Osnabrück Osnabrücker Eckkneipe wird zum Politikum: Ein Abend im neuen AfD-Treffpunkt
Im „Parkhaus Rink“ trifft sich die AfD zum Stammtisch. Online hagelt es Kritik, das Gebäude wird mit Farbe beworfen. Drinnen geht der Betrieb weiter: Man raucht, bestellt Bier und verteidigt die Wirtin. Ein Ortsbesuch.
Neben dem Eingang hängt ein Zettel. Es ist eine Konzertankündigung: „Wüsten-Walzer und Appalachen-Reggae“. Der Gig liegt schon ein paar Wochen zurück, aber im Parkhaus Rink sprechen sie noch darüber. Nicht wegen der Musik, sondern wegen des politischen Rahmens, den die Veranstaltung im Nachhinein bekam. Am 6. August schrieb die Band helga22 auf Facebook: „Zum Zeitpunkt unseres Auftritts war uns nicht bekannt, dass wir uns in einer Gaststätte befinden, die nur vier Tage später Nazis willkommen heißt.“
Nazis, Gaststätte. Ein Vorwurf, der sofort Fragen aufwirft.
Drei Wochen später, an einem lauschigen Spätsommerabend, lässt sich Melanie Kahr auf eine Bierbank nieder und zündet sich eine Zigarette an. Sie sitzt auf der kleinen Terrasse vor der Eckkneipe, rund zehn Gehminuten von der Osnabrücker Innenstadt entfernt. Es ist halb acht. Die einzigen Gäste: ein älteres Paar. Aber es ist ja auch erst Dienstag.
Melanie Kahr ist die Inhaberin. Sie hat blonde Haare, trägt ein helles Top zur schwarzen Hose. „Meine Tür steht allen offen, ganz egal, welche Sexualität oder politische Haltung jemand hat“, sagt sie. Hinter der Lesebrille ziehen sich die Augenbrauen hoch. Sie klingt gereizt. Politik, meint sie, werde ja nur noch in „Schwarz und Weiß getrennt“. Kein Wunder also, dass „dieser Abend die Linken total getriggert“ habe.
„Dieser Abend“ war der 29. Juli. Der Stadtverband der AfD traf sich zum Stammtisch im Parkhaus Rink. Mehr als 30 Leute kamen, sie stellten ein Banner in den Parteifarben auf, orderten Bier. In den Erinnerungen der Wirtin ging es gerade mal eine Viertelstunde um Parteipolitik, danach wurde über alles Mögliche gesprochen. Und es seien keine radikalen Parolen gegrölt worden, sagt Kahr, fast reflexartig.
Die Veranstaltung sprach sich herum. Jemand beschmierte die Gaststätte. In einigen Kreisen ist die Aufregung bis heute groß. Ein antifaschistisches Bündnis plant eine Demo vor der Bar. Somit ist das Parkhaus Rink in die Mühlen der großen Frage nach dem richtigen Umgang mit der AfD geraten. Abgrenzen oder Einbinden?
Eine ruhige Straße im Stadtteil Wüste. Man kommt an einem Park vorbei, an Jugendlichen, die an einer Klimmzugstange hängen und testen, wer die meisten Züge schafft. Das Parkhaus befindet sich an der nächsten Kreuzung im Erdgeschoss eines Gründerzeitgebäudes. Drinnen sieht es aus wie in diesen Kneipen, die zunehmend verschwinden. Viel dunkles Holz, gepolsterte Stühle und Bänke, die ihre besten Tage hinter sich haben. Spielautomaten, Dartscheiben, ein Zigarettenautomat. Links über dem Tresen hängt ein Fernseher, auf dem stumm Musikvideos laufen, und in der Luft hängt jahrzehntealter Kneipenduft.
Die freundliche Aushilfe hinter der Zapfanlage hat ihr Handy an die Soundanlage geschlossen, ein etwas wirrer Mix aus Hardrock und Latino-Pop. Von einem AfD-Treffen wisse sie nichts, sagt sie, während sie einem Stammgast ein Bier hinstellt. Er redet gern, will aber anonym bleiben. „Man kennt mich in der Stadt.“
Den Stammtisch habe er mitbekommen, die Empörung darüber auch. Stören tue es ihn nicht. „Aber ich will auch nicht, dass jemand neben mir sitzt, der was gegen Ausländer hat.” Er selbst habe Migrationshintergrund, seine Eltern seien in den Sechzigern als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Seine Vermutung: Die Wirtin habe gar nicht gewusst, wer reserviert hatte.
Als Melanie Kahr wenig später in der Bar erscheint und die Aushilfe Feierabend macht, sagt sie, sie habe genau gewusst, von wem die Anfrage kam. Sie habe die AfD auch gefragt, ob sie eine offene oder geschlossene Gesellschaft wolle. Es wurde ein öffentlicher Stammtisch, weil die AfD mit Leuten aus der anderen Ecke des politischen Raums in den Dialog treten wollte, erzählt Kahr. „Aber von den Linken ist niemand gekommen.“ Die Frage nach einem Foto lehnt sie ab.
Das Parkhaus Rink betreibt sie noch nicht lange. Vor drei Monaten hat sie den Laden, den es seit fast 100 Jahren gibt, übernommen. Kahr will auch ein Zeichen gegen das Kneipensterben in der Gegend setzen. Bislang ist sie zufrieden. Die Gästezahlen steigen. „Zu uns kommen Achtzehn- bis Neunzigjährige, hier haben sich Leute schon verliebt und verlobt, so soll es sein.“ Klar, am Wochenanfang und am Monatsende sei tendenziell weniger los, aber das sei ganz normal. Doch die Sache mit der AfD könnte das Geschäft noch belasten.
Auf Google mehren sich die Ein-Sterne-Rezensionen. „Stammtisch für die AFD?! Nein danke“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer: „Was ein ekelhaftes Verhalten“. Melanie Kahr scheint wenig beeindruckt. „Ist mir Wumpe“, sagt sie fast schon trotzig. „Die Linken wollen mich beruflich und privat fertigmachen.“ Wo verortet sie sich politisch?
Melanie Kahr überlegt. „Ein bisschen links, ein bisschen rechts“, sagt sie schließlich. Gerechtigkeit, Sozialpolitik, Tierschutz, das sind ihre Themen. Und, auch das wiederholt sie jetzt: dass niemand wegen einer anderen Meinung ausgegrenzt werde. Bei ihr säßen alle am Tresen, erzählt sie, von den Grünen bis zur CDU, und alle kämen miteinander klar. Die Kneipe als Ort, der politische Differenzen verschwimmen lässt. Dass viele es anders bewerten dürften, wenn sie etwa eine Gruppe Sozialdemokraten bewirtet hätte, kann Kahr nicht verstehen. Das ältere Paar am Nebentisch übrigens auch nicht.
Sie wohnen in der Gegend, waren länger nicht hier, bis Kahr den Laden übernommen hat. Seitdem kommen sie wieder öfter. Die Wirtin bringt die zweite Runde: ein großes Gezapftes für ihn, ein „Saures“ für sie, halb Bier, halb Sprudel. Sie seien keine AfD-Sympathisanten, betonen sie. Bei der Bundestagswahl habe sie SPD gewählt, sagt die Frau. Aber trotzdem finden beide: Die Wirtin habe richtig entschieden.
Dann erzählen sie, was sie beschäftigt. Dass man sich als Rentner manchmal wie ein Klotz am Bein der Gesellschaft fühle, wie eine finanzielle Last. Dass an den Schulen, wie die Frau es sagt, „die Kinder unter ihrem Niveau unterrichtet werden“. Und dass ausländische Schüler beim Spracherwerb viel stärker gefördert werden müssten. Sie verbinden die Themen mit der AfD: Wenn man die Partei kleinkriegen möchte, müsse man sie mit vernünftiger Politik stellen. Sie nicken einander zu.
Das Paar will dem Parkhaus Rink treu bleiben. Ihnen geht es um mehr. „Wir möchten unseren Beitrag leisten, dass solche Gaststätten erhalten bleiben“, erklärt der Mann. Gegenüber habe es früher noch zwei andere Bars gegeben. Das Viertel habe man Bermudadreieck genannt. Warum das denn?
„Na, hier sind die Männer immer versackt, sobald sie ihren Lohn bekommen haben“, sagt er und lächelt.
Am 6. September will die AfD wieder im Parkhaus Rink zusammenkommen. Melanie Kahr hat bereits zugesagt. Für denselben Tag ist die Protestaktion angekündigt. Mit Flyern mobilisiert die Initiative „Den Rechten die Räume nehmen“. Kahr gibt sich entspannt. „Warum soll ich mich verrückt machen?“, sagt sie. „Wenn sich die Demonstranten benehmen, können sie jederzeit reinkommen.“ Aber danach sieht es nicht aus.
Am Donnerstagvormittag meldet sich Melanie Kahr bei WhatsApp. In der Nacht wurde die Kneipe mit Farbbeuteln beworfen. Sie schickt Fotos. Weiße Farbexplosionen an der Fassade, der Tür, auf dem Boden. Die Polizei sei informiert. Sie spricht vom Grundgesetz, Artikel 5, Garantie der Meinungsfreiheit. „Gilt für viele wohl nicht“, sagt sie in einer Sprachnachricht, „ich weiß es nicht.“ Man hört die Ratlosigkeit in ihrer Stimme. Inzwischen beschäftigt sich auch der Staatsschutz mit dem Fall, prüft eine politische Motivation.
Beim Verlassen der Kneipe kommt man an einer Magnettafel vorbei. Darauf kleben drei Sticker der Antifa, die Kahr an ihrem Lokal vorgefunden hat. Darunter hängt ein Zettel mit ärztlichen Tipps, wie man sich gegen Zecken schützen kann. Zufall, sagt die Besitzerin. Aber man kann das auch als Botschaft verstehen. Es wäre nicht die einzige auf der Tafel. Auf einem der Aufkleber steht „Kein lecker Bierchen für die AfD“. Melanie Kahr hat das letzte Wort überklebt. Jetzt steht da: „Kein lecker Bierchen für die Antifa!“