Bremerhaven  Krabbenfischer: „Wenn der letzte Kutter den Hafen verlässt, stirbt ein Stück Nordsee“

Heike Leuschner
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Von Heike Leuschner
| 21.08.2025 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
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Die Krabbenfischer an der Außenweser, der Wurster Nordseeküste, haben eigentlich nichts zu meckern: In diesem Jahr sind die Fänge ordentlich und die Preise gut. Wären da nicht die nagenden Zukunftssorgen, die sie umtreiben und immer mehr Fischer zum Aufgeben bewegen.

Die Krabben sind zurück. „In diesem Jahr läuft es gut“, freut sich Stephan Hellberg. Der Kutterfischer aus Dorum-Neufeld, südlich von Cuxhaven, und seine Kollegen haben aber auch schon andere Zeiten erlebt. Doch trotz guter Fänge und guter Preise fahren die Sorgen auch in dieser Saison mit.

Im Dorumer Kutterhafen hat sich die Zahl der Fischer binnen einer Fangsaison von vier auf zwei halbiert. Nachwuchs? Fehlanzeige. In Wremen und Spieka-Neufeld, den anderen beiden Tidehäfen an der Wurster Nordseeküste, sehe es nicht besser aus, sagt Hellberg.

Als Maik Bartel vor 25 Jahren in Wremen mit der Kutterfischerei anfing, waren dort sechs Fischer aktiv. Aktuell sind es noch vier. „Und in ein paar Jahren vielleicht nur noch zwei“, sagt der 55-jährige Bartel. Die Sorge um den Nachwuchs ist aber nur eine von vielen, die den Kutterfischern im Cuxland wie Wackersteine in den Netzen liegen.

Die traditionelle Krabbenfischerei in der Nordsee erfolgt zurzeit mit Grundschleppnetzen, die durch einen hohen Energieverbrauch und mögliche ökologische Auswirkungen in der Kritik stehen. Die EU-Kommission will die Fischerei mit Grundschleppnetzen in Schutzgebieten verbieten. Eigentlich sollte das Verbot bereits 2024 kommen. Das konnten die deutschen Fischer für ihre küstennahen Wattenmeer-Fanggebiete gerade noch abwenden. „Aber das Problem ist nur bis 2030 aufgeschoben“, sagt Hellberg. „Was kommt dann?“

Naturschützer kritisieren, dass das Fanggeschirr der Küstenfischer auf dem Meeresboden alles zerstöre, was am Grund lebt. Deshalb hätten Krabbenkutter in Natura-2000-Gebieten nichts zu suchen – zumindest nicht dort, wo es Sandbänke und Riffgründe gibt.

Fischer von der Wurster Küste halten dagegen. „Wo wir fischen, gibt es keine Riffgründe“, sagt Hellberg. Er verweist auf ein wissenschaftliches Gutachten, das vom Thünen-Institut erstellt wurde. Dabei seien auch Spuren ins Watt gefahren worden, die nach drei, vier Stunden wieder verschwunden gewesen seien. „Unsere Fanggeschirre sind mit 500, 600 Kilogramm vergleichsweise leicht, wir machen da nichts kaputt.“

Auch Hellbergs Kollege Maik Bartel aus Wremen ärgert sich: „Wir hinterlassen vielleicht kleine Spuren mit unserem Geschirr. Aber die Folgen, die die geplante Weservertiefung hat, machen wir in 100 Jahren nicht. Trotzdem sollen wir uns beschränken. Auf der Weser wird 24/7 gebaggert. Was macht es da für Sinn, dass wir dort nicht fischen?“

Doch Naturschutzverbände wollen nicht nur die aus ihrer Sicht „zerstörerische“ Grundschleppnetzfischerei verbieten. „Mindestens 50 Prozent aller Meeresschutzgebiete müssen ohne jegliche wirtschaftliche Nutzungen sein (Nullnutzungszone)“, fordert der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND).

Dabei sind die Fanggebiete aufgrund von Offshore-Windparks und Kabeltrassen schon jetzt kleiner geworden. „Wenn es dazu kommt, dass uns das ganze Watt gesperrt wird, dann sind wir Krabbenfischer raus aus dem Geschäft“, prophezeit Hellberg. Und indirekt, so der Fischer, wären dann auch Landfirmen wie Krabbenhändler, Schlossereien, Elektrofirmen, Imbisse, aber auch der Tourismus betroffen.

„Wenn wir mit unseren Kuttern in die Häfen einlaufen, ist die Pier voll mit Sehleuten“, erzählt Hellberg. „Die Leute wollen nicht unbedingt kaufen, aber sie sind interessiert und fragen uns viel.“ Er schätzt, dass der (Tages-)Tourismus etwa um ein Drittel einbrechen wird, wenn in den Häfen keine Kutter mehr liegen.

Wie aufs Stichwort läuft eine Urlauberin an den Fischern in Dorum-Neufeld vorbei. Sie will Krabben frisch vom Kutter kaufen. „Kommt ihr morgen früh noch mal rein?“, fragt sie. „Morgen früh nicht, aber morgen Nachmittag“, sagt Hellberg. Die Urlauberin zieht gut gelaunt weiter.

Die Fischer gehen davon aus, dass es zu einer „Kapazitätsanpassung“ in der Kutter- und Küstenfischerei kommen wird. Der Bund will es so und argumentiert damit, dass der Verlust von Fanggebieten eine Reduktion der Kapazitäten unumgänglich macht. 20 Millionen Euro sollen dafür bereitgestellt werden.

Im Klartext heißt das: Technisch veraltete Schiffe, die hohe Betriebskosten und Emissionen verursachen, sollen gegen Entschädigung ausgemustert werden. „Es ist vielleicht nicht verkehrt, wenn es insgesamt etwas weniger Schiffe werden, damit die jüngeren bessere Zukunftsaussichten haben“, räumt Bartel ein.

Für den hiesigen Raum klingen die Pläne für eine Kapazitätsanpassung dennoch paradox. Denn an der Wurster Küste hat sich die Zahl der Kutterfischer in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch ohne staatlich angeordnete Kapazitätsanpassung so stark verringert, dass die Fischer Alarm schlagen.

Sie finden kaum noch Nachwuchs und Decksleute. Hellberg und seine Kollegen vermuten, dass es junge Leute aus der Region zum Arbeiten eher in den Bremerhavener Hafen zieht.

Björn Stelling, der zweite noch verbliebene Fischer im Dorumer Hafen neben Hellberg, geht davon aus, dass er der letzte Kutterfischer in seiner traditionsreichen Familie sein wird. Sein Ur-Ur-Großvater habe die Fischerei an der Wurster Küste einst mitbegründet, erzählt er. Für ihn selbst wäre nie ein anderer Beruf in Betracht gekommen. Und jetzt? „Da kommt nix mehr nach“, gibt sich der 49-Jährige resigniert.

Stephan Hellberg dagegen hätte einen Nachfolger für seinen Kutter. Sein Enkel will unbedingt Kutterfischer werden. „Aber nur mit Opas Kutter“, sagt Hellberg und schmunzelt. „Wenn er wirklich Lust dazu hat, werd’ ich ihn unterstützen.“ Doch der Weg dahin ist lang. Hellberg rechnet mit zwölf Jahren, ehe der Enkel alle erforderlichen Ausbildungen und Lehrgänge absolviert hat. „Dann bin ich 70“, rechnet der 58-Jährige, „und der Kutter auch schon 60. Dann will damit keiner mehr los.“

Hellbergs Herz hängt an der Fischerei. Genauso wie das der anderen Wurster Fischer. „Ist ’ne Männersache“, meint Bartel, „entweder bist du Fischer, oder du bist keiner. Dazwischen gibt es nichts.“ Doch es geht ihnen um mehr als um die eigenen Befindlichkeiten. „Wenn der letzte Kutter den Hafen verlässt“, prognostizieren die Seefahrer, „geht mehr verloren als nur ein Arbeitsplatz – es stirbt ein Stück Nordsee, ein Stück Heimat, ein Stück Tourismus, ein Stück Urlaubsgefühl.“

Hellberg hofft, dass die Zukunft nicht so düster wird, wie viele seiner Zunft sie sich ausmalen. Als Vorsitzender des Fischereivereins Dorum hat er gerade alle hiesigen Berufskollegen und Politiker zu einem Dialog eingeladen. „Ich mach‘ das nicht für mich, ich könnte jederzeit in Seemannsrente gehen“, betont er. „Ich mach’ das für die jungen Leute.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Nordsee-Zeitung“ in Bremerhaven.

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