Osnabrück Was J.K. Rowling uns sagen will – und warum die Welt sie nicht versteht
Erst schrieb Joanne K. Rowling mit „Harry Potter“ eine Romanreihe, die herrlich aus der Zeit gefallen war. Dann verlor die Autorin die Gunst der Öffentlichkeit, weil sie sich gegen den Mainstream stellte. Jetzt wird sie, die schon immer größer als der Zeitgeist war, 60 Jahre alt.
Spießbürgerlich, langweilig, konventionell: So ist die Welt, die der erste Satz der „Harry Potter“-Buchreihe beschreibt: „Mr und Mrs Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar.“
Die Welt von „Harry Potter“ allerdings war überhaupt nicht normal oder langweilig, im Gegenteil: Sie passte kaum in ihre Zeit, als 1997 der erste Band der Reihe erschien.
Da war ein Buch, das Heranwachsenden kindgerecht von Heldentum, vom Kampf zwischen Gut und Böse, von Opfermut, Tod und Auferstehung erzählte – in einer Zeit, die glaubte, Demokratie und freier Welthandel würden sich überall durchsetzen, da Religion und Ideologien endlich überwunden seien.
Rowlings Bücher, so kompositorisch komplex sie auch sind, verbreiten Grundeinsichten menschlicher Weisheit: Unrecht zu begehen zerfrisst die Seele; der Sieg des Guten erfordert manchmal unerträglich schmerzhafte Opfer; die Liebe von Eltern ist eine stille, aber kaum zu überschätzende Kraft; und, ganz zentral: Freundschaften helfen, Hürden zu meistern, die unüberwindbar erscheinen.
Trotz aller Verbündeten waren Rowlings Protagonisten immer auch einsame Helden: erst im Warnen, dann im Kampf gegen den rassistisch verblendeten Todesfürsten Voldemort.
Später, „Harry Potter“ war bereits auserzählt, machte Rowling, anders von sich reden: Sie sprach sich im Kern dafür aus, die spezifischen Schutzbedürfnisse von Frauen bei der Inklusion von transsexuellen Menschen nicht zu vergessen.
Doch damit hatte sich Rowling gegen den Zeitgeist gestellt, der vor einigen Jahren ausgesprochen – nun ja, Verteidiger würden sagen: universalistisch, Kritiker würden sagen: woke und identitätspolitisch-spaltend – daherkam.
Einsam wurde es um sie, zumindest öffentlich, und Rowling wurde eine Ruferin in der Wüste, die sich traute, öffentlich gegen allzu hastige und weitreichende Gesetze zur Erleichterung von Geschlechtsumwandlungen aufzutreten. Cancel-Debatten kamen auf, sogar „Harry Potter“-Schauspieler distanzierten sich von Rowling. Die Schriftstellerin galt in manchen Kreisen jetzt als „transfeindlich“, einige Äußerungen wurden von manchen als verletzend aufgenommen.
Mittlerweile ist es ruhiger geworden um die Schottin – wohl auch, weil die aufgepeitschten, hysterischen Debatten über die Stellung von Transsexuellen weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden sind.
Rowling hingegen tut es wie ihr wichtigstes literarisches Geschöpf: Sie steht zu dem, was sie als Wahrheit erkennt – auch, wenn es schwierig wird. Sie sagt, was sie meint und sieht: Eine Frau ist eine Frau. Alles andere ist für sie nur Zeitgeist. Und der hat Rowling, die heute 60 wird, nie sonderlich interessiert. Vermutlich ist genau das das Geheimnis ihres Erfolgs.