Hamburg/Oldenburg  Dieser General muss Wehrdienst von Pistorius umsetzen: Können Sie das überhaupt, Herr Sieger?

Luise Charlotte Bauer, Tim Prahle
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Von Luise Charlotte Bauer, Tim Prahle
| 22.08.2025 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Robert Sieger, Generalleutnant des Heeres, leitet das Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr. Foto: Bundeswehr
Robert Sieger, Generalleutnant des Heeres, leitet das Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr. Foto: Bundeswehr
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Die Bundeswehr soll auf 260.000 Soldaten wachsen, ein neuer Wehrdienst soll dabei helfen. Aber bringt das überhaupt was? Im Interview nimmt der oberste Personalchef der Armee Stellung.

Seit etwas mehr als einem Jahr ist Robert Sieger Chef des so wichtigen Bundesamtes für Personalmanagement der Bundeswehr. In seiner Behörde, gelegen auf einem riesigen Kasernengelände in Köln, kämpfen sie seit Jahren um mehr Personal für die Truppe. Das neue Ziel: 80.000 zusätzliche Soldaten bis Mitte der 2030er Jahre. Damit das überhaupt machbar ist, plant Verteidigungsminister Boris Pistorius, mit einem neuen Wehrdienst noch mehr Freiwillige zu locken – und notfalls die Wehrpflicht doch zu reaktivieren.

Für den Generalleutnant Sieger und dessen Behörde bedeutet das, schon bald wieder einen ganzen Jahrgang junger Menschen mustern zu müssen. Im Interview erzählt er, wo dabei die Schwierigkeiten liegen könnten, was er von einer Wehrpflicht für Frauen hält – und warum immer mehr Kriegsdienstverweigerer für ihn kein Problem darstellen. 

Frage: Herr Sieger, wann haben Sie Ihren Wehrdienst geleistet und wie viel haben Sie da verdient?

Antwort: Das war 1984, für den Grundwehrdienst gab es rund 400 Mark, glaube ich. Ich bekam als Offizieranwärter rund 1200 Mark.

Frage: Mit dem neuen freiwilligen Wehrdienst sollen Rekruten rund 2000 Euro netto im Monat bekommen. Müssen Sie die jungen Leute mit Geld locken, weil sie sonst nicht kommen?

Antwort: Geld ohne Sinnstiftung wird selten reichen. Aber ja, wir müssen auch finanziell attraktiv sein. Die Kugel Eis hat 1984 auch weniger gekostet als heute.

Frage: Sie brauchen nicht nur ein paar Soldaten mehr, sondern müssen jährlich Zehntausende ersetzen. Jetzt ist die Bundeswehr im Jahresvergleich personell tatsächlich gewachsen, erstmals seit langem. Kommt die Trendwende zu spät?

Antwort: Das ist mit Blick auf den Regenerationsdruck eine sehr gute Leistung. Ursprünglich sollte die Bundeswehr zehn Jahre Zeit haben, um von Internationalem Krisenmanagement auf Landes- und Bündnisverteidigung umzustellen. Doch dann hätte man das politisch bereits viel früher entscheiden müssen. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Für das Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr bedeutet die nach Beginn des Ukraine-Krieges 2022 beschlossene Fokussierung auf Landes- und Bündnisverteidigung eine völlig neue Aufgabe. Nicht nur einfach mehr Soldaten, sondern eine komplette Reorganisation des ganzen Apparats. Und da stecken wir gerade mittendrin.

Frage: Aber ist es nicht auch eine sehr undankbare Aufgabe. Im Gegensatz zu Waffen kann man sich neues Personal in diesen Größenordnungen ja nicht einfach kaufen oder bauen.

Antwort: Zumindest beklagt sich hier niemand über Langeweile. Der personelle Aufwuchs geht nicht über Nacht. Die Menschen müssen zu uns kommen wollen und geeignet sein. Und wir müssen die richtigen Angebote haben, regional und zeitlich. Obwohl rund 30.000 Soldaten, zum großen Teil altersbedingt und weil die Verpflichtungszeit endet, jedes Jahr die Bundeswehr verlassen, sind wir insgesamt zuletzt leicht gewachsen. Ich bin überzeugt: Das Ziel von 203.000 Soldaten bis 2031 hätten wir mit den Maßnahmen der Task Force Personal erreicht.

Frage: Nach den neuen NATO-Vorgaben aus dem Mai 2025 sollen es aber jetzt 260.000 Soldaten sein…

Antwort: Klar ist, dass die bisherigen Maßnahmen auch der Taskforce Personal bei solchen Zielen nicht mehr reichen. Genau deswegen braucht es jetzt auch den neuen Wehrdienst. Aber da ist noch mehr. Wir müssen künftig in der Lage sein, junge Männer eines gesamten Geburtsjahrgangs zu mustern – für den Fall, dass die Wehrpflicht nach einer entsprechenden politischen Entscheidung auch reaktiviert werden kann. Einen solchen personalpolitischen Kraftakt gab es bei der Bundeswehr nur einmal: 1955 bei ihrer Gründung. Wir sind jetzt wieder in einem 1955er-Moment. Nur mit viel mehr Regeln.

Frage: Woran hapert es denn?

Antwort: Es fehlt zum einen der rechtliche Rahmen. Zu viel Bürokratie und zu eng geregelte Verfahren, aber auch regionale Kapazitätsengpässe bei Unterbringung und bei Ausbildungsplätzen. Nicht zu vergessen: Ausbildungspersonal. Bei zusätzlichen 5000 Wehrdienstleistenden brauche ich in der Regel 500 Ausbilder mehr. Bei 40.000 brauche ich schon 4000, Ausbilder produziert man aber nicht über Nacht. Die Strukturen in der Bundeswehr müssen sich dann verändern. Und klar: Die Ausbilder fehlen dann wieder bei der Einsatzbereitschaft.

Frage: Der neue Wehrdienst wird Ende des Monats dem Kabinett vorgestellt. Sind Sie auf die Umsetzung bereits vorbereitet?

Antwort: Wenn das Gesetz in Kraft tritt, sind wir im Bundesamt bereit, um die neuen Freiwilligen in der Bundeswehr aufzunehmen.

Frage: Aber werden Sie bis Mitte 2027 denn auch einen ganzen Jahrgang mustern können, so wie es der Gesetzesentwurf vorsieht?

Antwort: Unsere Karrierecenter sind auf freiwillige Bewerbungen eingestellt, nicht auf die Musterung eines männlichen Jahrgangs. Wir müssen hier also eine ganz neue Struktur aufbauen. Das ist eine gewaltige Herausforderung und sichert zugleich politische Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit.

Frage: Wo sollen die Menschen gemustert werden und von wem?

Antwort: Unsere Pläne zum Ausbau der bestehenden Karrierecenter sind fertig. Ergänzend sind spezialisierte Musterungszentren notwendig. Die Zeit zum Aufbau ist mit voraussichtlich 18 Monaten nach Inkrafttreten des Gesetzes knapp. Bereits jetzt bereiten wir deshalb alles vor, den Ausbau der notwendigen Infrastruktur zu beschleunigen und die Voraussetzungen für die Einstellung des dafür notwendigen zivilen Personals zu schaffen. Denn eines ist klar, der militärische Aufwuchs steht auch auf zivilen Schultern.

Frage: Bei einer Wehrpflicht wären Frauen weiter ausgenommen. Wünschen Sie sich da eine Änderung? Immerhin hätten sie so auf einen Schlag doppelt so viele potenzielle Bewerber.

Antwort: Wünschen kann man sich vieles, aber es bräuchte eine Grundgesetzänderung und eine politische Entscheidung. Das überlasse ich der Politik. 

Antwort: Aber ja, wir brauchen zwingend auch mehr Frauen für den Aufwuchs der Streitkräfte. Hier werden wir mit gezielter Personalwerbung, tiefer gehenden Analysen möglicher Karrierehemmnisse, Gleichstellungsplänen und mit mehr positiven Rollenvorbildern in der Truppe aber auch in der Karriereberatung den Anteil von Frauen auf der Basis von Freiwilligkeit weiter steigern.

Frage: Neben dem Wehrdienst steht auch ein Wehrdienstmodernisierungsgesetz an. Was soll das?

Antwort: Wir brauchen das Gesetz, um den neuen Wehrdienst einführen und damit  insbesondere die Reserve stärken zu können, ganz besonders den Heimatschutz, zum Beispiel für den Schutz kritischer Infrastruktur in der eigenen Region. Und zugleich bekommen wir so die notwendigen Daten über einen männlichen Geburtsjahrgang. Damit können wir ein entsprechendes Lagebild aufbauen. Darüber hinaus ermöglicht das Gesetz auch unsere Informationen über die vielen Reservisten zu aktualisieren.

Frage: Aber was genau bringen mehr Wehrdienstleistende denn überhaupt, wenn dadurch vor allem die Reserve gestärkt wird, aber sich an den Zahlen der Berufssoldaten nichts ändert?

Antwort: Aus der Zeit der Wehrpflicht wissen wir, dass sich ungefähr jeder Fünfte für weitere Jahre bei der Bundeswehr entscheidet. Der neue Wehrdienst kann also auch ein Einstieg für den dauerhaften Dienst in der Bundeswehr sein. Und zusätzlich wird die Bundeswehr ausgehend von den Nato-Zielen auch bei Zeit- und Berufssoldaten weiter wachsen müssen.

Frage: Die Zahl der Bewerbungen geht schon ganz ohne Wehrdienst nach oben. Aber jeder vierte Rekrut bricht vorzeitig ab. Stört Sie das nicht?

Antwort: Ich halte die Quote für zu hoch, denn hinter den 25 Prozent verbergen sich 5000 Menschen, die wir vorher für uns gewonnen, beraten und eingeplant haben. Die Quote ist aber nicht ungewöhnlich. Es liegt in der Natur der Sache, dass man sich gerade in jungen Jahren umentscheidet, schon weil sich die Lebenssituation schnell verändern kann oder man eine Überbrückung sucht. Dennoch sind es 5000 Menschen, die mir im Jahr für den Aufwuchs fehlen. Und jeder und jede, die vorzeitig den Wehrdienst beendet, fehlt uns zweimal: einmal in der Tagesstärke, also den einsatzbereiten Soldaten, und später in der Reserve. 

Frage: Soldatische Laufbahnen sind sehr starr, das schreckt manchen vor der Bundeswehr-Karriere ab. Warum können Soldaten nicht viel flexibler zwischen Bundeswehr und freier Wirtschaft hin und her wechseln? 

Antwort: Ich denke, wir können noch flexibler werden, was die Durchlässigkeit zwischen freier Wirtschaft und Bundeswehr angeht. Warum nicht einige Jahre in der Bundeswehr sein, dann in die zivile Wirtschaft wechseln und wieder zurückkommen, das Ganze vielleicht auch mehrmals? Das könnte eine Win-win-Situation für alle sein. Flexibilität hat natürlich auch ihre Grenzen. Wenn ich innerhalb von wenigen Tagen an der Nato-Ostflanke sein muss, dann geht es um die Verfügbarkeit einsatzbereiter Einheiten und Verbände. Und dieses Ziel dürfen wir bei aller Flexibilität niemals aus den Augen verlieren. 

Frage: Apropos Nato-Ostflanke: Die Bundeswehr stationiert in Litauen erstmals dauerhaft Soldaten im Ausland . Waren Sie überrascht, wie viele Soldaten sich freiwillig gemeldet haben?

Antwort: Nein, weil ich in den vergangenen Jahren sehr viel in der Truppe unterwegs war und diese Bereitschaft gespürt habe, zumal der Dienst in Litauen völlig zurecht attraktiver geworden ist und damit den besonderen Anforderungen dort entspricht. Dafür steht unter anderem das Artikelgesetz zur Zeitenwende. Ich bin zuversichtlich, dass das so weiter geht, sehe aber eine steigende Herausforderung, insbesondere bei Spezialisten.

Frage: Und verträgt die Bundeswehr hierzulande die Abwesenheit dieser Soldaten?

Antwort: Entscheidend ist die Balance. Wenn es um den einen Experten geht, dann ist er oder sie entweder in Litauen oder in einem Verband mit hoher Readiness in Deutschland eingesetzt. Deshalb müssen wir ja auch im Bereich der Fachkräfte schnell wachsen. Dazu zählen auch mögliche Seiteneinsteiger. Ein ausgebildeter IT-Fachmann braucht dann noch die notwendige militärische Ausbildung, das geht in der Regel schneller.

Frage: Macht es ihnen Sorge, dass die Zahl der Kriegsdienstverweigerer aktuell schlagartig wieder hochgeht und immer noch eine Mehrheit laut Umfragen Deutschland nicht selbst mit der Waffe verteidigen wollen würde.

Antwort: Wir beobachten diesen Anstieg, der weit überwiegend von Ungedienten getragen wird. Und zugleich sehe ich, dass es einen immer höheren Zuspruch gibt, sich für unsere Sicherheit zu engagieren. Bei Männern unter 50 ist eine Mehrheit sogar bereit, mit der Waffe zu kämpfen. Aber es gibt ja nicht nur den Dienst an der Waffe. Das wird gerne vergessen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sehr viele Menschen grundsätzlich bereit sind, ihren Beitrag zu leisten. Ob in der Bundeswehr oder woanders. Da wird mir nicht bange. 

Frage: Sie wirken generell recht sorglos angesichts der beschriebenen Umstände.

Antwort: Sorglos ist das falsche Wort. Ich bin optimistisch und davon überzeugt, dass wir als Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr die gewaltigen Herausforderungen meistern können. An uns wird der Aufwuchs der Bundeswehr nicht scheitern.

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