Schulstart Immer mehr Schüler im Landkreis Aurich brauchen einen Schulbegleiter
Im Landkreis Aurich steigt die Zahl der Kinder, die auf Unterstützung im Schulalltag angewiesen sind. Die Kosten und der Bedarf an Schulbegleitern erreichen neue Höchststände.
Aurich - In knapp zwei Wochen fängt für die Schüler im Landkreis Aurich das neue Schuljahr an. Immer mehr von ihnen brauchen dabei Unterstützung durch einen Schulbegleiter. Die Zahl der betreuten Kinder im Kreis ist auf ein Rekordniveau angestiegen. Das zeigen Zahlen, die der Landkreis Aurich jetzt auf Anfrage mitgeteilt hat.
Insgesamt 1200 Schüler im Kreis werden im kommenden Jahr durch Schulbegleiter unterstützt. Davon 1162 durch die AuNo gGmbH im Rahmen des Auricher Modells und 39 über andere Träger im Rahmen einer Einzelfallhilfe.
Zahl der Schulbegleiter nochmals gestiegen
Auch die Zahl der eingesetzten Schulbegleiter ist für das kommende Schuljahr noch einmal gestiegen von 442 im Jahr 2024 auf nun 460 Schulbegleiter. Im Juni 2017 lag die Zahl der eingesetzten Schulbegleiter im Landkreis Aurich noch bei 229. Die Zahlen haben sich also in den vergangenen acht Jahren verdoppelt. Trotzdem suchen vor allem die Grundschulen im Landkreis händeringend nach Schulbegleitern.
Noch beeindruckender ist ein Blick auf die Kosten. Die haben sich im gleichen Zeitraum mehr als verdreifacht von rund drei Millionen auf mehr als neun Millionen Euro. Gleichzeitig bleibt unklar, wie hoch die tatsächlichen Kosten für das Auricher Modell sind – konkrete Zahlen legt der Landkreis nicht vor. Auch die Frage, wie die eingesetzten Mittel im Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen für die Kinder stehen, ist unklar.
Nachfrage nach Unterstützung wächst weiter
Trotz weiter steigender Mittel und Personalressourcen wächst die Nachfrage nach Unterstützung im Landkreis Aurich kontinuierlich: Innerhalb von sieben Jahren hat sich der geleistete Stundenumfang der Schulbegleitungen von 5000 auf 9000 Stunden pro Woche erhöht, teilte die Kreisverwaltung mit.
Die Zahl der Schulbegleiter im Landkreis Aurich hat sich also seit 2017 fast verdoppelt. Das klingt nach Fortschritt, wirft aber Fragen auf: Warum steigt der Bedarf so rasant? Ist das Schulsystem nicht in der Lage, Kinder ohne zusätzliche Hilfen zu integrieren?
Rasanter Anstieg seit Beginn der Poollösung
Besonders auffällig: Ausgerechnet seit der vom Landkreis hochgelobten Einführung des Poolmodells 2018 – also nicht mehr der Einzelfallbetreuung, sondern eines Schulbegleiters für ganze Klassen – sind die Fallzahlen und Kosten rasant gestiegen. Während die Verantwortlichen das als Zeichen für mehr Inklusion deuten, bleibt unklar, ob das System nicht schlicht immer mehr Kinder in die Betreuung aufnimmt – und so die Statistik nach oben treibt. Selbst Experten räumen ein, dass der präventive Nutzen des Modells nicht messbar ist. Es gibt keine belastbaren Zahlen, ob das Modell wirklich vorbeugt oder nur Symptome verwaltet.
Eigentlich sollen die Schulbegleiter Schülern mit Handicap oder pflegerischem Bedarf durch den Schulalltag helfen. Nach den gelieferten Daten werden die meisten Kinder im Kreis Aurich aber nicht wegen schwerer körperlicher oder geistiger Behinderungen, sondern vor allem wegen Lernproblemen (65,8 Prozent) und emotionalen oder sozialen Auffälligkeiten (52,8 Prozent) von einer Schulbegleitung betreut werden.
Landkreis feiert Auricher Modell als Vorzeigeprojekt
Lediglich zehn Prozent der betreuten Schüler haben einen pflegerischen Bedarf, rund zwölf Prozent haben geistige Einschränkungen, 14 Prozent haben körperliche Einschränkungen wie etwa eine Seh- oder Hörbehinderung . Rund 19 Prozent werden wegen Problemen mit Mitschülern betreut. Das wirft die Frage auf, ob das System zunehmend als Ersatz für individuelle Förderung und Schulsozialarbeit dient.
Trotzdem feiert der Landkreis sein „Auricher Modell“ als Vorzeigeprojekt. Doch der rasante Anstieg wirft Fragen auf: Warum wächst der Bedarf an externer Unterstützung so stark? Ist das Schulsystem überfordert? Diese Fragen lassen Landkreis und Experten bisher unbeantwortet.
Differenzierte Aufschlüsselung der Fälle fehlt
Ein Blick auf die Quelle der zitierten Zahlen zeigt dann, dass es sich dabei mitnichten um verifizierte Zahlen durch den Landkreis Aurich handelt. Basis war lediglich eine Elternbefragung im Jahr 2024 durch das Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz (ISM).
Ohne eine offizielle differenzierte Aufschlüsselung bleibt offen, ob bestimmte Gruppen besonders stark zunehmen oder ob der Begriff „Unterstützungsbedarf“ immer weiter gefasst wird. Werden heute Kinder mit leichten Lern- oder Verhaltensproblemen genauso selbstverständlich mit Schulbegleitung versorgt wie früher nur schwer beeinträchtigte Kinder? Oder gibt es tatsächlich eine Zunahme schwerwiegender Handicaps?
Bruttolohn liegt bei 16,13 Euro pro Stunde
Auch bleibt die Frage nach der Qualifikation der Schulbegleiter. Die sind im Landkreis Aurich in der Regel Quereinsteiger. Zur Qualifizierung reicht ein dreimonatiger Kurs bei der Kreisvolkshochschule aus. Die Bezahlung wurde nach fortwährenden Debatten zwar erhöht, bleibt aber ein Dauerthema. Der Bruttostundenlohn der Mitarbeiter der AuNo gGmbH liegt derzeit bei 16,13 Euro.
Die Entfristung der Verträge wird als Fortschritt verkauft – ist aber angesichts des Personalmangels eher eine Notwendigkeit als ein Qualitätsmerkmal.
460 Schulbegleiter werden im neuen Schuljahr im Landkreis Aurich eingesetzt. Das sind noch einmal 20 mehr als im Vorjahr. Wie sich diese Begleiter auf die unterschiedlichen Schulen im Kreis verteilen – wo der Bedarf also besonders hoch ist und welche Schulen ohne Begleitung auskommen – lässt der Landkreis Aurich unbeantwortet.
Neben dem Landkreis feiert auch die Kreispolitik das Modell als alternativlos, echte Kritik bleibt in den dazugehörigen Debatten im Kreistag die Ausnahme. Doch angesichts explodierender Kosten und immer neuer Rekordzahlen müssen Fragen nach Ursachen und Wirkungen des Programms gestellt und auch beantwortet werden.