Osnabrück Weniger Hausmittel, mehr Hausarzt? Wie Unwissenheit zu verstopften Arztpraxen führt
Immer mehr Medikamente gehen über den Apotheken-Tresen, immer öfter sind die Notaufnahmen und Arztpraxen verstopft: Haben wir in Deutschland ein Problem mit mangelnder Gesundheitskompetenz?
Diese Kritik hatte es in sich: „Tonnen von Medikamenten landen zwar beim, aber nicht im Patienten“, sagte Johannes Albert Gehle, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, kürzlich der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Die Menschen würden gar mit der Erwartung zum Arzt gehen, die Praxis mit einem Rezept in der Hand zu verlassen – auch wenn Hausmittel sogar ausreichen würden.
Haben wir in Deutschland ein Problem mit Medikamentenverschwendung oder mangelt es einfach am Allgemeinwissen zum Thema Gesundheit? Zwei Experten erklären, warum Arzt und Apotheker eben doch mal häufiger gefragt werden müssten.
Tatsache ist: Der Medikamentenverbrauch in Deutschland steigt. Nach Angaben des Verbands Pharmadeutschland ist die Abgabe von Einzelpackungen – verschreibungspflichtig und rezeptfrei zusammen – von rund 1,4 Milliarden im Jahr 2020 auf über 1,6 Milliarden im Jahr 2024 gestiegen.
„Insgesamt werden heute mehr Medikamente als früher verschrieben. Das hat viele Gründe – vom demografischen Wandel bis zur früheren und besseren Diagnostik“, teilt die Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, Nicola Buhlinger-Göpfarth, auf Anfrage mit. Auch der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Thomas Preis, bestätigt diese Entwicklung: Für viele Krankheiten, die früher noch nicht behandelbar waren, gibt es heutzutage entsprechende Medikamente, erklärt er.
Zur Wahrheit gehöre aber auch: Menschen greifen heutzutage auch von sich aus eher zur Tablette – und gehen schneller zum Arzt. Bei Kopfschmerzen eine Tablette, bei Erkältung Aspirin, bei Ohrenschmerzen Antibiotika – für viele Menschen eine normale Reaktion. Buhlinger-Göpfarth: „Immer mehr Menschen wissen sich bei einfachen Wehwehchen nicht mehr selbst zu helfen. Das ist auch einer der Gründe für die sehr hohe Zahl an Arzt-Patienten-Kontakten in Deutschland.“ Oder anders gesagt: Viele der Arztbesuche sind gar nicht nötig, sondern belasten vielmehr das System.
Der Apotheker-Chef Preis betont, dass auch aus diesem Grund ein flächendeckendes Netz von Apotheken unabdingbar ist: „Am Wochenende sehen wir zum Beispiel überfüllte Notfallambulanzen, obwohl es oft um leichte Beschwerden geht. Der Weg in die Apotheke ist schneller – und entlastet das System erheblich.“
Eine in diesem Jahr veröffentlichte, repräsentative Umfrage von Forsa im Auftrag der Krankenkasse AOK in Niedersachsen zeigt: Mehr als die Hälfte der Befragten steuern bei gesundheitlichen Problemen direkt eine Notaufnahme an, statt zuvor auf eine Ersteinschätzung durch einen Arzt zu setzen oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst heranzuziehen. Gerade jüngere Menschen zwischen 18 und 39 Jahren suchen demnach eher die Notaufnahme auf als etwa die über 60-Jährigen.
Sowohl der Pharmazeutiker als auch die Ärzte-Chefin sind sich einig, dass die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung abnehme. Viele Menschen kommen bereits mit einem klaren Wunsch nach einem bestimmten Präparat in die Apotheke – erst im Beratungsgespräch stellt sich dann heraus, dass die Beschwerden keiner medikamentösen Behandlung bedürfen. „Bei einer Erkältung sind Ruhe und Hausmittel absolut ausreichend, da braucht es keine Pille. Unsere Erfahrung ist, dass die Patientinnen und Patienten mit dieser Antwort in aller Regel absolut zufrieden sind“, ergänzt Buhlinger-Göpfarth.
Dass dieses Wissen verloren geht, liegt laut des Apotheker-Chefs einerseits daran, dass zum Beispiel junge Eltern heute seltener mit erfahrenen Angehörigen zusammenleben – und so weniger praktische Tipps im Alltag erhalten.
Andererseits trage das Überangebot an Informationen – vor allem online – dazu bei. „Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat festgestellt, dass eines der großen Probleme der Zukunft in unserem Gesundheitswesen die Fehl- und Desinformation durch das Internet sind“, erklärt Thomas Preis.
Im Zweifel sollte man daher doch lieber einen Experten zurate ziehen, also den Arzt oder Apotheker. Und diesem dann auch vertrauen – denn hier offenbart sich laut Buhlinger-Göparth ein weiteres Problem: die sogenannte Therapietreue. „Wir erleben immer wieder, dass Patientinnen und Patienten die verschriebenen Medikamente nicht, bzw. nicht korrekt einnehmen. Das hat nichts mit Ignoranz oder Verschwendungssucht zu tun, sondern schlicht damit, dass vielen nicht bewusst ist, wie wichtig die korrekte und disziplinierte Einnahme von Medikamenten ist.“
Auch deshalb plädiert Buhlinger-Göpfarth für ein stärkeres Primärarztsystem – also ein Gesundheitssystem, in dem die Hausarztpraxis nicht nur erste Anlaufstelle ist, sondern auch den Überblick behält und die Koordination an Fachärzte übernimmt. „Wir erleben in unseren Hausarztpraxen immer wieder, dass Patientinnen und Patienten mehr als ein halbes Dutzend Präparate von unterschiedlichen Ärztinnen und Ärzten verschrieben bekommen, die sich teilweise gar nicht vertragen“, so die Ärztin.
Um unnötige Arztbesuche zu vermeiden, bedarf es besserer Steuerung: Bundesgesundheitsministerin Nina Warken erklärte im Juli der Funke Mediengruppe, dass man eine Einführung eines solchen Primärarztsystems plane. Mit knapp zehn Arzt-Patienten-Kontakten pro Jahr gingen die Deutschen deutlich öfter zum Arzt, als dies in anderen Ländern der Fall sei.