Den Haag  Der Mord an zwei Frauen holte sie zurück – die „verrückten“ Feministinnen sind auferstanden

Helmut Hetzel
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Von Helmut Hetzel
| 05.08.2025 13:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die neu aufgeflammte Bewegung „Dolle Mina“ plant landesweite Proteste gegen Femizide. In den 70er-Jahren traten sie bereits für Frauenrechte ein. Foto: Bob Daemmrich
Die neu aufgeflammte Bewegung „Dolle Mina“ plant landesweite Proteste gegen Femizide. In den 70er-Jahren traten sie bereits für Frauenrechte ein. Foto: Bob Daemmrich
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Die niederländische Frauenrechtsbewegung „Dolle Mina“ kehrt zurück. Über 55 Jahre nach ihrer Gründung, als sie für Abtreibung und Gleichberechtigung kämpften und BHs verbrannten, rufen sie nun zu landesweiten Protesten auf. Das steckt dahinter.

Mehr als 55 Jahre nach ihrer Erstgründung taucht die feministische Gruppe „Dolle Mina“ – auf Deutsch „Verrückte Mina“ – plötzlich wieder auf. Die Frauenaktivistinnen, die einst mit Slogans wie: „Baas in eigen buik“ – zu Deutsch: mein Bauch gehört mir – für Selbstbestimmung und die Legalisierung der Abtreibung kämpften, organisieren nun einen landesweiten Protestmarsch gegen Femizide.

Konkreter Anlass ist die Ermordung von zwei Frauen in den Niederlanden innerhalb einer Woche im Juli. „Alle acht Tage wird in den Niederlanden eine Frau ermordet“, heißt es von der Frauenrechtsbewegung in ihrer Ankündigung zu der Demonstration.

Den Namen der Bewegung ist angelehnt an ihre Inspirationsfigur, Wilhelmina Drucker. Sie war eine der ersten niederländischen Feministinnen, dessen Spitzname „Dolle Mina“ lautete.

„Wie zündet man ein Korsett an?“ Diese Frage musste Dolle-Mina-Aktivistin der ersten Stunde, Dunya Verwey, damals in einem TV-Interview beantworten. Das Korsett stand Anfang der 70er Jahre symbolisch für die Unterdrückung der Frau. Es zu verbrennen war die symbolische Aktion, um für Gleichberechtigung, Emanzipation der Frauen und das Recht auf Abtreibung einzutreten.

In einem Instagram-Video, das an die Aktion angelehnt ist, sagt Verwey: „Ich dachte, ich kaufe einfach einen Kanister Benzin. Aber der Tankwart fragte mich: ,Wofür brauchen Sie das?`“ Die Aktivistin erklärte ihm ihr Vorhaben und dieser gab ihr einen Tipp: „Nimm kein Benzin, nimm Ethanol, das ist besser.“

In einem Interview mit dem TV-Sender AT5 berichtet Verwey über die große Resonanz im Internet: „Dass wir so viele Follower und Reaktionen bekommen, zeigt, dass etwas in der Luft liegt.“ Und weiter: „Es ist, als ob man eine Saite berührt, die jetzt zu schwingen begonnen hat.“

Einer der ersten Instagram-Beiträge der Bewegung zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto. Drei junge Frauen zeigen darauf ihre nackten Bäuche. Darauf ist mit Lippenstift geschrieben: „Baas in eigen buik“ – mein Bauch gehört mir – der einstige Kampfruf der Feministinnen für das Recht auf Abtreibung.

Die erste Aktion der ursprünglichen „Dolle Mina“ in den 70er-Jahren war die Besetzung von Schloss Nijenrode und der dortigen Hochschule in Breukelen bei Utrecht. Dort befand sich das Institut für Betriebswirtschaft in dem Frauen nicht für das Studium zugelassen waren.

Bei weiteren Aktionen der „Dollo Mina“ wurden beispielsweise BHs verbrannt, sie demonstrierten für kostenlose Kondome oder auch für die Einrichtung von Kinderkrippen. Auch die nackten Bäuche mit der Aufschrift „Baas in eigen buik“ – mein Bauch gehört mir – tauchten immer wieder auf.

„Wir waren frustriert, dass in Amsterdam eine sozialistische Revolution im Gange war, aber das Verhältnis zwischen Männern und Frauen dort keine Rolle spielte“, erinnert sich Connie van Nieuwkerk in einem Interview des lokalen TV-Senders RTV Utrecht an die Aktion. „Die Männer hielten Reden, die Frauen schmierten Brote und versorgten die Männer.“

Auf einer Protestaktion in Amsterdam demonstrierten sie damals auch gegen das Hinterherpfeifen von Männern auf der Straße – heute auch Catcalling genannt. „Sie pfeifen einem nur hinterher, weil sie dich als Sex-Objekt sehen – nicht als Menschen, mit dem man sprechen kann“, so die Mitgründerin der „Dolle Mina“ Nora Rozenbroek damals.

Auch der Mangel an öffentlichen Frauentoiletten war ihnen ein wichtiges Anliegen. „Warum können Männer in jeder Ecke der Stadt Wasser lassen?“, fragte sich Rozenbroek.

Diese Forderung ist bis heute aktuell. Nach einem Protest der „Dolle Mina“ in Tilburg wurden dort alle öffentlichen Toiletten auf einer Kirmes kostenlos zugänglich gemacht. Zuvor mussten Frauen einen Euro für den Toilettengang bezahlen, wohingegen die zahlreichen Pissoirs auf dem Gelände gratis genutzt werden konnten.

Die neue Generation von Feministinnen der „Dolle Mina“ prangert den Gender Pay Gap sowie Sexismus und Femizide an. Sie sagen, dass sich die Ungleichheit zwischen Mann und Frau kaum in den Jahren verbessert hat.

„Wir merken, dass die Emanzipation wieder zurückgedreht wird“, so die Bewegung. „Im Gegenteil: Sie nimmt wieder zu.“ Für die neuen „Dolle Mina“ ist es daher wieder Zeit, Korsetts zu verbrennen.

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