Alentejo Zu Tode geliebt: Wenn die unberührte Natur den Tourismus-Konzernen zum Opfer fällt
Das portugiesische Alentejo ist eine der ärmsten Regionen Europas. Jetzt entdecken Tourismus-Konzerne ihren wahren Reichtum: die unberührte Natur. Doch die wird es unter diesen Umständen nicht mehr lange geben.
Wenn man einen genauen Punkt sucht, an dem unberührte Natur endet und menschlicher Bau-Eifer beginnt, trifft es die N261-1 vermutlich ganz gut. Die Landstraße zieht sich durch das Distrikt Setúbal im Alentejo, eine Region südöstlich von Lissabon, die bislang hauptsächlich vom Reis-, Oliven- und Weinanbau lebt. Kilometerweit kommt kein einziges Haus. Nur Pinien, Ginster und ein vereinzelter Orangenbaum. Der Boden ist weich und sandig, vom Atlantik weht eine leichte Brise.
Der Zaun beginnt hinter dem Kreisverkehr. Dann eine Sichtschutzwand, gefolgt von Plakaten, die so groß sind, dass sie die Bäume überragen: „Luxus-Apartments!“ „Villen zu verkaufen!“ „Baufirma Ihres Vertrauens!“ Nicht mehr das Meeresrauschen liegt in der Luft, sondern der Lärm von Kreissägen und Baggern.
Neue Straßen und Parkplätze schlängeln sich durch die Baustelle, Planierraupen rattern über den Boden, Arbeiter in Leuchtwesten hämmern auf dem Dach. Die Abfallcontainer des neuen Viertels stehen schon, sorgsam unterteilt in Verpackung, Glas und Restmüll.
Wo eben noch Dünen lagen, entsteht eine Urlaubslandschaft für mehrere Tausend Personen. Mal sind es Apartments auf einer Fläche von wenigen Hektar, mal Großprojekte mit mehreren Hotels, Golfplätzen und Gemüsegarten. Gemeinsam haben die Resorts, dass sie sich nach außen hin als besonders nachhaltig präsentieren. Ballermann-Tourismus will hier niemand. Stattdessen soll eine anspruchsvolle Klientel angelockt werden, die gerne einen naturnahen Urlaub verbringt – auch auf die Gefahr hin, dass sie die Natur genau dadurch zerstört.
Es ist ein Konflikt, den man aus vielen Tourismusregionen kennt, von dem Portugals Westküste aber bislang weitgehend verschont geblieben ist. Beton-Burgen wie an der Algarve gibt es dort nicht. Im Gegenteil: Bis vor Kurzem war das Alentejo eine der ärmsten Gegenden der EU, gebeutelt von Abwanderung, Überalterung und Arbeitslosigkeit. Seit aber Tech-Milliardäre und internationale Projektentwickler die Region entdeckt haben, rollen die Bagger.
Besonders betroffen ist die Halbinsel Comporta. Die portugiesische Zeitung Expresso hat in einer Übersichtskarte in verschiedenen Farben zusammengetragen, wo Ferienanlagen bereits existieren, wo sie aktuell entstehen und wo sie künftig geplant sind. Allein zehn Großprojekte befinden sich demnach aktuell im Bau, die Landkarte strotzt vor roten Flecken. Manche Komplexe begnügen sich mit ein paar Luxushütten aus Holz, andere erstrecken sich über eine Fläche von 950 Hektar. Nur ein winziger Streifen unmittelbar an der Küste ist auf der Karte grün dargestellt. Hier darf nicht gebaut werden.
Maria Santos gehört vor Ort zu den wenigen, die sich der Bauindustrie offen entgegenstellen. Die 32-Jährige arbeitet hauptberuflich als Forstingenieurin. In ihrer Freizeit setzt sie sich für den Erhalt der einzigartigen Landschaft ein. Sie organisiert Demos, reicht Widersprüche bei den Behörden ein, wandert zusammen mit ihrem Hund die Baustellen ab, um Umweltverstöße zu dokumentieren. „Es ist wie ein zweiter Fulltime-Job“, sagt Santos und lacht.
„Aber was soll ich machen? Ich kenne diese Gegend, ich habe mit meiner Familie schon als Kind hier die Sommer verbracht. Dass all das nun zerstört wird, ist einfach nur schrecklich.“ Ihr Hauptkritikpunkt: das enorme Ausmaß. „Ich habe nichts gegen den Tourismus, ich habe hier ja selbst oft Urlaub gemacht“, sagt Santos. „Aber genau dafür gibt es Ferienwohnungen und einen Campingplatz, für normale Leute, so wie bisher.“
Weder die Dörfer noch die Natur würden den Ansturm von Zehntausenden zusätzlichen Gästen verkraften. „Diese Gegend ist wie ein botanischer Garten, den wir unbedingt schützen müssen.“ Stattdessen passiere genau das Gegenteil. „Einem Bereich wurde sogar der Schutzstatus entzogen, weil der Tourismus angeblich ein übergeordnetes öffentliches Interesse begründet“, schimpft Santos. Dass die Entwickler dabei auf Nachhaltigkeit achten, glaubt sie nicht. „Das ist alles Greenwashing. Kein Hotel der Welt rechtfertig die Zerstörung unserer einzigartigen Landschaft.“
Dass manche „Ökoresorts“ eigene Golfplätze beinhalten, sei der größte Hohn. „Wir leben hier in einer Region, die so sehr von Dürre betroffen ist, dass manchmal das Wasser angeliefert wird. Hier einen Rasen zu bewässern, ist doch Wahnsinn.“ Um dem Bauboom Einhalt zu gebieten, hat Santos die Umweltorganisation Dunas Livres („Freie Dünen“) gegründet. Als im Jahr 2020 klar wird, dass sich mehrere Großprojekte schon in der Planung befinden, organisiert sie die ersten Demos.
Mit Megafon läuft sie die Küste entlang, um Einheimische und Urlauber gleichermaßen zu sensibilisieren. Ein andermal bilden sie eine Menschenkette am Strand, „Back to Nature“ und „Hände weg von der Küste des Alentejo“ ist auf Bannern zu lesen. Manche Urlauber stehen spontan von ihren Badetüchern auf und schließen sich dem Protest an.
Auch in Lissabon demonstriert die Truppe, untermalt von Trommeln und Gesang. Die Aktionen bleiben nicht ungehört, selbst CNN berichtet über Maria Santos‘ Engagement. 2023 stoppt ein Gericht das „Na Praia“-Projekt, ein 200-Millionen-Luxusresort, das von einer Erbin des Zara-Modekonzerns finanziert wird. Doch der Erfolg ist nur von kurzer Dauer, am Ende laufen die Bauarbeiten weiter. „Jede dieser Firmen kann zehn Anwälte anheuern, um ihre Interessen durchzusetzen“, sagt Santos. „Wir hingegen arbeiten alle ehrenamtlich und müssen obendrein unser restliches Leben organisieren. Es ist ein ziemlich ungleicher Kampf.“
Maria Santos, die sonst schnell und fröhlich spricht, wirkt nun resigniert. Sie seufzt. „Es geht alles so schnell voran. Die meisten dieser Projekte sind längst genehmigt, viele Häuser stehen schon. Wir können höchstens noch neue Resorts verhindern – wenn überhaupt.“
Im Dorf Comporta ist der Wandel schon in vollem Gange. Man könnte auch sagen: Hier treffen zwei Welten aufeinander. Zum einen sind da die Ecken, in denen die Zeit stehen geblieben scheint: kleine Gassen mit Schlaglöchern und weißgetünchten Bungalows, an denen verrostete Satellitenschüsseln hängen. In fast jedem Vorgarten liegt ein Hund, daneben flattert die Wäsche, aufgehängt zwischen Regenrinne und Fenstergitter. In den Strommasten nisten Störche, auf der Bank vor dem Parkplatz sitzt eine Gruppe älterer Männer und hält ein Schwätzchen.
Weiter vorne, Richtung Hauptstraße, entwickelt sich das neue Comporta. Dort gibt es eine Rooftop-Bar, ein Designermöbel-Geschäft und ein Restaurant, das im Michelin-Guide vorkommt. Die Portion Austern kostet 39 Euro. Promis sind an diesem Tag nicht zu sehen, doch Einheimische wissen von Begegnungen mit ihnen zu berichten. Da wäre zum Beispiel der Kiosk-Verkäufer, der schwört, Jeff Bezos höchstpersönlich bedient zu haben. Zwar muss er bei der Frage passen, was genau der Amazon-Gründer denn gekauft habe – dass der Milliardär wirklich da war, daran besteht aber kein Zweifel. 2022 berichteten portugiesische Medien einstimmig darüber.
Dass er die Gegend mit seiner Luxusyacht erkundete, erfreute vor Ort indessen nicht alle. „Portugal braucht keine ausbeuterischen Milliardäre“, kommentierte eine Leserin unter dem entsprechenden Artikel. Doch es gibt auch positive Stimmen zum neuen Luxus-Tourismus. Zum einen aus Kreisen der Regionalverwaltung, die sich über das zusätzliche Geld freut (laut Expresso haben sich die Einnahmen aus der Grunderwerbssteuer seit 2012 verfünfzehnfacht). Zum anderen von denjenigen, die schon heute in der Gegend Urlaub machen.
Schönheitschirurg Mario Mendanha ist aus Porto angereist, um surfen zu gehen. Im Kiosk deckt er sich mit den neuesten Zeitschriften ein. „Was hier passiert, ist sehr positiv für unser Land“, findet der 45-Jährige. Vor allem der Fokus auf hochwertigen Tourismus hat es ihm angetan. „Die Leute hier wollen Qualität statt Quantität. Das ist was ganz anderes als Massentourismus.“ Und die Kritik an den zerstörten Dünen? „Natürlich wird viel gebaut“, räumt Mendanha ein, aber das sei doch überall so. „Hier achtet man wenigstens darauf, die Küste zu bewahren. Viele Bäume bleiben stehen und die Golfplätze sind deutlich kleiner als anderswo.“
Dolores Gomes, eine alteingesessene Anwohnerin, sieht das ähnlich. „Für unsere Wirtschaft ist das gut“, sagt die 61-Jährige, die am Rande der N261-1 ihren Souvenir-Stand aufgebaut hat. Seit sie denken kann, verkauft sie selbstgemachte Handtaschen, Strandkörbe und Kissenbezüge. „In den letzten Monaten ist bei mir deutlich mehr los“, sagt Gomes. „Schon jetzt hat der Tourismus angezogen.“ Wie auf Bestellung kommt ein junges Paar auf Mountainbikes vorbeigefahren. „What’s this?“, fragt die Urlauberin, während ihr Freund ein blaues Kissen in die Hand nimmt. Ein kurzes Kichern, dann steigen die beiden wieder auf ihre Fahrräder.
Dolores Gomes, die Verkäuferin, lächelt diplomatisch. Sie erzählt, wie die Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat zurückgegangen sei, seit die Baufirmen Arbeitskräfte anheuern. Wie Nachbarn, die längst wegziehen wollten, nun doch bleiben. Wie eigentlich alle ganz zufrieden seien mit dem Leben, wie es ist. „Veränderung gehört doch dazu“, sagt sie, doch sie klingt nun leiser, so, als spreche sie vor allem zu sich selbst. Ein Pick-up-Truck huscht vorbei, er gehört einer Firma, die Swimmingpools baut, hier draußen, mitten in den Dünen. Staub wirbelt durch die Luft, Dolores Gomes schaut dem Fahrzeug eine Weile nach. „Für unsere Wirtschaft ist das gut“, sagt sie noch einmal. Dann geht sie wieder zu ihrer Hütte und drapiert die Kissen.
Wie stark die Behörden wirklich auf die Einhaltung der Umweltauflagen achten, lässt sich von außen nur schwer beurteilen. Die Stadtverwaltung von Grândola, die für die Baugenehmigungen zuständig ist, geht auf detaillierte Nachfragen zu den Projekten nicht ein. Stattdessen schickt sie ein Statement des Bürgermeisters, der sich zum Ende 2024 beschlossenen „kommunalen Masterplan“ äußert. Dieser ziele darauf ab, „das Wachstum […] zu disziplinieren, den Küstenstreifen zu schützen, eine kontrollierte und diversifizierte Entwicklung im Landesinneren zu fördern und die natürlichen, ökologischen und kulturellen Werte von Grândola zu erhalten.“
Schon heute gebe es Vorschriften, die die Speicherung von Regenwasser und die Wiederverwertung von Abwasser vorschreiben. Künftig werde nicht nur die Zahl neuer Betten begrenzt, sondern auch die maximale Größe der Anlagen. Aber was heißt das konkret? Die Bauarbeiter, die ihre Mittagspause am Tankstellen-Imbiss Garam verbringen, könnten es wissen. Die Portion Schweinebraten gibt’s hier für elf Euro, inklusive Pommes, Reis, Salat und Getränk. Informationen zu den Hotelprojekten stehen hingegen nicht auf der Speisekarte; die meisten winken genervt ab. Nur ein Mann mit Hemd und Lederschuhen – der Einzige, der im Garam keine Leuchtweste trägt – erklärt sich zu einem Gespräch bereit.
Zuvor muss er allerdings sein Telefonat beenden. „I don’t care about financing“, brüllt er auf Englisch; Finanzierungsfragen sind ihm offenbar egal. Und die Umwelt? Als er aufgelegt hat, zuckt er mit den Schultern. Er könne das nicht beurteilen. Aber man solle doch mal ins „Quinta da Comporta“ gehen, in eines der ersten Resorts, die in der Gegend eröffnet haben. „Da siehst du, wie sehr wir hier auf so was achten.“
Tatsächlich liegt das Urlaubsdomizil mit dem Auto nur fünf Minuten entfernt. Mehrere Reisfelder dominieren die Umgebung, dazwischen kleine Häuschen und eine Autowerkstatt, aus der Bohrgeräusche dringen. Doch auch hier: Zu-verkaufen-Schilder und eine neue Großbaustelle, aus der bereits die Stahlarme ragen. Das 2019 eröffnete „Quinta da Comporta“ wiederum besteht aus kleinen, holzvertäfelten Häusern, die dem lokalen Baustil nachempfunden sind. Wie groß Anlage ist, erkennt man von außen nicht, dafür sorgt eine weißgetünchte Mauer. Die Investitionen hingegen sind sofort ersichtlich, weil neben dem Eingang ein großes Plakat hängt. Gesamtkosten: 8,78 Millionen Euro. Finanzielle Unterstützung durch die EU: 3,98 Millionen Euro.
Marianna Barreto, die stellvertretende Managerin, erklärt sich spontan zu einem Gespräch bereit. Mehr noch, bei einer Führung über das Gelände möchte sie zeigen, wie viel Wert man auf Nachhaltigkeit lege. Sie schwärmt von Solarpanels, die den Pool beheizen. Von einheimischen Pflanzen, die Mücken fernhalten. Von selbst angebautem Gemüse, das im Restaurant verwertet wird. „Wir lassen die Natur in Ruhe“, sagt Barreto, „schließlich leben wir davon.“ Das Restaurant, vor dem ein Schild auf den nächsten Pilates-Kurs hinweist, sei dafür das beste Beispiel: „Dabei handelte es sich um ein verfallenes Gebäude, in dem früher Reis getrocknet wurde. Wir haben die alten Strukturen so gut es geht in unsere Anlage integriert.“
Und dann ist da natürlich das Argument mit den Arbeitsplätzen. 140 Personen arbeiten im „Quinta da Comporta“. Sie rollen im Spa die Yoga-Matten aus, schnippeln Gemüse und kutschieren die Gäste in Golfmobilen von einem Gebäude zum nächsten. Nur stammen sie nicht wirklich aus der Gegend. „Die meisten unserer Arbeitskräfte kommen aus Setúbal“, gesteht Marianna Barreto. Für die 100-Kilometer-Strecke bietet das Resort den Angestellten einen eigenen Pendelservice an – „in Elektro-Vans“, wie die Vize-Managerin betont. In der direkten Umgebung gebe es kaum noch geeignete Unterkünfte für das Personal. Die meisten Häuser seien schon von anderen Hotels aufgekauft worden.
Werden dadurch nicht die Einheimischen verdrängt? „Ich glaube nicht“, antwortet die Hotelfrau. „Hier war früher so viel Leerstand. Jetzt haben wir Leben!“
Zum Abschied noch mal ein Treffen mit Umweltschützerin Maria Santos. In einer Dorfkneipe wird ein portugiesischer Dokumentarfilm gezeigt. Es geht um eine Extremsurferin, um Wellen und Wind, um die Schönheit des Meeres. Dunas Livres hat die Veranstaltung mitorganisiert. Doch viel los ist nicht an diesem Abend, Santos steht mit ihrem Hund vor der Kneipe und redet mit einer Freundin. Die sei gerade aus ihrer Wohnung geworfen worden, weil die Besitzer ihr Haus verkaufen wollen – an ein Hotel.
In Santos‘ Gesicht zeigen sich viele Emotionen auf einmal. Sie ist wütend, traurig und niedergeschlagen zugleich. Dann lacht sie kurz auf, wie über einen schlechten Witz. „Jobs im Tourismus sind schlecht bezahlt“, sagt sie schließlich, ihr Ton nun wieder gefasst und sachlich. „Viele Leute ziehen weg, weil sie sich das Leben hier schlicht nicht mehr leisten können.“ Allmählich verwandle sich die ganze Gegend in ein „Reichenghetto“, das die Umwelt zerstört. „Man kann noch so viele Solarpanels aufstellen und einheimische Pflanzen hinstellen: Das Grundproblem, dass hier ein sensibles Habitat zerstört wird, bleibt.“
Hat die ganze Mühe also gar nichts gebracht? Die Demos am Strand, die Plakate, die Widersprüche bei den Behörden? „Einige Projekte konnten wir zumindest verzögern“, sagt Santos, „und eine Avocado-Plantage, die zehnmal mehr Wasser verbraucht wie ein ganzer Ort, wird es erst mal nicht geben.“ Dass die Region kürzlich eine „Zone mit hohem Tourismusdruck“ ausgewiesen hat, in der Neubauten verboten sind, überzeugt sie nicht: zu wenige Kontrollen, zu viele Ausnahmen (bereits genehmigte Anlagen dürfen trotzdem gebaut werden).
Den Kampf gegen den Luxus-Tourismus, den werde man vermutlich nicht mehr gewinnen, fürchtet Santos. „Wenn wir ehrlich sind, haben wir die Region verloren“, sagt die junge Frau. Sie atmet tief durch, ruft ihren Hund und geht in die Kneipe, in der der Film gezeigt wird. Meeresrauschen, Wind und Wellen – auf der Leinwand ist die Welt noch in Ordnung.