Neuer Schmied in Wiesmoor  Nach sieben Schlaganfällen wieder an der Esse

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 28.07.2025 17:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Durch das, was ihm im vergangenen Jahr passiert ist, lässt sich Marcus MacGowan nicht vom Schmieden abhalten. Foto: Nicole Böning
Durch das, was ihm im vergangenen Jahr passiert ist, lässt sich Marcus MacGowan nicht vom Schmieden abhalten. Foto: Nicole Böning
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Marcus MacGowan aus Ochtersum ist der neue Schmied im Torf- und Siedlungsmuseum. Dass hier nach mehr als zehn Jahren Pause wieder die Esse glüht, ist das glückliche Ende einer tragischen Geschichte.

Wiesmoor - Dienstbeginn in der historischen Schmiede im Wiesmoorer Torf- und Siedlungsmuseum. Marcus MacGowan schlüpft in seine schwere Lederschürze und zieht die Riemen stramm. „Vor einem Jahr saß sie noch viel enger“, sagt er und stellt den Riemen um die Hüfte noch einmal nach. Damals brachte er noch 25 Kilogramm mehr auf die Waage. Das waren vor allem Muskeln von der täglichen Arbeit in der Schmiede. Vor einem Jahr war seine Welt noch eine andere.

Marcus MacGowan in der Schmiede des Wiesmoorer Torf- und Siedlungsmuseums. Foto: Nicole Böning
Marcus MacGowan in der Schmiede des Wiesmoorer Torf- und Siedlungsmuseums. Foto: Nicole Böning

Damals arbeitete der drahtige Schmied mit schottischen Wurzeln noch in seiner eigenen Schmiede in Ochtersum. Zusätzlich engagierte er sich ehrenamtlich in der historischen Schmiede in Werdum. Er übernahm alles an Schmiedearbeiten, was angefragt wurde: Zäune, Hufeisen, Balkon- und Treppengeländer, Werkzeuge – oft Stücke für historische Gebäude. „Grobschmied halt, das sind die Mädchen für alles“, sagt er und lacht. Dann kam der Tag, der alles änderte. Als er morgens aufwachte, war ihm übel. Er sah doppelt und schaffte es gerade noch in den Flur. „Dann ging nichts mehr“, erinnert sich der 53-Jährige.

Marcus MacGowan: Schmied in Wiesmoor mit bewegter Geschichte

Von einem Tag auf den anderen war sein altes Leben vorbei. Der Rettungswagen kam und brachte ihn ins Krankenhaus. Es war nicht sein erster Schlaganfall, sagt MacGowan. Dann reckt er den Hals und zieht mit dem Finger eine lange Operationsnarbe hinter der Luftröhre nach. Das war vor acht Jahren. Seit damals fehlt ihm auf dem rechten Auge ein Stück seines Blickfeldes. Als er jetzt wieder im Krankenhaus zu sich kam, sagten die Ärzte, er habe mittlerweile schon insgesamt sieben Schlaganfälle gehabt.

Mit einem Schmiedehammer zieht ein Schmied das Eisen in die gewünschte Form. Gerade Schläge von oben, wie beim Nageln, sind eher selten. Foto: Nicole Böning
Mit einem Schmiedehammer zieht ein Schmied das Eisen in die gewünschte Form. Gerade Schläge von oben, wie beim Nageln, sind eher selten. Foto: Nicole Böning

Jährlich erleiden laut der Deutschen Schlaganfall-Hilfe etwa 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Dabei werden durch ein Blutgerinnsel Blutgefäße verstopft, die das Gehirn versorgen. Die abgeschnittenen Bereiche werden nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Gewebe stirbt ab und es kommt zum Hirninfarkt. Woher es bei ihm kommt? MacGowan zuckt die Schultern. „Wahrscheinlich vom Rauchen“, sagt er und blickt ein wenig schuldbewusst auf seine Zigarettenpackung. So ganz lassen kann er es noch nicht.

Die Leidenschaft fürs Schmiedehandwerk

Wie schlimm es beim letzten Schlaganfall um ihn stand, hatte er auf dem Weg ins Krankenhaus halb bei Bewusstsein mitbekommen. Wie durch einen Nebel hörte er jemanden sagen, die Familie solle kommen und sich verabschieden, erzählt MacGowan, während er ein paar Kohlen in die Esse schaufelt. MacGowan ist eher ein Mensch flotter Sprüche als einer für traurige Geschichten. Er zwinkert und erzählt: „Damals habe ich gedacht ‚Moment mal, ich habe doch noch so viel vor‘.“ Nein, er war noch nicht bereit zu sterben. Außerdem hatte er doch noch so viel zu schmieden.

Kurz nach Amtsantritt in Wiesmoor bekam die historische Schmiede ein neues Schild von Marcus MacGowan. Foto: Nicole Böning
Kurz nach Amtsantritt in Wiesmoor bekam die historische Schmiede ein neues Schild von Marcus MacGowan. Foto: Nicole Böning

Ob sein Beruf eine Liebe auf den ersten Blick war, ist nicht leicht herauszufinden. Über seinen Einstieg als Schmied macht er Scherze. „Es gab in unserem Dorf nur einen Bäcker und einen Schmied. Der Bäcker hat zugemacht, was blieb mir also übrig?“, sagt er und lacht. Harte Arbeit sei es gewesen. Er habe seinen Vater sogar angebettelt, nicht mehr hingehen zu müssen. Doch der blieb hart. „Mein Meister hat damals gesagt: ‚Sieben Jahre schmiedet das Eisen dich, danach schmiedest du das Eisen‘.“ Heute weiß Marcus MacGowan, dass ein Schmied niemals aufhört zu lernen.

Sieben Schlaganfälle und der Weg zurück

Jetzt lernt er, mit den Einschränkungen das zu machen, ohne das er nicht leben möchte: schmieden. Auch wenn ihm die Ärzte davon abraten. Er liebt den Geruch nach brennender Kohle und glühendem Metall zu sehr. Er liebt den Ruß an den Händen, den er sich erst abwäscht, wenn er die Schmiede abends wieder verlässt. „Ich bin bestimmt der einzige Mensch, der diesen Dreck liebt“, sagt MacGowan. Er liebt das Geräusch des Schmiedehammers, den er, um den Schwung nicht zu verlieren, zwischen den Schlägen auf das von der Hitze weiche Eisen mit einem scharfen „Pling“ auf den harten Amboss sausen lässt.

Rechts am Backhaus vorbei geht es im Wiesmoorer Torf- und Siedlungsmuseum zur historischen Schmiede (hinten links). Foto: Nicole Böning
Rechts am Backhaus vorbei geht es im Wiesmoorer Torf- und Siedlungsmuseum zur historischen Schmiede (hinten links). Foto: Nicole Böning

Nach mehr als 30 Jahren weiß er: Ein Schmied hört niemals auf, ein Schmied zu sein. „Einer meiner Lehrmeister ist Schmied in siebter Generation und steht noch mit 90 Jahren an der Esse“, sagt er. MacGowan hat versucht aufzuhören – jedenfalls sein Körper –, doch schon im Krankenhaus erzählte er allen, dass er wieder zurück in die Schmiede geht, wenn er entlassen wird. Am Ende hat er doch noch ein wenig gewartet, nach der Reha im September 2024. Seiner Frau zuliebe. Damals lief er noch an einem Rollator.

Ein Neuanfang in der Schmiede in Wiesmoor

Am 1. Mai 2025 ging es für ihn zunächst in der historischen Schmiede des Dörpmuseums in Münkeboe in Südbrookmerland wieder los. Vor ein paar Wochen hat er zusätzlich die Schmiede in Wiesmoor wiederbelebt. „Er hat hier erst einmal wieder richtig aufgeräumt“, sagt Arianne Schoon vom Torf- und Siedlungsmuseum. Sie freut sich über das neue Leben in der Schmiede. Das Museum zeigt Stücke aus der noch jungen Geschichte der Blumenstadt. Die Ausstattung der Schmiede stammt aus dem Nachlass von Wilhelm Wessels aus dem Wiesmoorer Ortsteil Wiesederfehn. Wessels legte im Jahr 1911 vor der Handwerkskammer in Aurich seine Meisterprüfung ab und war Wiesmoors erster Schmied.

Schmiedezangen von Deutschlands erster Schmiedemeisterin Edda Sandstede-Jacobs zieren eine Fensterfront. Foto: Nicole Böning
Schmiedezangen von Deutschlands erster Schmiedemeisterin Edda Sandstede-Jacobs zieren eine Fensterfront. Foto: Nicole Böning

Marcus MacGowan findet in Wessels Schmiede alles, was er braucht. Zusätzlich hat er eigene Werkzeuge mitgebracht. Dazu zählt seine erste in der Lehre selbst geschmiedete Zange. „Für mich ist sie perfekt“, sagt er und erklärt, dass Schmiede die Zangen für ihre verschiedenen Arbeiten selbst herstellen. Dann nickt er in Richtung Fenster. Dort hängt eine große Auswahl an Schmiedezangen, auf die er besonders stolz ist. Es sind die Zangen von Deutschlands erster Schmiedemeisterin Edda Sandstede-Jacobs. MacGowan hat sie auf einem Flohmarkt gefunden. Die Schmiedin starb Anfang des Jahres im Alter von 83 Jahren und hatte zuletzt in Woquard in der Krummhörn gelebt.

Ein Funke für die Besucher der Schmiede

Marcus MacGowan ist froh über die Chance in Wiesmoor. Eine Freundin hatte ihm von der Schmiede erzählt. Seit er aus gesundheitlichen Gründen keine eigene Werkstatt mehr hat, sind die historischen Schmieden auf der ostfriesischen Halbinsel für ihn wichtige Anlaufstellen geworden. „Schmieden für den Lebensunterhalt geht nicht mehr“, sagt MacGowan. „Aber Schmieden aus Spaß ist noch drin.“ Dann zeigt er auf ein paar selbst geschmiedete winzige Hufeisen-Schlüsselanhänger. „Hufeisen für ostfriesische Mini-Ponys“, sagt er und lacht.

Hufeisen von ostfriesischen Mini-Ponys stellt Wiesmoors neuer Schmied als Schlüsselanhänger her. Foto: Nicole Böning
Hufeisen von ostfriesischen Mini-Ponys stellt Wiesmoors neuer Schmied als Schlüsselanhänger her. Foto: Nicole Böning

Während er den Rundstahl in der Kohle zum Glühen bringt, füllt sich die Schmiede mit Besuchern. MacGowan liebt es, ihnen Geschichten von Mini-Ponys und Wichteln zu erzählen. Er liebt es, in anderen den Funken zu entzünden, der ihn selbst immer wieder zum Schmiedehammer greifen lässt. Das ist seine Welt. Immer dienstags und donnerstags ist MacGowan im Torf- und Siedlungsmuseum, wenn nichts dazwischenkommt. Den Spaß am Schmieden lässt er sich auch von sieben Schlaganfällen nicht nehmen. Am Ende des Tages verlässt er die Schmiede mit einem breiten Grinsen – und dem festen Vorsatz, noch viele weitere Geschichten am Amboss zu schmieden.

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