Hannover Niedersachsen hat fast 100.000 Schüler mehr als geplant - aus diesen drei Gründen
Noch nie gab es in Niedersachsen so viele Schüler wie aktuell. Wie kann das sein – es herrscht doch demografischer Wandel?
Rund 807.000 Jugendliche würden in diesem Jahr in Niedersachsen eine Schule besuchen, hatte das Kultusministerium noch 2017 ausgerechnet. Doch tatsächlich starteten in der vergangenen Woche knapp 900.000 Schüler in das neue Schuljahr. Wie konnten sich die Planer so verschätzen?
Der offensichtlichste Grund: Zwischen 2014 und 2018 wurden mehr Kinder geboren als gedacht. Gab es 2014 in Niedersachsen noch rund 69.000 Geburten, waren es 2018 schon fast 74.000 – bis heute ist die Geburtenrate in Niedersachsen die höchste in ganz Deutschland. Besonders in den Landkreisen Gifhorn, Vechta, Cloppenburg und Osnabrück sowie der Stadt Salzgitter liegt die Geburtenrate deutlich über dem Bundesschnitt von 1,35 Kinder je Frau.
Die Kultusministerkonferenz hat diese Entwicklung jedoch ignoriert und ging in ihren Prognosen weiterhin von sinkenden Geburtenraten aus. Erst seit diesem Jahr gehen die Geburten in Niedersachsen wieder zurück. Der demografische Wandel kommt also – aber ein paar Jahre später als gedacht.
„Wir verzeichnen zwar weiterhin sinkende Geburtenzahlen in Deutschland, aber dieser Effekt wirkt sich in unseren Grundschulen erst ab 2028 aus und wird über alle Schuljahre erst ab voraussichtlich 2034 spürbar sein“, erklärt Kultusministerin Julia Willie Hamburg. Bis dahin rechnet ihr Ministerium mit mehr als einer Million Schülern in Niedersachsen. „Erst dann erwarten wir tatsächlich rückläufige Gesamtschülerzahlen.“
Hinzu kamen zahlreiche Schüler aus dem Ausland, mit denen die Kultusministerkonferenz so nicht gerechnet hatte. Wie viele ausländische Schüler es in Niedersachsen gibt, ist nicht genau bekannt. Das Kultusministerium erfasst Schüler mit Migrationshintergrund, wenn sie entweder keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, im Ausland geboren wurden oder zu Hause nicht Deutsch sprechen.
Im Schuljahr 2019/2020 betraf das 18,3 Prozent der niedersächsischen Schüler. Im laufenden Schuljahr hat sich der Wert auf 24,4 Prozent erhöht. An niedersächsischen Hauptschulen fällt fast jeder zweite Schüler unter die Kriterien, an Real- und Oberschulen fast jeder Dritte. Insbesondere Kinder aus der Ukraine stellen für die niedersächsischen Schulen eine Belastung dar. Nach aktuellen Zahlen sind 21.281 ukrainische Schüler angemeldet. Die meisten von ihnen wurden direkt in Regelklassen integriert, da Niedersachsen bewusst auf separate Willkommensklassen verzichtet.
Seit 2018 können Eltern ihre Kinder zudem flexibler einschulen. Vollenden die Kinder zwischen dem 1. Juli und 30. September das sechste Lebensjahr, kann der Schulstart ein Jahr aufgeschoben werden. Fast jedes zehnte Kind wird seitdem in Niedersachsen verspätet eingeschult. Auch die Quote an Schülern, die eine Klasse wiederholen müssen, nahm zuletzt merklich zu – wurde aber in den Prognosen nicht berücksichtigt.