Osnabrück Buchtipps für den Sommer – von Colette bis Sebastian Haffner
Was gehört mit ins Reisegepäck? Richtig: Bücher für die Ferienzeit. Dabei macht es die gute Mischung. Hier sechs Buchtipps für Kurzweil, Spannung und viel Freude am Lesen.
Krimi und Sachbuch, Roman und Essay: Die Buchbranche sorgt für spannenden Lesestoff in der Sommerzeit. Meine Auswahl weist bewusst in unterschiedliche Richtungen – im Hinblick auf die literarischen Genres. Auch manche Klassiker lohnen die Wiederentdeckung. Viel Freude beim Lesen – und in der Sommerzeit!
Colette ist als Klassikerin der Literatur Frankreichs gesetzt. Mit ihren Romanen rund um den Lebemann „Chéri“ und die junge „Claudine“ hat sie nicht nur Generationen vor allem von Leserinnen begeistert, sondern auch gezeigt, wie Frauen ihren selbstbestimmten Lebensweg gehen und ihr Glück finden können.
Jetzt ist „Claudines Elternhaus“ in der kongenialen Übersetzung der großartigen Elisabeth Edl erschienen. Die 1873 im burgundischen Ort Saveur-en-Puisaye geborene Colette beschreibt ihre Kindheit und Jugend als eine Zeit, in der Vertrautheit wächst, erste Lebenserfahrungen in liebevoller Begleitung gemacht werden können. Sie zeichnet kein schlichtes Idyll, sondern eine Umgebung der genauen Wahrnehmung – von Menschen, Häusern, Katzen.
Colette liefert atmosphärisch dichte Beschreibungen einer Kindheit, wie sie einmal war, und sensible Schilderungen von jenen Momenten, in denen das Leben eine andere Richtung nimmt. Wir gehen mit Colette durch ihre frühen Jahre. Und sie nimmt uns an der Hand – mit diesem hinreißend geschriebenen Buch.
Colette: Claudines Elternhaus. Zsolnay Verlag. 175 Seiten. 17,99 Euro.
Ist es ein Zufall, dass die Autorin selbst Buchhändlerin ist? Natürlich nicht. Martina Bergmann betreibt ihre Buchhandlung in Ostwestfalen, ist darüber hinaus als Autorin tätig. Das Buch mit dem koketten Titel „Das Fräulein Buchhändlerin“ ist ihr zweiter Roman.
Er handelt – welche Überraschung – von jener Profession, die die Autorin selbst ausübt. Ob die Liebesgeschichte, die in diesem Roman sommerleicht erzählt wird, auch der Autorin widerfahren ist? Treiben wir die Identifikation von Autorin und Romanfigur nicht zu weit. Bergmann verknüpft in ihrem leicht geschriebenen Buch die Lovestory mit der Branchendarstellung.
Die Buchhändlerin Amanda hat ihren Lebensweg gefunden. Da meldet sich der frühere Mitschüler Jürgen bei ihr. Was führt er im Schilde? Ist der an Amanda wirklich interessiert oder geht es ihm nur um die Buchhandelsfiliale, die er eröffnen will? Bergmann verlegt die Handlung mitten in die bewegten sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Der zeitgeschichtliche Kontext zeigt, dass es hier um eine richtige Emanzipationsgeschichte geht – Lesevergnügen inklusive.
Martina Bergmann: Das Fräulein Buchhändlerin. Eisele Verlag. 256 Seiten. 23 Euro.
Das ist das Buch der Saison: „Abschied“ von Sebastian Haffner. Ein Roman von dem Autor, der 1978 das Nachdenken über den Nationalsozialismus mit seinen „Anmerkungen zu Hitler“ auf eine neue Qualitätsstufe hob? Ja, und was für einer.
Mit diesem Buch ist nicht nur ein literarischer Schatz gehoben, sondern auch eine Mahnung publiziert, die aktuelle Krisenstimmungen auf den Punkt trifft. Haffner erzählt von Raimund und Teddy, die 1932 in Paris atemlose 14 Tage verleben. Verliebt, aber nicht verlobt, die Trennung in zwei sehr unterschiedliche Lebenswege immer vor Augen, so eilen sie durch Paris, die Stadt der Zauber und Zärtlichkeiten. Natürlich erzählt Haffner, der eigentlich Raimund Pretzel hieß, von seiner eigenen Erfahrung einer glücklichen Zeit unmittelbar vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten.
Und so schillert die Atmosphäre dieses Buches immer zweideutig – zwischen Liebesrausch und beunruhigender Bodenlosigkeit. Ist das Leben noch sicher oder kippt es im nächsten Augenblick in die Katastrophe? Dieses Gefühl ist heute wieder vertraut. Leider. Haffners Abschied gilt mit diesem Buch der eigenen Jugend – und der freien Welt.
Ein hinreißend geschriebenes Buch. Lesen! Unbedingt!
Sebastian Haffner: Abschied. Hanser Verlag. 192 Seiten. 24 Euro.
Wie sicher ist man in seinem Leben? Wie stabil erscheint das eigene Existenzkonstrukt, das sich anscheinend wohl abgewogenen Entscheidungen verdankt? Katie Kitamura macht in ihrem Roman die Probe auf das Exempel. Dafür lässt sie einen Mann namens Xavier in das Leben der Erzählerin treten. Die führt ein bestens situiertes Leben mitten in New York, fühlt sich geborgen in glücklicher Ehe und mit einem guten Job bestens positioniert. Doch ist das alles von Dauer?
Katie Kitamura ist Spezialistin für psychologisch fein gebaute Romane. In ihrem Buch „Die Probe“ entfaltet sie ein raffiniertes Handlungsspiel mit doppeltem Boden. Welche Rollen spielen Menschen füreinander? Wie verlässlich können Menschen miteinander sein? Kitamura geht mit ihren Lesern den schmalen Grad zwischen Fiktion und Wahrheit.
Mit ihrem neuen Roman lotet sie die Untiefen des scheinbar ganz normalen Lebens aus. Die Lektüre dieses Buches ist spannend, wenngleich nichts für Menschen, die sich mit einem Roman einfach nur entspannt fühlen wollen.
Bitte nicht fallenlassen? Bei Kitamura führt das ins Bodenlose!
Katie Kitamura: Die Probe. Hanser Verlag. 174 Seiten. 23 Euro.
Er ist der Spezialist für historische Biografien, die sich ausgezeichnet lesen lassen. Mit Büchern über Montaigne und Voltaire hat der Schweizer Historiker Volker Reinhardt ebenso sein Publikum gefunden wie mit einer opulenten Kulturgeschichte Italiens, die er 2019 unter dem Titel „Die Macht der Schönheit“ 2019 vorlegte. Jetzt folgt das Pendant für Frankreich. „Esprit und Leidenschaft. Kulturgeschichte Frankreichs“ ist ein opulentes Buch zum Schmökern und Entdecken, fein bebildert, kenntnisreich geschrieben.
Der Vorzug: Reinhardt ordnet den reichen Stoff in kurze, jeweils in sich abgeschlossene Geschichten, die an wichtigen historischen Daten ansetzen oder zentrale Figuren der Geschichte Frankreichs thematisieren. Der weite Bogen spannt sich von der Kathedrale in Chartres bis zum Schloss von Versailles, von den Komödien Molieres bis zu Marcel Proust. Reinhardt behandelt Frankreichs Kochkunst ebenso wie den Sportmythos der Tour de France.
Kino, Künste, Kultur: Dieses Buch lässt nichts aus, was Frankreich als Kulturland so faszinierend macht – auf den ersten Blick. Reinhardt lässt seine Entdeckungsreise allerdings mit der Louvre-Pyramide François Mitterands enden. Unverständlich, dass er die letzten vierzig Jahre einfach auslässt.
Dennoch: nachdrückliche Empfehlung!
Volker Reinhardt: Esprit und Leidenschaft. Kulturgeschichte Frankreichs. C.H. Beck Verlag. 655 Seiten. 38 Euro.
Dieser Buchtipp gilt der Krimi-Autorin Doris Gercke. Und er ist ungewöhnlich, weil ihre Bücher im Handel nicht mehr lieferbar, sondern nur noch antiquarisch erhältlich sind, zum Beispiel im Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher. Warum dann der Tipp?
Weil die am 25. Juli 2025 im Alter von 88 Jahren verstorbene Doris Gercke eine Klassikerin der Kriminalliteratur ist – und Erfinderin der Figur Bella Block. Mit Hannelore Hoger in der Hauptrolle avancierten die bis 2018 ausgestrahlten Folgen der TV-Reihe zu einem der besten Krimi-Formate des Fernsehens. Die Ende 2024 verstorbene Hoger war Idealbesetzung für die Bella Block, die Doris Gercke als raubeinige und hartnäckige Ermittlerin anlegte.
Kein Wunder, trat Gercke doch für eine feministische Haltung ein, nach der nur für jene Frauen im Leben etwas zu gewinnen ist, die sich nichts vormachen lassen. Die Kommissarin fragt da weiter, wo andere sich abwenden, sie macht es sich nicht bequem mit einfachen Lösungen. Gercke publizierte zwischen 1988 und 2012 ihre Bella Block-Romane, dessen letzter „Zwischen Tag und Nacht“ hier stellvertretend als Tipp genannt sei.
Ciao, Doris, ciao, Bella, ihr werdet immer meine Heldinnen bleiben!
Doris Gercke: Zwischen Tag und Nacht. Hoffmann und Campe. Nur noch antiquarisch zu erhalten.