Hamburg Hunderttausende Reservisten – doch die Bundeswehr weiß nicht, wo sie sind
Im Ernstfall braucht die Bundeswehr nicht nur Soldaten, sondern vor allem Reservisten. Der neue Wehrdienst soll für diesen Nachschub sorgen. Dabei gibt es schon Hunderttausende Reservisten in Deutschland, nur weiß die Bundeswehr nicht, wo sie sind.
Der neue Wehrdienst von Verteidigungsminister Pistorius sorgt bundesweit für Debatten: Künftig soll wieder ein ganzer Jahrgang junger Männer zur Musterung, Tausende sollen sich danach freiwillig verpflichten, so die Hoffnung der Bundeswehr. Denn bis 2035 braucht Deutschland rund 260.000 Soldaten, um seine Nato-Verpflichtungen zu erfüllen, 80.000 mehr als aktuell.
Der Wehrdienst dient jedoch vor allem einer starken Reserve. Denn ein Großteil der neuen Rekruten würde nach dem Grundwehrdienst wahrscheinlich nicht als Berufssoldat weitermachen, sondern ins „zivile Leben“ zurückkehren. Doch mit ihren Erfahrungen aus dem Grundwehrdienst können sie regelmäßig an Bundeswehrübungen teilnehmen und im Ernstfall von der Bundeswehr wieder zum Dienst herangezogen werden.
Schon jetzt ist das bei der unterbesetzten Bundeswehr Alltag. „Es gibt rund 20.000 Reservisten, die schon bisher als Lückenfüller für unbesetzte Dienstposten regelmäßig ihren Reservistendienst geleistet haben und so den Grundbetrieb der Bundeswehr aufrechterhalten haben“, sagt Patrick Sensburg. Der CDU-Politiker ist Präsident des Reservistenverbandes und vertritt damit all jene, die schon mal bei der Bundeswehr waren und im Ernstfall als erstes angerufen werden könnten. Mindestens 800.000 Männer sind das aktuell. Doch derzeit sind sie nur eine theoretische Größe. Denn die Bundeswehr weiß gar nicht, wo sie sind.
„Es gibt rund 800.000 Reservisten, von denen wir bei vielen nicht wissen, ob die Adresse aktuell ist, bei anderen, über welche Qualifikationen sie heute verfügen und vieles andere mehr“, räumt Robert Sieger, ein, der das Bundeswehr-Amt für Personalmanagement leitet.
Allerdings soll dieses Problem im Schatten des neuen Wehrdienstes gleich mit behoben werden. Im entsprechenden Gesetzentwurf steht: „Notwendig ist darüber hinaus eine modernisierte Wehrerfassung, um effektiver und zielgerichtet das Potenzial der Wehrpflichtigen sowie der jetzigen und künftigen Reservistinnen und Reservisten zu erfassen.“
Heißt: Die Bundeswehr will wieder wissen, wo die ganzen Reservisten sind. „Technisch ist es kein Problem, die Daten zu bekommen“, sagt Reservistenchef Sensburg. „Die Öffentlich-Rechtlichen und die Pfarrämter wissen auch immer sofort, wenn Sie umziehen. So sendet Ihnen die GEZ nach wenigen Tagen schon einen Brief. Warum nicht auch die Bundeswehr? So blieben die Reservisten erreichbar.“
Und tatsächlich: Nach dem neuen Wehrdienstgesetz werden künftig nicht nur Jugendliche Post von der Bundeswehr bekommen. Sobald die Bundeswehr die Daten der Reservisten hat, bekommen auch diese einen Fragebogen, mit dem unter anderem „Abschluss und Wechsel ihrer beruflichen Ausbildung, ein Wechsel ihres Berufes sowie eine weitergehende berufliche Qualifikation“ und auch der Gesundheitszustand abgeklopft werden, teilt eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums auf Anfrage mit.
Für Reservisten-Präsident Sensburg bergen die Reservisten ein Riesenpotenzial. „Lassen Sie es mal nur jeden achten sein. Das wären schon rund 100.000 Menschen auf einen Schlag, die man nicht mehr grundlegend ausbilden müsste. Menschen, die schon mal eine Waffe gehalten haben. Die wissen, was ein Dienstgrad und eine Uniform ist.“
Sensburg gilt seit jeher als Befürworter der Wehrpflicht, hält den freiwilligen Wehrdienst in seiner jetzigen Entwurfsform für nur „begrenzt ambitioniert“. Dass die Bundeswehr zunächst „nur“ einige Tausend junge Menschen zum Grundwehrdienst holen will, wird auch mit fehlenden Ausbildern begründet. Genau hier könnten die Hunderttausenden Reservisten helfen.
Doch es gibt noch ein weiteres Problem, das das Ministerium klären müsste. „Es gibt viele Reservisten in Doppelfunktionen“, sagt Sensburg. Ehemalige Bundeswehrangehörige, die etwa als Ärzte arbeiten oder in einem anderen systemrelevanten Beruf tätig sind. „Da müssen wir jetzt gemeinsam definieren, was im Ernstfall wichtiger ist. Wen kann man beordern, wer wird im Land an anderer Stelle für die Verteidigung gebraucht?“, appelliert Sensburg.