Illegale Müllentsorgung Altkleider-Container mit Ekelfaktor
Speisereste und volle Windeln landen vermehrt in Spendencontainern einer Auricher Firma. Welche Folgen das für den Unternehmer hat und wie er jetzt Abhilfe schaffen will.
Aurich - Kevin Frerichs steht der Schweiß auf der Stirn. Immer wieder läuft er von der Rampe in den Laderaum des weißen Lieferwagens und holt Plastiksäcke mit alten Kleidern heraus, stopft sie dann in große Big-Packs. Seit vier Uhr morgens ist Frerichs an diesem heißen Sommertag unterwegs, war schon in Friedeburg, Wittmund, Carolinensiel. Sein Job ist es, die Altkleidercontainer der Auricher Firma A.C. GbR Recycling und Transport zu leeren. 250 Container betreut die Firma nach eigenen Angaben in Ostfriesland, dem Wangerland, Friesland und dem nördlichen Emsland. Was Fahrer wie Kevin Frerichs dabei seit einigen Monaten erleben, stößt im wahrsten Sinne des Wortes übel auf.
Denn seit rund einem Jahr finden die Mitarbeiter vermehrt Müll in den Containern, die eigentlich für die Spende von getragenen Kleidungsstücken gedacht sind. Beim Entleeren stoßen sie auf Grasschnitt und andere Gartenabfälle, Biomüll, gebrauchte Windeln, Hygieneartikel und Kunststoffe. Für Kevin Frerichs vor allem an heißen Tagen wie diesem eine echte Zumutung. „Ich kann ja schon einiges ab“, sagt er. Aber wenn Maden auf dem Boden des Containers unterwegs seien, dann sei auch bei ihm Schluss. Besonders unangenehm: Frerichs muss den Müll in seinem Transporter mitnehmen, um ihn dann an der zentralen Sammelstelle in Aurich-Pfalzdorf fachgerecht zu entsorgen. Mitunter bedeutet das eine mehr als halbstündige Fahrt mit übel riechendem Abfall im Laderaum.
Steigende Kosten durch die Müllentsorgung
Der illegal entsorgte Müll, derzeit sind es laut A.C.-Geschäftsführer Kurt Rotermund sechs Tonnen pro Woche, sei aber nicht nur eine Zumutung für die Fahrer. „Er bedeutet auch einen erheblichen finanziellen Mehraufwand für unser Unternehmen“, sagt Rotermund im Gespräch mit dieser Zeitung. Durch die Müllentsorgung hätte man die Anzahl der Fahrten erhöhen müssen. Das wiederum bedeute steigende Benzin- und Personalkosten. Hinzu komme die Entsorgung des Mülls, die das Unternehmen selbst tragen müsse. Dabei überstiegen die Kosten für die Entsorgung inzwischen die Erlöse durch die eingesammelten Altkleider. „Der Müll kostet uns aktuell 23 Cent pro Kilogramm, während wir lediglich 15 Cent pro Kilo Altkleider von den Verwertern erhalten“, rechnet Rotermund vor. Das Problem des eingeworfenen Mülls sei nicht neu, habe sich in den vergangenen Monaten aber verschärft. „Während wir vor einigen Jahren rund zehn bis 15 Prozent Müll in den Containern gefunden haben, sind wir inzwischen bei 60 Prozent angekommen“, so Rotermund und weiter: „Wir kämpfen derzeit um unser unternehmerisches Überleben.“
Spendenaktion für Schulen steht auf der Kippe
Dabei geht es ihm und seinem Mitgeschäftsführer André Cassens nicht nur um den eigenen unternehmerischen Erfolg, wie sie sagen. Mit der Spendenaktion „Alte Kleider für neue Klassenzimmer“, die durch Erlöse aus dem Altkleider-Verkauf finanziert wird, unterstützt die Firma Schulen bei der Digitalisierung. Laut eigenen Angaben fließen 20 Prozent des Gewinns in die Projekte. „Der Müll hat unser Spendenbudget für Schulen bereits aufgefressen. Wenn das so weitergeht, werden wir die Sammlung zum Jahresende einstellen“, hatte Rotermund bereits im April gewarnt. Schon damals hatten er und Cassens in einem Gespräch mit dieser Redaktion auf die Lage aufmerksam gemacht.
Unter anderem hatten die beiden Unternehmer an die Gemeinden und Landkreise in ihrem Tätigkeitsbereich appelliert und um Hilfe gebeten, etwa durch verstärkte Kontrollen und Aufklärungsmaßnahmen für Bürger, wie Müll korrekt entsorgt wird. Mit wenig Erfolg. „Die Behörden tolerieren zum Großteil das Verhalten der Müllsünder als Ordnungswidrigkeit und bagatellisieren es auf diese Weise“, kritisiert Rotermund.
Hilferuf an Landkreis Aurich verhallte
„Erfreulicherweise erleben wir in Leer und Emden eine große Bereitschaft zur Zusammenarbeit. In Aurich hingegen stoßen wir auf Zurückhaltung – warum, ist für uns bislang unklar“, so Kurt Rotermund. Im Frühjahr 2025 hatte die Auricher Kreisverwaltung auf Anfrage dieser Redaktion eher zurückhaltend auf einen offenen Brief reagiert, den Rotermund und Cassens verfasst hatten. „Die darin formulierten Probleme sind zwar weitestgehend nachvollziehbar, unterliegen aber dem eigenen Unternehmensrisiko. Ein Großteil der vorgeschlagenen Maßnahmen, wie die Containerbeschriftung, zusätzliche Abfallbehälter, Sicherungssysteme etc. können insofern nur eigenverantwortlich durch die jeweils tätige Organisation oder das Unternehmen organisiert werden“, hieß es aus dem Kreishaus.
In einer Antwort auf ein weiteres Schreiben, das der Redaktion vorliegt, präzisiert die Verwaltung noch einmal: „Die per E-Mail getätigten Ausführungen Ihrerseits, wonach die gesetzlich geregelte Gesamtverantwortung für die kommunale Abfallentsorgung bei der Kommune verbleibt – auch wenn private Unternehmen mit der praktischen Umsetzung beauftragt werden – teilt der Landkreis in dieser Form nicht.“ Der Landkreis Aurich sei als öffentlich-rechtlicher Entsorgungsträger seit dem 1. Januar 2025 gemäß dem Kreislaufwirtschaftsgesetz verpflichtet, eine getrennte Sammlung von Textilabfällen zu organisieren. Dieser Verpflichtung komme der Landkreis nach, indem an sämtlichen sechs Wertstoffhofstandorten im Kreisgebiet eine kostenfreie Annahme dieser Abfälle über die Entsorgungstochter MKW GmbH & Co. KG im Rahmen eines sogenannten Bringsystems eingerichtet worden sei, so der Landkreis weiter.
Altkleiderabholung als Service
Für Rotermund ist diese Reaktion nur ein schwacher Trost. „Die Erfahrungen zeigen, dass die Menschen nicht für ein oder zwei Säcke Altkleider zum Wertstoffhof fahren“, sagt er. Rotermund geht vielmehr davon aus, dass auf diese Weise noch mehr Unrat in der Natur und Gräben oder auf der Straße landen werde. Doch der Unternehmer hat schon einen Plan, wie er der verzwickten Lage entkommen kann. „Wir planen einen Abholservice anzubieten“, berichtet er. Dabei sollen Kunden, also Spender, eine Altkleiderabholung anmelden können. „Unsere Fahrer holen dann die alten Kleider direkt bei den Kunden zuhause ab, kostenlos und, wenn es läuft wie geplant, sogar gegen einen kleinen Obolus“, so Rotermund. Die Stadt Emden sowie die Gemeinde Ihlow hätten bereits Interesse an dem Projekt signalisiert. Gespräche mit dem Landkreis Leer stünden an. Im Gegenzug würden dann sukzessive die Altkleidercontainer an den öffentlichen Standorten abgebaut und auf diese Weise das System umgebaut.
Rotermund hofft nun darauf, dass die Kommunen und Gemeinden offen sind für sein neues Konzept, für das er mit ihnen einen Dienstleistungsvertrag abschließen müsste. Und er hofft, dass ihm in einem ersten Schritt finanziell bei der Entsorgung des anfallenden Mülls unter die Arme gegriffen wird, damit sein Herzensprojekt, die Unterstützung der Schulen, nicht stirbt. Fahrer Kevin Frerichs wäre schon zufrieden, wenn er bei seiner täglichen Arbeit nicht in volle Windeln und Essensreste greifen müsste.
Tipps zur korrekten Altkleider-Entsorgung
Etwa 64 Prozent der Textilabfälle in Deutschland werden über öffentliche Container entsorgt. Sie werden in einem aufwendigen Prozess sortiert und entweder einer Wiederverwendung als Secondhand-Bekleidung oder dem Recycling (z. B. als Material für Putzlappen oder Dämmstoffe) zugeführt. Damit wird laut Verband kommunaler Entsorger (VKU) eine Wiederverwendungs- und Verwertungsquote von mehr als 90 Prozent erreicht. Bei der Entsorgung sollten Verbraucher folgendes beachten: 1. In den Altkleidercontainer gehören nur saubere und intakte Textilien und Kleider. 2. Kaputte, zerschlissene oder verschmutzte Kleidung hingegen gehört in den Restmüll. 3. Restmüll, wie Küchenabfälle, Matratzen, Sitzauflagen u. ä. gehören nicht in den Altkleidercontainer.