Prozess um Messerattacke Upgant-Schottjer wollte Ex-Freundin nicht töten
In Upgant-Schott spielten sich im Februar dramatische Szenen ab. Ein 46-Jähriger ging im Beisein ihrer Kinder mit einem Messer auf seine Freundin los. Seit Dienstag steht er deshalb vor Gericht.
Aurich/Upgant-Schott - Laut Anklage müssen es dramatische Szenen gewesen sein, die sich am Abend des 19. Februar dieses Jahres in einem Einfamilienhaus in Upgant-Schott abgespielt haben: Ein offenbar erheblich alkoholisierter 46-Jähriger jagt seine Ex-Partnerin nach einem Streit durch die halbe Wohnung, bedroht und attackiert sie mit einem Küchenmesser. Der 32-jährigen Frau gelingt es, sich zu befreien und mit ihren beiden Kindern aus dem Haus zu fliehen.
Seit Dienstag muss sich der Brookmerlander, der seit der Tat in Untersuchungshaft sitzt, vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Aurich verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Totschlag vor und geht davon aus, dass der gebürtige Norder im Verlauf des Streits den Entschluss gefasst hat, seine frühere Lebensgefährtin mit einem Messer zu töten. „Ich stech‘ Dich ab. Ich bring‘ Dich um“, wird der 46-Jährige in der von Staatsanwalt Michél Demarczyk verlesenen Anklageschrift zitiert. Acht Jahre Knast würden sich dafür lohnen, soll der Angeklagte gesagt haben.
Angeklagter wollte „Druck aufbauen“
Er und sein Verteidiger, der Großefehntjer Rechtsanwalt Michael Schmidt, betonten gleich zu Beginn des Prozesses mehrfach, dass der Sachverhalt so nicht richtig wiedergegeben sei. Er habe zu keinem Zeitpunkt die Absicht gehabt, seine Ex-Freundin zu töten oder sie auch nur zu verletzen, widersprach der Angeklagte. Ihm sei es lediglich darum gegangen, sie einzuschüchtern. „Ich wollte Druck aufbauen, ihr Angst machen“, sagte der 46-Jährige, der keinen Schulabschluss hat und arbeitslos ist. Er habe verhindern wollen, dass sie ihn so behandele, wie ihren Ex-Mann, dem sie zahlreiche persönliche Dinge nicht ausgehändigt habe. „Den hat sie abgezogen“, sagte der Angeklagte.
Auch ihm habe sie am Tatabend wieder einmal damit gedroht, ihn aus dem von ihr gemieteten Haus zu werfen. Auch sei sie sehr eifersüchtig. „Wir haben wieder einmal über andere Frauen und Alkohol gestritten“, berichtete der Angeklagte.
Dann sei alles eskaliert. Auch, weil er wieder einmal getrunken habe. „Reste von Korn, Chantré, Wodka“ will er an jenem Tag konsumiert haben. Später noch eine Viertelflasche Baccardi. „Sie sollen vom 15. bis 19. Februar durchgetrunken haben“, fragte der Vorsitzende der mit drei Berufsrichtern und zwei Schöffen besetzten Kammer, Richter Malte Sanders. „Ich trinke häufig sehr viel. Irgendwann bin ich über Level und weiß gar nix mehr“, antwortete der Angeklagte. Noch in Erinnerung aber ist ihm, dass er das Messer ergriff und seine Ex-Partnerin damit bedrohte. Kurz danach aber habe er es wieder beiseite gelegt und in einer Partybude außerhalb des Hauses weitergetrunken und auf die Polizei gewartet.
Anders die Version des Opfers: Die 32-Jährige schilderte, wie der Angeklagte das Küchenmesser nahm und sie bis ins Wohnzimmer verfolgte. Er habe die Tür eingetreten, sie mit dem linken Arm „in den Schwitzkasten“ genommen und mit der rechten Hand, in der er das Messer hielt, mindestens drei Stichbewegungen in ihre Richtung ausgeführt. Die aber trafen nicht sie, sondern die Tür. Die Frau blieb unverletzt und konnte sich befreien. Ihre achtjährige Tochter erlebte alles aus nächster Nähe mit. Auch ihr fünfjähriger Sohn wurde von dem Krach wach.
Videos von Überwachungskameras zeigen, wie die 32-Jährige und ihre Kinder panisch das Haus verlassen, vor dem Gebäude aufgeregt und weinend hin- und herrennen. „Mama, Mama, ruf die Polizei“, fleht die Achtjährige wiederholt deutlich hörbar. „Ich bring‘ Dich um, ich stech‘ Dich ab“, schreit der Angeklagte.
Freund wurde Ohrenzeuge
Später fehlten die entscheidenden Sequenzen. Der Angeklagte habe sie gelöscht, aber sie habe sich noch am Tatabend auf Anraten der Polizei abgefilmt, erklärt die 32-Jährige, die in ihrer Todesangst einen guten Freund anruft. Der wird am Telefon Ohrenzeuge des Geschehens und alarmiert die Polizei, die wenig später am Tatort eintrifft.
Ihr gehe es „katastrophal“ antwortet die Frau, die in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt, auf Anfrage ihres Rechtsbeistands, dem Auricher Anwalt Aleksandar Adamovic. Ihre Tochter sei „ein bisschen härter“, ihr Sohn aber habe „komplett einen Knacks weggekriegt“, schildert sie.
Immer wieder habe der Angeklagte in Gegenwart der Kinder getrunken und sich selbst bei einer Teenie-Party für Kinder „die Kante gegeben“.
Zweimal wurde er handgreiflich
Seit Ende 2021 seien er und sie ein Paar gewesen. „Anfangs war alles normal und schön“, berichtet die 32-Jährige. „Dann trank er immer mehr und immer öfter.“ Zweimal schon sei er ihr gegenüber handgreiflich geworden und die Polizei sei erschienen. Anzeige habe sie aber nicht erstattet.
Im Juli vergangenen Jahres sei das Maß voll gewesen. Sie kam hinter seine Affäre, die er mit einer anderen hatte. „Da war für mich das Ding durch“, sagte die Brookmerlanderin. Sie habe ihm deutlich gemacht, dass die Beziehung vorbei sei und sie die Trennung wolle. Er solle ausziehen, was er allerdings nicht akzeptieren wollte, obwohl er eine eigene Wohnung zum 1. März in Aussicht hatte. „Er war nicht immer schlecht. Das Schlimmste ist sein Trinken“, sagte die 32-Jährige.
Der Prozess wird am Donnerstag, 21. August, ab 9 Uhr fortgesetzt.