Hamburg Wie sich die politische Linke selbst zerfleischt: Ein Lehrstück aus Übersee
Auch wenn die Präsidentschaftswahlen in den USA erst in drei Jahren stattfinden, scheint es aktuell nur einen realistischen Kandidaten für die Demokraten zu geben: Gavin Newsom. Doch ausgerechnet die Linken wollen ihre beste Chance auf den Sieg zerstören. Ihre Selbstgerechtigkeit ist ihnen wichtiger als die Zukunft ihres Landes.
Sein Aussehen: irgendwo zwischen Bösewicht in einer romantischen Komödie der 90er-Jahre und Carlisle Cullen aus den „Twilight“-Filmen. Seine Politik: typisch demokratisch, mit einem Fokus auf Sicherheit (weniger Obdachlosigkeit, strengere Waffengesetze), eine starke Wirtschaft und Gesundheitsversorgung für Menschen mit niedrigem Einkommen. So weit, so selbstverständlich für das europäische Ohr. Doch der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom ist nicht irgendein Landesvater – er hat sich binnen kürzester Zeit zur Nemesis Donald Trumps gemausert.
Nachdem der US-Präsident das Militär nach Kalifornien geschickt hatte, provozierte Newsom mit Aussagen wie: „Was zum Teufel ist los mit dem Typen? Verfolge mich, verhafte mich. Lass es uns hinter uns bringen, harter Kerl!“ Als Trump ankündigte, die Wahlbezirke in Texas zugunsten seiner Republikaner neu zuschneiden lassen zu wollen, beschloss Newsom, die Kalifornier darüber abstimmen zu lassen, ob man auch in ihrem Bundesstaat die Bezirke verändern solle – zugunsten der Demokraten.
Doch was Trump wirklich zur Weißglut zu bringen scheint, ist, dass sich Newsom im Gegensatz zum Rest seiner Partei nicht zu schade ist für eine Schlammschlacht auf Social Media, Trumps Terrain.
Eine Anspielung auf das KI-Bild von Trump als Papst:
Sein Presseteam macht sich darüber lustig, dass Trump stets in Großbuchstaben schreibt und Superlative verwendet, verhöhnt den Präsidenten für seine bisweilen wirren Aussagen oder postet KI-generierte Bilder von Trump in nordkoreanischer Militäruniform:
Diese in früheren Zeiten wohl als Majestätsbeleidigung bezeichnete Dreistigkeit Daddy Newsoms (eine im Internet für attraktive Männer mittleren Alters verwendete Bezeichnung) feiert natürlich nicht jeder. Schärfer noch als der Gegenwind seiner republikanischen Gegner ist der Widerstand linker Milieus gegen den mutmaßlich aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten der US-Demokraten – und genau das könnte zum Problem werden.
Jene scheinen auf Obama 2.0 zu hoffen, eine vermeintlich makellose Lichtgestalt, die schon Obama nicht war. Obwohl Politiker aus Kalifornien häufig als besonders woke – und damit losgelöst von den Problemen des kleinen Mannes in Ohio – wahrgenommen werden, wird online von links gegen Gavin Newsom gehetzt, als wäre der Gouverneur das Liebeskind von Judas mit dem Antichristen.
Während es rechten politischen Kräften deutlich leichter zu gelingen scheint, ihre Wählerschaft hinter jedwedem Kandidaten zu einen, der einigermaßen ihren Überzeugungen entspricht, grassiert in Teilen der linken Wählerschaft eine Null-Toleranz-Politik: Entweder ein Kandidat entspricht all ihren Überzeugungen oder er wird nicht gewählt. Ein Luxus, den man sich schon in einer Parteienlandschaft wie der deutschen kaum leisten kann, wenn man seine Stimme repräsentiert sehen möchte – ein Wahnsinn, blickt man auf ein Zwei-Parteien-System wie in den USA.
Vergleichbare Tendenzen sind auch im deutschsprachigen Tiktok en vogue: Du wählst die Grünen? Dann bist du alles, aber nicht links. Kein Veganer? Dann kannst du nicht links sein. Deine Eltern haben gut bezahlte Jobs? Dann bist du nicht links. Es tut mir leid, aber solange linke Milieus lieber auf einen progressiven Messias warten, als sich hinter pragmatischen Realpolitikern zu einen, werden sie der Geschlossenheit rechter Milieus nichts entgegensetzen können.
Nun sind die US-Demokraten wahrlich keine linke Partei, sondern vielmehr ein Sammelbecken für alle links der CSU, wenn man es auf deutsche Verhältnisse überträgt. Gleichwohl ist der Einfluss digitaler Stimmungsmache nicht zu unterschätzen; im “Winner-takes-it-all”-Prinzip der USA erst recht nicht.
Wenn es den Demokraten nicht gelingt, ihre Wählerschaft auf einen realpolitischen Kurs zu bringen, werden sie auch die nächsten Wahlen verlieren; ob mit Newsom oder einem weniger schillernden Kandidaten. Drei Jahre haben sie dafür noch Zeit. Hoffentlich hält Newsoms Social-Media-Team so lange durch. Dann würde der Wahlkampf zwar zur Schlammschlacht. Aber Feuer bekämpft man nun mal nur mit Feuer.