findet die Familie Schutz in einem Lager in Dänemark, überlebt so die letzten Kriegswirren.

Jahrestag bringt Erinnerungen zurück

Die Bilder der Flucht, die Geräusche, die Gerüche, bleiben in Wermters Kopf, auch, als er längst erwachsen ist, als Rektor an einer Königsteiner Schule arbeitet. Zu intensiv sind die Eindrücke aus seiner Jugend, zu tief sitzt das Erlebte. „So etwas belastet einen ein Leben lang“, sagt Wermter und spricht damit wohl vielen Zeitzeugen aus der Seele. Dem heute 93-Jährigen hat es geholfen, seine Erlebnisse aufzuschreiben, doch auch das Reisen und Wandern in den Bergen ließen die Erinnerungen nach und nach verblassen, zumindest zeitweise. Denn Jahres- und Gedenktage, wie der 8. Mai 2025 oder auch die Berichterstattung über Menschen auf der Flucht wühlen längst vergessen Geglaubtes wieder auf. Und plötzlich sind sie wieder da - Gefühle wie Hunger und Todesangst.

Jugend informieren, gegen das Vergessen arbeiten

Anton Wermter hat sich seinen Dämonen im Laufe seines Lebens immer wieder gestellt. Er ist an die Orte seiner Kindheit zurückgekehrt, hat zwei Mal sein Elternhaus in Grammen besucht. In seinem ehemaligen Kinderzimmer leben nun andere Menschen, aber sie empfingen den Auricher und seine Frau freundlich und offen. „Als wir in das Haus kamen, war noch die gleiche Tapete an den Wänden und auch der Ofen stand noch dort“, erinnert sich Wermters Frau Kristina. Für ihren Mann waren das intensive Momente. „Ich hatte sofort wieder den Geruch des Kartoffelackers in der Nase und fühlte, wie meine Füße über das Stoppelfeld liefen“, sagt der 93-Jährige. Auch das Auffanglager im dänischen Oksböl besuchten er und seine Frau.

Anton Wermter und seine Frau Kristina (vorne) vor seinem Geburtshaus mit den heutigen polnischen Bewohnern. Foto: privat
Anton Wermter und seine Frau Kristina (vorne) vor seinem Geburtshaus mit den heutigen polnischen Bewohnern. Foto: privat

Wermter, der nach seiner Pensionierung und seinem Umzug nach Ostfriesland vor mehr als 25 Jahren als Vertretungslehrer an den Grundschulen Holtrop und Wiesens arbeitete, weiß um die Bedeutung des Erinnerns auch und gerade für die nachwachsende Generation. „Viele junge Menschen wissen gar nicht, was damals wirklich passiert ist“, sagt der 93-Jährige. Die Schrecken des Krieges müsse man ihnen am besten bildhaft vor Augen führen. „Ihnen geht es hier in Deutschland eigentlich sehr gut und oftmals führen sie ein gutes Leben“, so Wermter. Ganz im Gegenteil zu den zahlreichen Menschen, die derzeit weltweit auf der Flucht seien. „Viele Flüchtlinge habe alles verloren und Schlimmes erlebt. Das wird sie ihr Leben lang belasten“, sagt der pensionierte Pädagoge.

Demut und Verständnis

Seit einigen Jahren beschäftigt sich Anton Wermter mit Astrophysik, einer komplexen Materie. Sterne und das Universum scheinen ihn schon immer interessiert zu haben und haben ihn Demut gelehrt. Der Mensch habe nur eine kurze Zeit auf dieser Erde und sei nur ein kleiner Teil des großen Ganzen, sagt er. Und wenn der 93-Jährige von seinen Wanderungen durch die Seealpen berichtet, von Nächten unter dem Sternenzelt und von Reisen in ferne Länder, bei denen er und seine Frau verschiedene Nationalitäten und Menschen kennen und akzeptieren gelernt haben, dann nimmt ein Wunsch in ihm Form an: „Ich möchte, dass die jungen Menschen ein Bewusstsein dafür entwickeln, das die ganze Welt zusammengehört und dass sie versuchen, sich in die Menschen, die zum Beispiel auf der Flucht sind, hineinzuversetzen.“

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