Hamburg Todeszone Landstraße: „Daniel bereiste die ganze Welt – gestorben ist er vor der Haustür“
Vor fünf Jahren kam Daniel Radenkovic bei einem Autounfall auf einer Landstraße in Niedersachsen ums Leben. Was passierte auf der schnurgeraden Strecke? Eine Frage, die seine Mutter noch immer quält.
Als Ljiljana Radenkovic die Notfallseelsorgerin neben den Polizisten vor ihrer Haustür stehen sieht, ahnt sie es. „Sie kommen hier nicht rein, ich weiß, was das bedeutet“, sagt sie zu der Frau – und lässt sie dann doch herein. Heute ist sie ihr dankbar für ihren Einsatz. Die Seelsorgerin koordinierte wichtige Anrufe, lenkte das Auto ins Krankenhaus, weil niemand sonst in der Familie dazu in der Lage gewesen wäre. Sie stand ihnen bei, als der Arzt die Todesnachricht überbrachte.
Vor fünf Jahren, am 25. August 2020, verlor Ljiljana Radenkovic ihren Sohn Daniel durch einen Verkehrsunfall. Es ist ein Dienstag, an dem der 33-Jährige in der Mittagszeit eine Landstraße im ostfriesischen Eversmeer (Landkreis Wittmund) entlang fährt und plötzlich mit seiner Mercedes A-Klasse auf die Gegenfahrbahn gerät.
Der Zusammenprall mit einem dort fahrenden Volvo samt Anhänger ist so schwer, dass Radenkovic im Wagen eingeklemmt und mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus nach Aurich gebracht wird. Dort verstirbt er um 16.32 Uhr im OP, so steht es im Abschlussbericht der Polizei Esens. Auch der 70-jährige Fahrer des Volvos erliegt am 5. September 2020 seinen Verletzungen im Krankenhaus. Seine 66-jährige Beifahrerin überlebt.
Der Unfall von Daniel Radenkovic reiht sich in eine traurige Statistik ein. Landstraßen sind der gefährlichste Verkehrsweg in Deutschland. Im Schnitt sterben dort pro Tag vier Menschen, 50 verletzen sich schwer. Bäume am Straßenrand, unübersichtliche Kurven, Überholmanöver – die Landstraße verzeiht keine Fahrfehler.
Wie es an diesem Augusttag zu dem schweren Verkehrsunfall kam, der Daniel und einen weiteren Mann das Leben kostete, beschäftigt seine Mutter bis heute. Warum ist er um 13.20 Uhr auf kerzengerader Straße in den Gegenverkehr gekommen? Daniel war diese Strecke unzählige Male entlanggefahren. An der Unfallstelle war Tempo 80 erlaubt.
„Er war kein Raser. Am Handy kann er nicht gewesen sein, man hat es in seiner Hosentasche gefunden“, sagt die 59-Jährige an einem Tag im August dieses Jahres. Die schmale Frau sitzt auf einem Stuhl in ihrem Restaurant, dem Balkan-Grill in der Gemeinde Hage, neben ihr ihre Tochter Sara. Zu ihr gewandt sagt sie: „Er hatte Heuschnupfen, vielleicht hatte er eine Niesattacke. Vielleicht wurde er ohnmächtig.“ „Oder war etwas mit dem Auto?“, überlegt sie laut weiter.
„Es war mein Wagen, er nannte ihn immer Baby-Benz“, sagt Radenkovic. „Und er war unterwegs, um Sachen für mich zu erledigen.“ Der Balkan-Grill sei am Wochenende zuvor gut besucht gewesen und der kroatische Likör Julischka ausgegangen. „Daniel ist an diesem Dienstag zum Großmarkt gefahren und hat einen neuen Kanister besorgt.“ Zudem brachte er Unterlagen für sie zum Steuerberater. „Mein Leben lang werde ich mir deshalb Vorwürfe machen“, sagt Radenkovic, ihre Stimme bricht. „Er hätte aber auch nicht noch zwei Avocados kaufen müssen, dann wäre er zu einem anderen Zeitpunkt die Straße entlanggefahren“, sagt Tochter Sara. Man fand die Früchte auf dem Kassenbon vom Großmarkt, den Daniel bei sich trug.
Daniel war der älteste Sohn von Ljiljana Radenkovics drei Kindern. „Nachdem mein Bruder Filip und ich im Krankenhaus erfahren hatten, dass Daniel tot ist, waren wir uns sicher: Das überleben unsere Eltern nicht“, sagt die 31-jährige Sara.
Vor Ljiljana Radenkovic und ihrer Tochter liegen zahlreiche Fotos von Daniel. Er sei das „schönste Baby“ gewesen, das sagt sie mehrmals. Lustig sei er gewesen, „ein Lebemann, für jeden Spaß zu haben, so beliebt.“ Weil er im Alter von neun Jahren beim Inlinerfahren von einem Auto erfasst und schwer verletzt wurde, hat sie immer ausgeschlossen, dass ihrem Sohn nochmal etwas im Straßenverkehr zustoßen wird.
Sorgen machte sie sich viel mehr, wenn Daniel mal wieder mit einem Containerschiff irgendwo weit weg von zu Hause unterwegs war. Er studierte Nautik an der Seefahrtschule in Leer. Seine Praxissemester führten ihn nach Indien, Nicaragua, in den Iran. „Er war auf dem Panamakanal unterwegs, im Golf von Aden, ich hatte immer Angst vor Piraterie“, sagt Ljiljana Radenkovic. „Daniel bereiste die ganze Welt – aber gestorben ist er vor der Haustür.“
Seine Zukunft sah Daniel nicht in der Schifffahrt, was immer wieder zu Streit zwischen Mutter und Sohn führte. „Ich habe ihn hier nicht weggekriegt“, sagt Ljiljana Radenkovic und blickt zum Tresen herüber. „Da stand er immer. Er wollte das Restaurant unbedingt übernehmen. Aber er sollte doch was aus seinem Studium machen.”
Zahlreiche Fotos erinnern im Restaurant an Daniel. In einem Schrank am Eingang steht ein großes Foto von ihm, daneben brennt eine Kerze. „Es gab Stammgäste, die konnten hier nach Daniels Tod lange nicht mehr herkommen“, sagt Ljiljana Radenkovic. Die Anteilnahme sei riesengroß gewesen.
Beerdigt wurde ihr Sohn in Sombor, im Nordwesten Serbiens, der Heimat ihrer eigenen Eltern. „Er liebte sie sehr, sagte nach ihrem Tod immer, dass sein Platz neben Oma und Opa ist.“ Jedes Jahr verbringt die Familie seinen Todestag an diesem Ort.
Und jede Woche steht Ljiljana Radenkovic an der Unfallstelle am Königsweg, einer von Bäumen gesäumten Straße. Sie hat dort ein weißes Unfallkreuz aufgestellt, ein Foto von Daniel, zahlreiche Engelsfiguren. Ein gehäkeltes Herz seiner Schwester Sara liegt im Kies. Sein Bruder Filip brachte den Lami-Kugelschreiber hierher, mit dem Daniel die Bestellungen im Balkan-Grill aufnahm.
An diesem Tag im August stellt seine Mutter ein gläsernes Sonnenlicht dazu. Es regnet in Strömen, die Kapuze ihres silbernen Anoraks hat sie sich tief ins Gesicht gezogen. Sie befüllt zwei Vasen mit Wasser aus einer mitgebrachten Colafalsche, wickelt frische Blumen aus rotem Papier und stellt sie hinein. „Wenn ich früher irgendwo hingefahren bin, hat er mich immer gefragt, ob ich ihm was mitbringe. Das mache ich immer noch.“
Sie schreibt ihrem Sohn noch Nachrichten auf Facebook. „Ich vermisse dich“, zum Beispiel. Sie ruft ihn unter seiner Handynummer an. Sie kontrolliert die Kilometerzahl auf seinem E-Bike, das sie in sein Kinderzimmer gestellt hat. „Vielleicht fährt er ja da oben weiter.“
Den Rat eines Psychologen, in eine Trauerklinik zu gehen, hat sie nicht befolgt. Sie ist sich sicher: „Das würde mir nicht helfen.“
Hin und wieder würden Passanten sie am Unfallkreuz ansprechen, fragen, was hier passiert ist. „Ist das Ihr Mann?“, sei sie einmal gefragt worden. „‘Mein Mann und ich wären beide so glücklich, wenn er das wäre’, habe ich geantwortet. ‘Aber leider ist das unser Sohn.’“ Ihr Mann Dejan komme viel seltener hierher als sie. „Und wenn, dann alleine.“
Das eigene Kind zu überleben, Ljiljana Radenkovic kann dieses Gefühl nicht beschreiben. „Was würde ich dafür geben, ihn nochmal ‘Mama’ sagen zu hören.“ Sie geht zurück zu ihrem Wagen, fährt den Königsweg entlang nach Hause. Und passiert dabei noch zwei weitere Unfallkreuze.