Warschau  Steigt dieser anti-deutsche Nationalist in Polen zum neuen Volkshelden auf?

Jens Mattern
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Von Jens Mattern
| 01.08.2025 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein „patriotischer Marsch“ mit anti-deutschem Motto am kommenden Freitag, 1. August, in Warschau, könnte zeigen, wie groß der Anhang des Nationalisten mittlerweile ist. Foto: DPA/Tomasz Gzell
Ein „patriotischer Marsch“ mit anti-deutschem Motto am kommenden Freitag, 1. August, in Warschau, könnte zeigen, wie groß der Anhang des Nationalisten mittlerweile ist. Foto: DPA/Tomasz Gzell
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Ein Nationalist findet in Polen zunehmend Anklang. Insbesondere seine eigenmächtigen Grenzkontrollen bringen ihm Popularität. Ein Marsch mit dem Motto „Uns wird der Deutsche nicht ins Gesicht spucken“ könnte nun Aufschluss über das Ausmaß seiner Beliebtheit geben.

In Warschau kommt es am Freitag, 1. August, zu einer mit Spannung erwarteten Machtdemonstration. Auf der einen Seite steht Robert Bakiewicz, nationalistischer Aktivist, Mitglied der Oppositionspartei Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) und der aufsteigende Star der Rechten.

Auf der anderen Seite wirkt die Regierungskoalition, deren Sprecher Adam Szlapka dem 49-jährigen „zynischen Missbrauch der Flagge und der Hymne“ vorwirft und im Sinne des Kremls die „Destabilisierung Polens“ vorwirft. Bakiewicz wird auch dieses Jahr einen patriotischen Marsch in Warschau anführen, woran traditionell viele Fußballfans und –Hooligans teilnehmen.

Gegen diesen Marsch opponierten die Politiker der aktuellen Regierungspartei „Bürgerplattform“ (PO) seit Jahren, wie zuletzt der Chef der Wojewodschaft Masowien, Mariusz Frankowski. Doch ein Berufungsgericht stoppte jüngst dessen Verbotsversuch wegen Formfehlern.

Gedacht wird am 1. August des Warschauer Aufstands. Damals im Sommer 1944 glaubte die polnische Untergrundorganisation „Heimatarmee“, die deutschen Okkupanten aus eigener Kraft vertreiben zu können. Dies ging schief, bei den über zwei Monaten andauernden Kämpfen und nach der Kapitulation der Polen zerstörten die NS-Soldaten die polnische Hauptstadt zum größten Teil.

Das Datum, gefeiert mit Kranzniederlegungen und Reden, soll die Polen im Gedenken an die Opfer des Krieges einen, doch das Land scheint seit langem geteilt. Die beiden Parteien, die liberalere und eher proeuropäische PO und die nationalkonservative PiS streiten sich seit zwanzig Jahren um die Macht, aber auch darum, wer wirklich den Interessen des Landes diene.

Die Rechten werfen etwa anlässlich des Aufstandes dem liberaleren Teil der Polen vor, keine wahren Patrioten zu sein. „Ihr kniet doch vor den Ruskis und den Deutschen und vor wem noch alles“, konterte Bakiewicz gegenüber Szlapka und dessen Partei.

Lange war der Nationalist der PiS zu radikal. Doch jener hat an Popularität gewonnen. Denn neben dem Organisieren von nationalistischen Märschen fiel er im Juni durch seine „Bewegung zur Verteidigung der Grenzen“ auf, die an der deutschen Grenze mit rund 5000 Mitgliedern als eine Art Miliz eigenmächtig Autos anhielt und Migranten festhielt oder sogar zurück schickte.

Der Hintergrund – Deutschland weist seit Oktober 2023 bei Grenzkontrollen auch Migranten ohne entsprechende Papiere nach Polen ab. Und an der Weichsel herrscht eine fast schon hysterische Angst, dass sich islamische Terroristen unter jenen befinden könnten.

Je nach Umfrage begrüßt darum ein Drittel oder die Hälfte der polnischen Befragten die Aktion des selbsternannten „Milizen-Chefs“. „Polen soll die tragische und verfehlte deutsche Einwanderungspolitik ausbaden“ meinte Bakiewicz bei einer Begegnung an der Grenze zu dieser Redaktion, und beschuldigt den westlichen Nachbarn, mit den Grenzkontrollen „eine gezielte Schwächung“ seines Landes zu beabsichtigen.

„Uns wird der Deutsche nicht ins Gesicht spucken“ heißt bezeichnenderweise das Motto des Marsches am Freitag, eine Zeile eines bekannten patriotischen Lieds, welches den ewigen Kampf zwischen den beiden Nationen beschwört.

Bakiewicz, von seinen Gegnern „Faschist“ geschimpft, welche gerne Fotos von ihm publizieren, wie er mit verzerrtem Gesicht in ein Mikrophon schreit, ist kein unbeschriebenes Blatt. Sein Jurastudium hat er abgebrochen, seine Baufirma mit Millionen Schulden in den Sand gesetzt, seine Einkünfte dubios, eine Abtreibungsbefürworterin hatte er eine Kirchentreppe hinuntergeschmissen, die Strafe wurde ihm kürzlich von Staatspräsident Andrzej Duda mittels Begnadigung erlassen, der ihn einen „netten, sympathischen Kerl“ nannte.

Die angeschlagene Regierung scheint dennoch machtlos zu sein, dem Treiben des selbst ernannten Grenzschutzes sahen die polnischen Behörden lange tatenlos zu, wenn auch nun die Staatsanwaltschaft ermittelt. Und Bakiewicz ist überzeugt, dass seine Aktivitäten den „politischen Tod“ der Regierung von Donald Tusk bedeuten, der in der vergangenen Woche sein Kabinett im großen Stil ummöblierte, um Vertrauen zu gewinnen.

Am ersten August wird dann der Nationalist den vergangenen Kampf gegen die deutschen Besatzer mit seinem aktuellen „Kampf“ gegen die Migration vermischen. Den Status eines Volkshelden hat er lange in rechten und nun zunehmend in konservativen Kreisen. Die Anzahl der Teilnehmer an dem kommenden Marsch wird ein Lackmustest seiner Macht sein – und der Ohnmacht der Regierung.

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