Hannover  Nach Deal mit Trump: Wie schlimm werden die Zölle für Niedersachsen?

Jonas E. Koch
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Von Jonas E. Koch
| 05.08.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven. Foto: dpa/ Hauke-Christian Dittrich
Der Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven. Foto: dpa/ Hauke-Christian Dittrich
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Die Landesregierung warnt vor erheblichen Folgen des Zoll-Deals mit den USA, die Industrie hingegen zeigt sich gelassen. Wie schlimm werden die Folgen für Niedersachsen?

Nach monatelangem Hin und Her haben sich die Europäische Union und die USA beim Thema Zölle geeinigt: 15 Prozent Zoll müssen europäische Unternehmen nun auf Exporte in die USA blechen. Aber was heißt das für die niedersächsische Wirtschaft?

„Durch die Zollvereinbarung zwischen der EU und den USA konnte ein weiterer Handelskonflikt zwar abgewendet werden, doch der Preis dafür ist hoch“, findet der niedersächsische Wirtschaftsminister Grant Henrik Tonne. „Die neuen Zölle belasten die niedersächsische Wirtschaft deutlich, gerade weil die USA ein besonders wichtiger Handelspartner sind.“

Nur nach Frankreich und in die Niederlande exportierte die niedersächsische Wirtschaft im letzten Jahr mehr Waren, als in die Vereinigten Staaten. Vor allem für die niedersächsische Industrie kann der Zoll-Deal deshalb gefährlich werden. Dem Maschinenbau beispielsweise „droht ein deutlicher Rückgang der Exporte und eine Schwächung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit“, befürchtet das Wirtschaftsministerium.

Auch in der Staatskanzlei ist man besorgt über einen „asymmetrischen Kompromiss zugunsten der USA“. Ministerpräsident Olaf Lies ist zwar froh, dass es nun überhaupt eine Einigung gibt. Diese habe aber aufgrund der Zugeständnisse „auch einen bitteren Beigeschmack“. Es drohten Produktionsverlagerungen und hohe Gewinnausfälle; wirklich Sorgen machen dem Ministerpräsidenten aber vor allem die Zölle auf Stahl, die nicht Teil des Deals mit den USA sind.

Mit fast 11 Milliarden Euro ist der Stahlhersteller Salzgitter AG das viertgrößte Unternehmen des Landes, rund 24.000 Mitarbeiter arbeiten hier. „Für die europäische Stahlindustrie hat sich nichts an der katastrophalen Situation geändert“, sagt Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl. „Solange Stahl-Zölle in Höhe von 50 Prozent erhoben werden, bleiben die Auswirkungen auf die Exporte von Deutschland und der EU in Richtung USA dramatisch.“

Direkte Stahllieferungen aus Niedersachsen in die USA sind dabei eher unbedeutend. Das Problem: Staaten wie Kanada oder Brasilien exportieren viel Stahl in die USA. Wirtschaftsministerium und Unternehmen warnen deshalb vor Umlenkungseffekten: Wenn andere Länder ihre Stahlmengen nicht mehr in die USA verkaufen können, weichen sie auf den EU-Markt aus. Hohe Zölle auf chinesischen Stahl haben den Export in die USA fast auf Null gesenkt, der seitdem in großem Stil nach Europa exportiert wird und dadurch Preise unter Druck setzt.

Auch Ministerpräsident Lies fordert deshalb, „dass die EU-Kommission jetzt auch tatsächlich begleitend Maßnahmen ergreift, die eine Umlenkung von Stahlexporten in die Europäische Union zu Dumpingpreisen effektiv verhindert.“

Die niedersächsische Industrie hingegen zeigt sich angesichts des Zoll-Deals demonstrativ gelassen. Denn obwohl die USA als Absatzmarkt für die Wirtschaft wichtig sind: Den absoluten Großteil der Umsätze erwirtschaftet die niedersächsische Industrie im EU-Ausland.

Volker Schmidt, Geschäftsführer des Industrieverbandes Niedersachsenmetall, erklärt zudem, dass die hiesigen Unternehmen „beispielsweise im Maschinenbau hochgradig spezialisiert sind und ausgesprochene Marktnischen auf ausländischen Märkten bedienen, bei denen der Preis nicht den alles entscheidenden Parameter im Wettbewerb darstellt“.

Man erwarte daher „keine Betriebsverlagerungen niedersächsischer Unternehmen in größerem Umfang in die USA als Konsequenz des Zoll-Kompromisses“, heißt es vom Industrieverband. Es gebe diesbezüglich auch keinerlei Hinweise aus den Unternehmen, wie auch die IHK bestätigt.  

Wirklich gefährlich sei der Zoll-Deal allerdings für die in Niedersachsen wichtige Automobilbranche. Der VW-Konzern hat allein im ersten Halbjahr 2025 Mehrkosten von 1,3 Milliarden Euro durch die US-Zölle verzeichnet, da die Zölle bislang nicht auf die Preise aufgeschlagen wurden.

Der Hannoveraner Autozulieferer Continental, nach VW das größte Unternehmen des Landes, hat wegen der Zölle bereits seine Gewinnziele für das laufende Jahr gekippt. „Wir werden so viel lokalisieren, wie wir können”, sagte Konzernchef Nikolai Setzer mit Blick auf eine mögliche Verlagerung der Produktion. Die Continental-Tochter Aumovio, die im September 2025 als eigenständiges Unternehmen an die Börse ging, erwägt sogar die Wiedereröffnung eines im Januar geschlossenen Bremsenwerks in Virginia.

Der Deal „dürfte über die gesamte Lieferkette zu weiteren Verlagerungen an Produktion und Wertschöpfung an kostengünstigere Standorte, vorzugsweise nach Südost-Europa, zwingen“, prognostiziert Niedersachsenmetall.

Wegen der Auswirkungen auf die europäische Industrie wird der Zoll-Deal mit den USA teilweise scharf kritisiert. „Wenn nach dem Kompromiss darüber Klage geführt wird, dass es jetzt eine erhebliche Ungleichbehandlung bei den Zöllen gebe, sei daran erinnert, dass es diese zuvor über viele Jahre bei zahlreichen bedeutsamen Warengruppen bereits auch gegeben hat“, sagt Niedersachsenmetall-Chef Schmidt. „Ganze Warengruppen aus den USA wurden über Jahre mit zum Teil exorbitant hohen Einfuhrzöllen von der EU belegt.“ Darunter fielen bislang Autos, Maschinen und Anlagen, Flugzeugteile oder Pharmaprodukte. Diese Zölle hat die EU im Rahmen des Deals deutlich abgesenkt.

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