Seoul  Was der Film-Hit „K-Pop Demon Hunters“ mit Südkorea macht – und wer davon profitiert

Felix Lill
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Von Felix Lill
| 28.08.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Netflix Zeichentrickfilm über eine K-Pop Band bringt Südkorea einen erneuten Tourismusboom. Foto: dpa/Lee Jin-Man
Ein Netflix Zeichentrickfilm über eine K-Pop Band bringt Südkorea einen erneuten Tourismusboom. Foto: dpa/Lee Jin-Man
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Der Film „K-Pop Demon Hunters“ ist nicht nur ein weltweiter Erfolg – er verrät auch viel über den Aufstieg von Südkorea. Über eine Sache dürfte sich der Streaming-Anbieter Netflix aber ärgern. Seit Jahren steigt mit der Beliebtheit von K-Pop auch die globale Popularität Südkoreas. Nun treibt ein Zeichentrickfilm den Tourismus im ostasiatischen Land auf neue Höhen – wobei der gar nicht aus Südkorea kommt, sondern aus den USA.

Vorm Nationalmuseum Südkoreas sind dieser Tage Schlangen zu sehen, wie man sie sonst nur von den Passkontrollen völlig überforderter Flughäfen kennt. Poller mit Abtrennbändern sind aufgebaut, um die Menschenmengen zu kanalisieren, die teils stundenlang warten. Besonders häufig vertreten unter den Wartenden: Teenager und Eltern mit Kindern, viele von ihnen aus dem Ausland. Und oft kommen sie weniger wegen der Dauerausstellung als für den Museumsshop. Warum?

Dort verkauft das Nationalmuseum Bilder und Schlüsselanhänger von im Museum ausgestellten Minhwa-Werken, also der koreanischen Tradition der Volkszeichnung. Und die im ostasiatischen Land bekannten Motive von einem Tiger sowie einer Elster waren wohl die Inspirationsquelle für den Film „KPop Demon Hunters“, der auf der weltweit führenden Plattform Netflix seit Wochen zu den beliebtesten Produkten gehört. Deshalb stößt Südkoreas Nationalmuseum in Seoul gerade an seine Grenzen.

Es ist ein kurioser Zusammenhang, der aber viel über die heutige Verbindung zwischen Entertainment, Ökonomie und letztlich Softpower offenbart: Denn obwohl im Museum nichts aus dem Zeichentrickfilm „KPop Demon Hunters“ ausgestellt wird, ist die Animation dennoch verantwortlich dafür, dass sich davor nun täglich schier unglaubliche Mengen an Menschen versammeln. Ein unverhoffter Boom, von dem unklar ist, wie viel Geld er mehreren Institutionen in Südkorea noch einbringen wird.

So viel aber ist klar: Der Film, der Ende Juni weltweit auf Netflix veröffentlicht wurde, ist eines der erfolgreichsten Streamingprodukte überhaupt. In den ersten zwei Wochen sahen es 33 Millionen an. Der US-amerikanische Sender NBC berichtet, dass nach dem dortigen Erscheinen des Films im Kino letztes Wochenende auch schon wieder um die 20 Millionen US-Dollar umgesetzt wurden. Mittlerweile wird darüber spekuliert, wann wohl der zweite Teil erscheinen werde. Im nächsten Jahr könnte es so weit sein.

Worum geht es in dem Film also? „KPop Demon Hunters“ beschreibt auf niedliche Weise den Aufstieg einer dreiköpfigen Girlgroup, die K-Pop-Stars und heimlich auch noch Dämonenjägerinnen sind. So duellieren sie sich mit einer K-Pop-Boygroup, deren Mitglieder ohne das Wissen der Öffentlichkeit eben als Dämonen ihr Unwesen treiben. Der Film spielt in Südkoreas Hauptstadt Seoul, gibt zahlreiche Referenzen zur echten Stadt, und dies offenbar so ansprechend, dass viele Menschen nun Seoul sehen wollen.

Der Soundtrack zum Film steht in den Charts diverserer Länder auch schon weit oben. Dabei wäre die Beliebtheit dieser Animation kaum vorstellbar, wenn südkoreanischer Pop nicht längst zahlreiche andere Hits hervorgebracht und Fans an sich gebunden hätte. Seit rund einem Jahrzehnt begeistern Gruppen wie BTS, Black Pink und weitere nach zunächst eher asiatischen Märkten auch die weltweite Öffentlichkeit. Hinzu kommen koreanische Serien, koreanische Beautyprodukte, koreanische Küche.

Die Kulturökonomie des ostasiatischen Landes, das in den 1950er Jahren noch zu den ärmsten der Welt gehörte und erst Ende der 1980er Jahre zu einer Demokratie wurde, boomt seit Jahren. Ab den 1990ern förderte der Staat hier gezielt Räume, damit sich koreanische Künstlerinnen ausprobieren konnten, ohne dass die Regierung inhaltlich eingriff. Mit der Öffnung für Kulturimporte aus dem Ausland begann die heimische Branche, sich am Weltmarkt zu orientieren. Und wurde bald weltweit beliebt.

Heute ist „Hallyu“, der koreanische Begriff für den Boom der heimischen Kulturwirtschaft, ein wichtiger ökonomischer Faktor. Das Institut Allied Market Research hat errechnet, dass allein das Geschäft für Events rund um K-Pop schon im Jahr 2021 gut acht Milliarden US-Dollar wert war, demnach bis 2031 aber auf gut 20 Milliarden steigen dürfte. BTS, eine der beliebtesten Boygroups aus der Branche, sprach schon vor den Vereinten Nationen. Sie sind Posterboys für ein modernes, weltoffenes Südkorea.

Das Unternehmen CT Investments legte im Jahr 2022 einen auf K-Pop spezialisierten Investmentfonds auf. Denn jeder dreizehnte Auslandstourist soll wegen K-Pop ins Land kommen. Auch deshalb erwartet das Nationalmuseum in Seoul einen Besucherrekord. Wie populär Südkoreas Pop geworden ist, zeigt sich aber auch daran, dass „KPop Demon Hunters“ eigentlich kein südkoreanisches Produkt ist, sondern vom US-japanischen Konzern Sony Pictures Animation stammt. Dort will man eben mitverdienen.

Im Hause Netflix scheint man sich allmählich schon über den Boom zu ärgern – weil wohl nicht genügend Kapital draus geschlagen worden ist. Schließlich erfreut sich das koreanische Nationalmuseum in Seoul ja nur deshalb so großer Verkäufe, weil deren Figuren jenen aus dem Film am nächsten kommen, in Ermangelung offizieller Fanprodukte. So soll es allerdings nicht bleiben.

Anfang August sickerte durch, dass der Streamingplattformanbieter auch zum Anbieter von Merchandise werde. Damit folgt er der Strategie von Unternehmen wie Disney oder Ghibli, deren populäre Figuren wie Mickey Mouse, Totoro oder weitere sich mehr nur auf dem Bildschirm bewegen, sondern auch als Schlüsselanhänger, Kuscheltiere oder Bettdecke zu haben sind. So dürfte Netflix noch etwas mehr an „KPop Demon Hunters“ verdienen. Der andere große Gewinner dieser Story aber ist: mal wieder Südkorea.

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