Osnabrück  Der Antiquar als Instagram- und TikTok-Star: Was mich an Klaus Willbrand fasziniert

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 23.08.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Mit einem Buchantiquariat Stars in den sozialen Netzwerken: Klaus Willbrand und Daria Razumovych. Foto: Silvia Reimann/S. Fischer Verlag
Mit einem Buchantiquariat Stars in den sozialen Netzwerken: Klaus Willbrand und Daria Razumovych. Foto: Silvia Reimann/S. Fischer Verlag
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Mit einem Antiquariat zum Internet-Star? Klaus Willbrand hat vorgemacht, wie das geht. Kurz nach seinem Tod ist sein Buch über das Lesen erschienen. Eine Hommage.

Sehr alter weißer Mann erzählt was über Bücher: ein Quotenhit für die digitale Welt? Klaus Willbrands Instagram-Seite notiert exakt 150000 Follower. Sein Programm war einfach. Weißhaariger Antiquar sitzt vor Bücherwänden in seinem alten Ledersessel und erzählt – natürlich über Bücher. Irgendwo zwischen Buchtipp und Lebensweisheit, zwischen Literaturkanon und der Geschichte eines Lebens, das ohne Bücher nicht denkbar gewesen wäre.

Warum die Vergangenheitsform? Klaus Willbrand ist am 29. Januar 2025 verstorben. Als Antiquar war er fast am Ende. Da erlebt er im letzten Jahr seines Lebens noch ein unglaubliches Comeback. Er lernt Daria Razumovych kennen. Die junge Frau überredet ihn, sich und seine Bücher im Internet zu präsentieren. Willbrand macht die erste Aufnahme, geht schlafen und wacht am nächsten Morgen in einer anderen Welt wieder auf. Tausende haben sein Video gesehen, ihm zugehört.

Ein Märchen? Ja, und noch dazu eines, das schöner ist als alle BookTok-Trends auf Tiktok mit ihren hektisch getakteten Buchtipps. Willbrand ist ganz alte Schule, erzählt vom Lesen, das keine Ausnahme ist, sondern selbstverständliche Kulturtechnik, die ein Leben trägt, ein Leben ausmacht. Ich erkenne mich genau in dem Punkt in ihm wieder.

Denn Klaus Willbrand erfährt als Junge am Ende des Zweiten Weltkriegs wie Literatur einen Menschen regelrecht retten kann. Er lernt allein das Lesen, geht mit Büchern auf seine Lebensspur. Was fasziniert die Menschen heute an Willbrands Buchbekenntnissen? Vielleicht, dass sie so rückhaltlos persönlich sind, dass sie aus einer Welt kommen, die von der hektischen Taktung und den knappen Aufmerksamkeitsspannen der digitalen Netzwerke so ganz unberührt ist.

Für Klaus Willbrand sind Bücher mehr als ein beliebiger Lifestyle, viel mehr als der Ausweis eines Bildungsbürger. Ein Bürger in der Republik der Bildung ist er ganz nebenbei und ohne Aufheben davon zu machen. Buch für Buch erzählt der Antiquar von einem Leben, das auch deshalb schön war, weil es keiner Karrierespur gefolgt ist.

Ich finde mich in seinem Lesen wieder, in seiner Art, Bücher wie gute Freunde zu verstehen und allemal wie Fenster, die sich in immer neue Welten öffnen. Lesen ist keine Attitüde, Lesen ist ein Bedürfnis, ja, ein Medium, um das Leben erst so richtig zu leben. Wer hat einem nicht früher gesagt, dass das Leben versäumt, wer seine Nase in die Bücher steckt. Bei Klaus Willbrand erfährt man, dass das Gegenteil zutrifft.

Nun hat er am Ende noch selbst ein Buch geschrieben. „Einfach Literatur. Eine Einladung“ ist ein Vademecum für Bücherliebhaber und alle, die genau das werden wollen. Und ein Denkmal für einen Mann, dessen Verrücktheit aus einer anderen Zeit zu kommen scheint. Wie gut, dass man ihren Sound mit diesem Mann nun immer weiter hören kann. Klaus Willbrand lebt nicht mehr. Seine Botschaft hat er längst weitergegeben. Lest und seid erfüllt. Ich bin es auch – ihm sei großer Dank.

Klaus Willbrand, Daria Razumovych: Einfach Literatur. Eine Einladung. S. Fischer Verlag. 224 Seiten. 22 Euro.

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