Osnabrück  Offizielle Zahlen vorgestellt: Clanmitglieder sind verstärkt bewaffnet

Stefan Idel
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Von Stefan Idel
| 19.08.2025 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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In Niedersachsen sind Straftaten, die dem Clanmilieu zugeordnet werden, das zweite Jahr in Folge gesunken. In Osnabrück wurden vergleichsweise viele Fälle registriert. Außerdem ist es der Justiz gelungen, immer mehr Vermögenswerte der Banden zu sichern.

„Brechstange“ lautet der Titel des Ermittlungsverfahrens, das bei der Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft Osnabrück geführt wird. Eine Bande dringt in Wohnungen ein und geht mit großer Brutalität gegen die Bewohner vor. So auch in Nordhorn, wo die 88 und 89 Jahre alten Opfer genötigt werden, Schmuck und Bargeld im Wert von 60.000 Euro herauszugeben.

Durch einen Unfall mit dem Fluchtfahrzeug kommt die Polizei den Tätern auf die Schliche. Ein Beispiel für ein Ermittlungsverfahren gegen kriminelle Clans, die oft auch in Zusammenhang mit illegalem Glücksspiel, Drogenhandel oder Schutzgelderpressung geführt werden.

Insgesamt 3145 Straftaten wurden 2024 der sogenannten Clankriminalität in Niedersachsen zugeordnet; 2023 waren es noch 3610. Das geht aus dem gemeinsamen Lagebild von Polizei und Justiz hervor, das Innenministerin Daniela Behrens und Justizministerin Kathrin Wahlmann (beide SPD) am Montag in Hannover vorstellten.

Verglichen mit der gesamten Polizeilichen Kriminalstatistik, die insgesamt 529.264 Straftaten ausweist, liege der Anteil der Clankriminalität bei 0,65 Prozent. Zwar seien die Zahlen zum zweiten Mal in Folge gesunken. Es sei aber verfrüht, von einer „Trendumkehr“ zu sprechen, so Behrens. Clankriminalität sei weiterhin stark von Gewaltdelikten geprägt.

Laut Behrens ist eine zunehmende Waffenaffinität zu beobachten. Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit machen mit 1018 Taten (2023: 1110) gut in Drittel der Gesamtfälle aus. Die Zahl der schweren Diebstähle stieg – gegen den Trend – um 25 Prozent auf 303 Fälle. Insbesondere habe es sich um bandenmäßig begangene Diebstähle gehandelt, erläutert Landespolizeipräsident Axel Brockmann.

Die Zahl der Fälschungs- und Vermögensdelikte, darunter Schockanrufe und Urkundenfälschungen, sank um gut 31 Prozent auf 587. Acht sogenannte Straftaten gegen das Leben stehen in der Statistik; darunter ein vollendetes Tötungsdelikt. Im Raum Stade wurde ein Mann vom gegnerischen Clan getötet.

Insgesamt 2903 Tatverdächtige (2023: 3048) wurden in der Statistik erfasst; etwa 56 Prozent haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Unter den Ausländern stellten Rumänen, Türken und Syrer den größten Anteil. Auffällig auch: Von der Gesamtzahl der Tatverdächtigen machten Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre einen Anteil von 16,81 Prozent (2023: 15,49 Prozent) aus.

Behrens betont, es gebe keine „Hotspots“ der Clankriminalität. Bei einer grafischen Aufbereitung fürs Flächenland Niedersachsen fallen allerdings neun Regionen mit besonders vielen Fällen auf. Darunter sind die Polizeiinspektionen (PI) Wilhelmshaven/Friesland, Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch und Osnabrück.

In Braunschweig, Hildesheim, Osnabrück und Stade gibt es vier Schwerpunktstaatsanwaltschaften zur Bekämpfung krimineller Clanstrukturen. Sie haben im Vorjahr Vermögen im Volumen von rund 4,9 Millionen Euro (2023: 1,9 Millionen Euro) abgeschöpft. Allein im Bereich der Polizeidirektion Osnabrück lag die Summe bei 1,9 Millionen Euro. Im Bereich der Polizeidirektion Oldenburg waren es 267.982 Euro (2023: 1,3 Millionen Euro).

„Man muss die Täterinnen und Täter dort packen, wo es ihnen am meisten weh tut – und das ist im Regelfall der Geldbeutel“, sagt Justizministerin Wahlmann. Laut Ministerin Behrens soll die behördenübergreifende Zusammenarbeit zur Bekämpfung der Clankriminalität ausgebaut werden: internationale Kooperationen will die SPD-Politikerin stärken.

Kritik am Lagebild kam ausgerechnet vom Koalitionspartner: Evrim Camuz, rechtspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, hält das Phänomen Clankriminalität für „künstlich aufgebauscht“. Das erwecke den Eindruck, es handele sich dabei um eine besondere Gefahr für die Gesellschaft. Menschen mit Migrationshintergrund würden zu Unrecht stigmatisiert, meint Camuz.

Der SPD-Polizei-Experte Alexander Saade sagt dagegen: „Der Kampf gegen organisierte Kriminalität und kriminelle Clans ist für uns extrem wichtig. Wir dulden keine Parallelgesellschaften und -justizen und werden diese Strukturen weiter bekämpfen!“ Die CDU-Opposition fordert eine deutliche Aufstockung der Stellen bei Staatsanwaltschaften und Gerichten.

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