Bramsche So entstand mein Garten: Wie Reporterin Julia Kuhlmann zur Garten-Leidenschaft kam
Redakteurin Julia Kuhlmann hat vor gut 15 Jahren einen großen Garten angelegt. Ein persönlicher Rückblick mit Vorher-Nachher-Fotos: Wie aus einer gemähten Wiese ein Garten wurde und aus einer Ahnungslosen eine leidenschaftliche Gärtnerin mit Dauer-Muskelkater und (vorübergehendem) Hass auf Rehe.
Es gibt Entwicklungen, die nicht abzusehen sind. Dass aus mir, in einer Großstadt geboren, in einer weiteren aufgewachsen, einmal eine leidenschaftliche Gärtnerin werden würde, zählt dazu. Die Pflanzen meiner Jugend erschöpften sich in den zu dieser Zeit obligatorischen Geranien auf dem Balkon. Mit dem Erwerb eines sehr alten Hauses samt großen Grundstücks auf dem Land ging alles los.
Ein persönlicher Rückblick und Ermutigung, mit dem Gärtnern anzufangen: Ziemlich sicher entsteht dabei ein Garten - mit ein bisschen Glück aber noch viel mehr.
Nach erfolgter Sanierung eines denkmalgeschützten Heuerhauses war klar: Es sollte schöner werden rund ums Haus. Zu dieser Zeit war mir Gärtnern aber noch völlig fremd, und ich hätte mir nicht träumen lassen, wie es im Garten später einmal aussehen würde - und was der Garten einst mit mir anstellen würde.
So kahl war es zu Beginn auf dem Grundstück:
Dann wurde in der ehemaligen Wiese ein Beet nach dem anderen angelegt.
Dasselbe Beet wenig später: Zunächst besiedelte Mohn die noch offenen Stellen im Beet. Als die Stauden stärker heranwuchsen, reduzierte sich der Mohn. Aber auch heute, mindestens 15 Jahre später, lauert er in meinem Garten stets auf unbedeckte Erde und besiedelt sie.
Das war etwas, das ich lernte: Ein Garten ist immer in Bewegung. Nichts, was einmal angelegt so bleibt.
Jahre später: Auf der ehemals kahlen Fläche blüht es in den verschiedenen Inselbeeten.
Aber wie überhaupt anfangen, wenn man - wie ich damals - keine Ahnung vom Gärtnern hat?
Es gibt Begegnungen im Leben, die kein Zufall sein können. Ich begegnete einer älteren Dame, die als freie Mitarbeiterin für Gartenthemen unsere Redaktion mit Bildern und Texten versorgte. Ingrid Beucke-Adler unterstützte mich mit Ablegern und schier unerschöpflichem Wissen. In der großen Wanne, in die sie stundenlang griff, um die kleinen Pflänzchen herauszuholen, muss wohl ein kräftiger Ableger Garten-Leidenschaft gewesen sein.
Ich verdanke dieser erfahrenen Gärtnerin meine Gartenleidenschaft und damit unglaublich viel. Sie zeigte mir, wie man Beete anlegt und pflegt. In meinem Garten wachsen gut 15 Jahre später und vier Jahre nach ihrem Tod weiterhin zahlreiche Stauden, die ich als Ableger aus ihrem Garten bekam.
Unter ihrer Anleitung begann ich zu gärtnern und lernte, furchtlos an die größten Aufgaben im Garten zu gehen. Kleinere Misserfolge wurden von meiner Gartenmentorin mit einem fatalistischen „ein bisschen Schwund ist immer“ abgetan, und weiter ging es mit dem Anlegen und Bepflanzen der Beete.
Ich las schon in dieser Zeit viel Fachliteratur besonders zur Verwendung von Stauden und Ziergräsern und begann, Schaugärten zu besuchen. Besonders die Pflanzungen im holländischen Stil des „Dutch Wave“, vertreten durch den berühmten niederländischen Gartengestalter Piet Oudolf hatten und haben es mir weiterhin angetan.
Dieser Gartenstil ahmt natürliche Pflanzengesellschaften nach und verwendet die Pflanzen in großen Gruppen. Der Dutch Wave berücksichtigt dabei die Veränderungen, die die Pflanzungen im Laufe der Jahreszeiten unterliegen. Die Pflanzungen haben auch im Winter noch attraktive Wirkung.
Das Erste und womöglich wichtigste, was ich lernte, war, nach dem geeigneten Standort für die Pflanzen zu schauen. Ich weiß heute, dass meine Gartenmentorin mir damit das A und O fürs Gärtnern mitgegeben hatte. Es nützt nichts, Pflanzen dazu zwingen zu wollen, an Standorten zu gedeihen, die ihnen nicht zusagen.
Nach und nach wurden Teile der zuvor gemähten Wiese zu Beeten umgewandelt. Die meisten entstanden in Handarbeit, indem ich die Umrisse mit einem Kantenstecher abstach und dann nach und nach die Rasensoden abtrug. Ein Lerneffekt: dabei aus Motivationsgründen nie aufs Ganze zu schauen, sondern immer nur auf die nächste Reihe. Wird schon irgendwann fertig.
Dasselbe Beet zwei Jahre später:
Größere Beete wurden mit einer Rasenschälmaschine angelegt. Hier wurde auf einer extrem trockenen und von der Sonne verbrannten Fläche die oberste Schicht abgetragen.
Ich entwickelte dabei allein schon aus Praktikabilitätsgründen den Wunsch, die Rasensoden nicht abzutransportieren, sondern weiterzuverwenden. Sie kommen entweder zum Verrotten auf den Kompost oder werden umgedreht auf einen Haufen gelegt und dienen – bedeckt mit Erde – als Hügel in den neuen Beeten. Dann werden sie bepflanzt.
Bislang ist auf diese Weise nie unerwünschtes Gras durchgewachsen, die Soden vergehen vielmehr. Ich mache das bei allen Beeten, die ich neu anlege.
Ich entwickelte eine große Leidenschaft für Stauden und Ziergräser. Zunächst pflanzte ich die begehrten Pflanzen wild durcheinander und auch oft nur ein Exemplar davon. Das Ergebnis ist noch heute im ältesten Beet auf dem Grundstück zu sehen: ein buntes Allerlei, das Menschen ohne Gartenkenntnis schon mal für eine Blumenwiese halten. Mir gefällt es nach wie vor, auch wenn kein klassisches Pflanzkonzept erkennbar ist.
Was mir mittlerweile aber mindestens genauso gut, wenn nicht besser gefällt: die gezielte Anordnung von Stauden und Gräsern,wobei ich darauf achte, mich eher in der Zahl der Arten zu beschränken, aber nicht in der Zahl der jeweiligen Pflanzen. So entstehen größere Gruppen von ein- und derselben Staude.
Diesem Konzept folgte ich bei der Anlage neuer Beete. Dazu zählen auch Beete, die ich mit einer 15 Zentimeter hohen Schicht aus Estrichsand mulchte. Sie kamen trotz großer Trockenheit sehr gut an den Start. Insekten ist die Anordnung der Stauden dabei völlig egal, da zählt, was gepflanzt wird. Ich bestaune mittlerweile viele Insekten, die ich zuvor nicht gesehen hatte oder gar nicht kannte.
Die Trockenheit der Jahre 2018 bis 2021 hat mich sehr gefordert. Dabei ist mein Wunsch entstanden, so zu pflanzen, dass nichts, was eingewachsen ist, gegossen werden muss: auf meist trockener und vollsonniger Fläche mit sandigem Boden ist das durchaus eine Herausforderung.
Aus Stecklingen hatte ich eine Naturstrauchhecke angelegt, die Teile des Grundstücks umgibt.
Die Pflanzung litt nicht nur unter der großen Trockenheit, sondern auch darunter, dass sich Gräser wie die Quecken schnell wieder daran machten, die Fläche zu schließen und den jungen Sträuchern zu Leibe zu rücken. Ich habe diesen Bewuchs oft jäten und mähen müssen.
Diese Hecke hat mir beigebracht, was es heißt, an einer Idee im Garten dranzubleiben trotz anfänglicher Misserfolge. Kann man im Garten gut gebrauchen, wie ich feststellen sollte. Sechs Jahre nach der Pflanzung sieht die Hecke an Stellen, die etwas feuchter sind, sehr gut aus, an den anderen schließt sie sich nach und nach. Der eine oder andere Strauch wurde seit der Anlage auch nachgepflanzt.
Bleiben wir bei den Gehölzen: Ein großer Teil meines Gartens bekommt viel Sonne ab. Dazu kommt sandiger Boden. Man sieht gemähten Flächen - von Rasen will ich hier mal nicht sprechen - schnell an, wenn es länger nicht geregnet hat.
So kam ich zu einer neuen Leidenschaft: für Gehölze, die etwas Schatten spenden und zugleich gut aussehen. Ich begann, neben der Naturstrauchhecke, die ich bereits angelegt hatte, vorwiegend mehrstämmige Solitärgehölze zu pflanzen. Das Foto zeigt dieselbe Fläche mit den jungen Gehölzen:
Wenn ich die teils noch kleinen Bäume und Sträucher sehe, wünschte ich, ich hätte diese Leidenschaft schon ein paar Jahre früher entdeckt. Aber es gibt ja auch die Möglichkeit, Bäume zu pflanzen, die schon etwas erwachsener sind.
Mein Ziel: In meinem Garten soll ein gutes Kleinklima durch das Zusammenspiel aus Flächen mit Stauden und Gräsern sowie Gehölzen entstehen. Auf gemähte Teile will ich gar nicht vollständig verzichten, sie dienen den üppig bewachsenen Flächen als Bühne. Die gemähten Flächen werden aber weiter reduziert: ganz bewusst, weil sie keinen ökologischen Wert haben und weil sie in trockenen Sommern verbrennen.
Bei meinem Einstieg ins Gärtnern pflanzte ich zunächst, was mir gefiel. Aber schon bald stellte ich fest, dass es im Pflanzenreich ein Kinderspiel ist, den eigenen ästhetischen Vorlieben zu entsprechen und dabei Gutes für Insekten zu tun. Das Thema wurde immer wichtiger für mich.
Mittlerweile pflanze und säe ich gezielt mit Blick auf Insekten aus.
Seitdem ich intensiv gärtnere, wird mir immer mal wieder die Frage gestellt, ob das nicht viel Arbeit mache. Bei dieser Frage kommt es ja zum Schwur.
Ich würde gerne mal die Berge an Grün sehen, die ich in den vergangenen 15 Jahren bewegt habe. Es gab Zeiten, in denen Muskelkater mein täglicher Begleiter war. Wahr ist auch: Oft ist genau diese Art der körperlichen Betätigung erwünscht, aber eben auch nicht immer. Wie also antworten abseits von „alles eine Frage der Perspektive“?
Immer, wenn ich mich frage, ob der geforderte Kraftakt im Garten nicht vielleicht doch etwas übertrieben ist, richte ich den Blick auf die Haben-Seite im Garten. Und die ist bestens besetzt. Mein Garten ist mein Fitness-Studio, mein Kreativraum, ein Ort der Ästhetik, er lässt mich Natur hautnah erfahren. Gärten sind lebenslange Lernstudios und im besten Falle Orte der Toleranz. Das eine Ideal für einen schönen Garten gibt es schließlich nicht.
Unsere Gärten ermöglichen es uns, Gutes für Tiere, Insekten und fürs Kleinklima zu leisten. Sie befreien uns somit im Kleinen von der Ohnmacht, mit der wir gewissen Entwicklungen ausgesetzt sind.
Mein Garten ist ein Ort, der mich mit anderen Gleichgesinnten verbindet. Gartenmenschen tauschen sich rege aus. Ich erfahre sie als lernbereit und einander freundlich zugewandt. Nicht zuletzt sind Gärten etwas Bleibendes. Berührende Erinnerungsorte an liebe Menschen, die diese Fleckchen Erde vor uns gestaltet oder uns Pflanzen geschenkt haben, die aber nun womöglich nicht mehr unter uns sind, deren Schaffenskraft im Wechsel der Jahreszeiten aber weiterhin sichtbar wird und nachwirkt.
Und – auch das sei nicht verschwiegen: Der Garten hat mich mir selbst näher gebracht. Wie hätte ich sonst wissen können, dass ich als sehr tierliebes ehemaliges Stadtkind in der Lage wäre, einen veritablen (vorübergehenden) Hass auf Rehe zu entwickeln, die alles fressen, was auch ich schätze?
Was habe ich nicht schon alles gemacht: Schafwolle um Rosen verteilt, mobile Stromzäune gezogen, Lappen in grässlich stinkendem Zeug getränkt und aufgehängt, Sensoren installiert, die piepsen und grelles Licht erzeugen, sobald sich ein Tier nähert - oft verlagerte sich der Ort des Zugriffs danach bloß. Frische Rosenknospen, die Rinde junger Gehölze, aber auch Blüten von Stauden, die sich just entfalten wollten, stehen auf dem Speisezettel der lieben Viecher mit den großen Augen halt ganz oben. Ein bisschen Schwund ist halt immer.
Auch gelernt habe ich, dass das furchtlose Herangehen an große Aufgaben im Garten stets auf dem schmalen Grat zur Selbstüberschätzung laviert. Was aber nichts macht: Es ist ja nur eine Frage der Zeit, bis es fertig ist – Gärtnern macht nicht nur Muskelkater, sondern in besonderem Maße zufrieden und dankbar und geduldig.