Oslo  Trittspuren aus dem Mittelalter: Was Sensations-Fund über das Leben von Kindern verrät

Stephan Hartmann
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Von Stephan Hartmann
| 28.07.2025 12:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In Oslo haben Archäologen tausende von Lederteilen ausgegraben. Foto: Maritimes Museum Norwegen
In Oslo haben Archäologen tausende von Lederteilen ausgegraben. Foto: Maritimes Museum Norwegen
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In Oslos Altboden tauchen Tausende mittelalterliche Lederschuhe auf – getragen, geflickt, geliebt. Die Funde erzählen vom Alltag einer Zeit, in der jeder Schuh kostbar war. Kinderschuhe, Taschen, Messerscheiden – konserviert wie eingefroren.

Archäologen haben in Oslo tausende mittelalterliche Lederfunde ans Tageslicht befördert – und das in erstaunlich gutem Zustand. Darunter: Schuhe, Taschen und Messerhüllen, allesamt aus einer Zeit zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert.

Die Schuhe, rund 600 bis 700 Jahre alt, sind handgenäht und stammen aus einer Epoche, in der jeder Schritt zählt. Manche sind flach und schlicht, andere zeigen aufwendige Muster oder Zierelemente. Auch höhere Stiefel sind dabei. Was auffällt: Die Schuhe wurden intensiv genutzt.

In Oslos Mittelalter war zu Fuß unterwegs sein Alltag – und Schuhe waren teuer. Man reparierte, flickte, passte an. Bei vielen Exemplaren lassen sich Löcher und deren Instandsetzungen erkennen. Der komplette Lebenszyklus eines Schuhs liegt förmlich offen.

Die Abnutzungsspuren zeigen, wo sich das Leder über den Zehen bog, wo sich die Sohlen unter Ferse und Ballen abliefen. Mehr handfester Eindruck vom mittelalterlichen Leben geht fast gar nicht. „Wie ein mittelalterlicher Fußabdruck – greifbar, direkt, echt“, sagt Archäologin Marja-Liisa Petrelius Grue vom Norwegischen Schifffahrtsmuseum. Grue leitet die Ausgrabung auf dem sogenannten „Schulgelände“ im Bezirk Bjørvika. In Kooperation mit dem NIKU (Norwegisches Institut für Kulturerbeforschung).

Allein auf dem kleinen Areal, das für ein zukünftiges Kellergeschoss vorgesehen ist, wurden seit Frühling über 2.900 Objekte geborgen. Über 80 Prozent davon bestehen aus Leder – hauptsächlich Schuhe, Taschen und Messerhüllen. „Man findet die Schuhe überall, fast in jeder Schicht“

Der Grund für den guten Erhaltungszustand liegt im Boden: dicke, sauerstoffarme und nasse Tonschichten haben das Material konserviert. Funde, die unter normalen Umständen längst verrottet wären, sind hier wie eingefroren in der Zeit.

„Man findet die Schuhe überall, fast in jeder Schicht“, so NIKU-Archäologe Mark Oldham. Besonders wertvoll ist der Fund von über 40 Kinderschuhen unter den bislang registrierten 227 Schuhen vom Schulgelände.

Kinderschuhe sind in der Archäologie selten. Sie wurden speziell für kleine Füße gefertigt, in derselben Technik, mit demselben Material, nur eben kleiner. Einige davon wurden offensichtlich von mehreren Kindern getragen. Immer wieder repariert, angepasst, verziert.

Mindestens 20 Fragmente von Beuteln und Taschen verschiedener Größe kamen ebenfalls zum Vorschein. Nur zwei Exemplare gleichen sich – ein klarer Hinweis auf individuell gefertigte Modelle, angepasst an Geschmack, Zweck und verfügbares Material.

Punktuell wurde auch geprüft, ob sich Münzen in den Taschen befanden. Fehlanzeige. Doch das macht sie nicht weniger spannend. Damals hatte Kleidung keine Taschen. Wer etwas transportieren wollte, trug es am Gürtel oder gebunden ins Kleid.

Dazu kamen zahlreiche Fragmente von Messerscheiden – ein weiterer Alltagsgegenstand jener Zeit. Messer galten im Mittelalter als persönliche Begleiter, stets griffbereit am Gürtel. Die Fundschicht, aus der die Objekte stammen, ist mindestens drei Meter dick.

Oben fanden sich Gegenstände aus der Neuzeit (ab ca. 2000), darunter aus der Industriezeit (spätes 19. Jahrhundert) – und direkt darunter: das Mittelalter, konkret das 13. und 14. Jahrhundert.

Überraschend auch, dass der Ort bis ins späte 19. Jahrhundert ein Flussbett war. Die Theorie der Archäologen: Frühjahrsfluten des Alna-Flusses haben über Jahrhunderte immer wieder Müllhalden unterspült und Objekte abgetragen.

Dinge, die im Mittelalter weggeworfen wurden, könnten also erst im 16., 17. oder sogar 18. Jahrhundert an ihre heutige Fundstelle gelangt sein. Gehofft hatten die Forscher eigentlich auf Schiffe oder Boote – schließlich ist das Schifffahrtsmuseum beteiligt.

Einige lose Bootsteile gab es zwar. Doch vor allem kam bei den Ausgrabungen der Alltag vergangener Jahrhunderte zum Vorschein. Und zwar in hoher Dichte. „Die meisten Funde bestehen aus Leder, dazu etwas Holz und Knochen – alles Materialien, die gut schwimmen“, so Grue gegenüber ScienceNorway.

Oslo wurde im Jahr 1048 von König Harald III. Hardråde gegründet und entwickelte sich im Mittelalter zu einem wichtigen Handels- und Verwaltungszentrum. Die Stadt war Sitz des norwegischen Königs und des Bischofs von Oslo.

Mehrere Klöster und Kirchen, darunter die Hallvardskathedrale, prägten das Stadtbild. 1624 zerstörte ein Großbrand weite Teile der Stadt. In welchem Kontext die Lederfunde konkret stehen, sollen weitere Untersuchungen zeigen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Nordisch.info

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