Hannover  Warum verbuddeln wir das CO2 nicht einfach unter der Erde, Herr Umweltminister?

Jonas E. Koch
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Von Jonas E. Koch
| 13.08.2025 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Warum es den Einsatz der CCS-Technologie zwar brauche, aber nur in ganz begrenzten MAße, verrät der niedersächsische Umweltminister Christian Meyer im NOZ-Interview. Foto: IMAGO / Bernd Elmenthaler
Warum es den Einsatz der CCS-Technologie zwar brauche, aber nur in ganz begrenzten MAße, verrät der niedersächsische Umweltminister Christian Meyer im NOZ-Interview. Foto: IMAGO / Bernd Elmenthaler
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Der niedersächsische Umweltminister lehnt das Gasprojekt vor Borkum strikt ab. Im Interview erklärt Christian Meyer, warum er es nicht verhindern kann, wieso CCS für ihn kein Allheilmittel ist und wie er zum ungenutzten LNG-Terminal in Stade steht.

Christian Meyer ist in der niedersächsischen Landesregierung sowohl für den Schutz der Natur, als auch den des Klimas zuständig. Obwohl der Minister das Bundesland noch vor dem Bundesziel klimaneutral machen will, soll die Natur nicht darunter leiden. Das mache Niedersachsen „vorbildlich“, findet der grüne Umweltschutzminister und erklärt im Interview, warum er trotzdem für den Bau von festen LNG-Terminals wirbt.

Frage: Herr Meyer, Niedersachsen will bis 2040 klimaneutral werden, fünf Jahre früher als der Bund. Ist das realistisch?

Antwort: Ja! Wir haben in den letzten zwei Jahren die höchste CO2-Senkung aller Zeiten geschafft. Sorgen machen mir noch der Verkehr und der Wärmesektor. Wir haben als Land jetzt eine Klimaschutzstrategie verabschiedet, wie wir die Ziele erreichen wollen. Wir werden dazu massiv elektrifizieren müssen. Deshalb müssen wir die Erneuerbaren auch noch weiter ausbauen. 

Frage: Die CDU fordert, auch auf die gut erprobte CCS-Technologie zu setzen, also CO2 abzuscheiden und unter der Erde zu verpressen. Wäre das nicht eine Art Joker für den Klimaschutz?

Antwort: Ich warne alle, die meinen, CCS sei die einfache Lösung für den Klimawandel. Man sollte nicht einfach ein Kohle- oder Gaskraftwerk mit CCS betreiben und dadurch das fossile Zeitalter verlängern. CCS ist auch sehr teuer und die Abscheidung kostet viel Energie. Wir sollten CO2 nur dort abscheiden, wo wir Emissionen nicht vermeiden können. Zum Beispiel können wir in der Zementindustrie nur so klimaneutral werden und benötigen die Technologie dort in begrenztem Maße. Da setzen wir aber auch auf CCU, also die Nutzung des CO2, und nur in Ausnahmefällen auf CCS. An Land und im Küstenmeer werden wir die Einspeicherung weiterhin nicht zulassen. Und grundsätzlich gilt: Gas, Öl und Kohle müssen im Boden bleiben. Wir müssen die Erneuerbaren ausbauen, nicht die Fossilen.

Frage: Auf gut der Hälfte der niedersächsischen Waldfläche dürfte man grundsätzlich Windräder aufstellen. Wissen Sie, wie viele Windräder in Niedersachsen im Wald stehen? 

Antwort: Sechs. 

Frage: Richtig, der niedrigste Anteil aller Bundesländer. Warum sind das so wenige?

Antwort: In Niedersachsen gab es bis 2022 ein faktisches Verbot von Windrädern im Wald. Dann hat Olaf Lies als Umweltminister nach einer Verständigung mit den Umweltverbänden eine sanfte Öffnung vorgenommen: Dabei wurden 300.000 Hektar besonders wertvolle Waldfläche als Waldvorganggebiete ausgewiesen. Nur außerhalb dieser Waldvorranggebiete sind Windräder zulässig, wenn die Landkreise und Kommunen das wollen. Und für viele ist der Wald tabu. Bei dieser behutsamen Öffnung sollten wir bleiben und weiterhin die meisten Windräder auf dem Acker aufstellen. Wir werden uns als Land da nicht einmischen, solange die Umweltschutzkriterien eingehalten werden.

Frage: Muss der Naturschutz für das Klima nicht manchmal weichen? 

Antwort: Nein. Mit mir gibt es keine Abschwächung des Naturschutzes. Artenkrise und Klimakrise müssen zusammen gelöst werden. Denn Arten, die ausgestorben sind, kommen nicht wieder. Und Dürre, Trockenheit und Wassermangel treffen als erstes die Insekten und die Vögel. Deshalb müssen wir beides machen: Windräder und Naturschutz. Das ist ein mühseliger Weg, ja. Aber wir machen das in Niedersachsen, finde ich, vorbildlich.

Frage: Vor Borkum wird jetzt direkt neben einem Naturschutzgebiet nach Gas gebohrt. Wie passt denn das dazu? 

Antwort: Ich bin da bekanntermaßen sehr skeptisch. Im Koalitionsvertrag der alten Bundesregierung stand, dass sie keine neue Gasförderung in der Nordsee mehr genehmigen wolle. Dazu hätte der Bund das Bundesberggesetz ändern müssen. Das hat er aber nicht. Die neue Bundesregierung unter Kanzler Merz will die fossile Gasförderung am Rande des Weltnaturerbes unbedingt durchsetzen.

Frage: Ministerpräsident Lies sagt, wir brauchen die Förderung für die Versorgungssicherheit. Er liegt also falsch? 

Antwort: Natürlich ist es richtig zu diversifizieren, wir wollen uns ja nicht in neue Abhängigkeiten begeben. Aber aus meiner Sicht ist es etwas anderes, jetzt neue Gasfelder zu erschließen, wenn wir auf einem guten Weg sind, die Klimaziele zu erreichen und weniger Gas verbrauchen.

Frage: Wir brauchen das Projekt für die Versorgungssicherheit also nicht? 

Antwort: Nein, aus meiner Sicht ist die Gasversorgung in Deutschland sichergestellt und die Bundesregierung hat selbst die Gasmangellage, die nach dem russischen Angriffskrieg erklärt wurde und die eine Begründung für das Projekt 2022 war, nun offiziell für beendet erklärt. Wir wollen 2040 klimaneutral werden, ein Ausbau der fossilen Gasförderung passt also nicht in die Zeit! Wir brauchen das Gas vor Borkum nicht und es ist mit den Klimazielen nicht vereinbar.

Frage: Die Bundesregierung will die heimische Gasförderung sogar noch weiter ausbauen. Das ginge eigentlich nur in Niedersachsen.

Antwort: Der Koalitionsvertrag der Landesregierung sagt, dass sich die Gasförderung an den Klimazielen orientieren sollte. Und das heißt: Wir wollen die CO2-Emissionen bis 2030 um 75 Prozent reduzieren und 2040 bei Null sein. Niedersachsen setzt auf 100 Prozent Erneuerbare Energien. Dann kann man keine neuen Gasfelder erschließen. Und die Förderung geht ja ohnehin zurück und wird langsam auslaufen.

Frage: Man könnte fracken …

Antwort: Ja, die großen Reserven könnte man nur durch Fracking erschließen. Und wir haben eine klare Haltung in der Landesregierung, dass es mit uns kein Fracking gibt. Nicht nur wegen des Klimas, sondern auch aus Umweltschutzgründen.

Frage: Stattdessen importieren wir nun gefracktes Gas aus den USA, das erst über den Atlantik geschifft werden muss.

Antwort: Unser Ziel ist es, weniger Gas zu verbrauchen – egal ob es aus Russland, Katar oder den USA kommt, sondern heimische Erneuerbare Energien zu nutzen. Das stärkt unsere Unabhängigkeit und unsere Wirtschaft. Und in der Stromversorgung haben wir rechnerisch jetzt schon 102 Prozent Abdeckung durch Erneuerbaren Strom in Niedersachsen. Die klimaschädlichen Emissionen entstehen natürlich hauptsächlich, wenn Gas verbrannt wird. Für das Klima ist es egal, woher das Gas kommt. Wir wollen bis 2040 erreichen, dass kein Gas mehr verbrannt wird, ganz egal aus welcher Quelle.

Frage: Dann unterstützen Sie auch den umstrittenen Bau von festen LNG-Terminals an der Nordseeküste? 

Antwort: Ja. Erstens können damit auch grüne Gase aus Erneuerbaren Energien importiert werden und wir brauchen die Terminals für den außenpolitischen Notfall, um flexibel Gas importieren zu können, wenn andere Quellen ausfallen. Das Terminal in Stade beispielsweise könnte Tschechien versorgen, das bislang aus Russland versorgt worden ist. 

Frage: Das Terminal in Stade kann niemanden versorgen, weil es zwar bezahlt wird, aber noch immer nicht in Betrieb ist.

Antwort: Das Terminalschiff ist gerade nicht vor Ort, das stimmt. Aber das ließe sich schnell ändern. 

Frage: Das ist nicht richtig. Das Problem ist ja gerade, dass es um den Anschluss ans Gasleitungsnetz einen großen Rechtsstreit gibt. 

Antwort: In der Tat gibt es um Stade einen großen Streit zwischen den Betreibergesellschaften und die neue Bundesregierung hat jetzt erstmal entschieden, das FSRU-Schiff woanders hinzuschicken. Ob es gebraucht wird, muss der Bund entscheiden. Ursprünglich war in Niedersachsen nur in Wilhelmshaven ein Terminal geplant. Die CDU unter Bernd Althusmann wollte dann 2022 unbedingt auch eines in Stade. Nun sind in Wilhelmshaven bereits zwei Terminals in Betrieb. Die sind auch nicht voll ausgelastet. Aber das ist erstmal nur Infrastruktur, um Energie importieren zu können. Wieviel Gase importiert und gebraucht werden, entscheidet der Markt. Und wenn andere Quellen günstiger sind, wie in der Regel Pipeline-Gas aus Norwegen, dann importiert man natürlich das und kauft nicht teures Fracking-Gas von Präsident Trump. In Zukunft werden wir über die Terminals auch grüne Gase importieren, deshalb ist es auch für die Klimaziele wichtig, dass wir stationäre Anlagen bauen. 

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