Aus der Sicht eines Helfers  True Crime bringt für manche das Trauma zurück

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 28.07.2025 11:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Manche Opfer von Straftaten können lange nicht mehr ohne Angst auf die Straße gehen. Symbolfoto: Awo/Archiv
Manche Opfer von Straftaten können lange nicht mehr ohne Angst auf die Straße gehen. Symbolfoto: Awo/Archiv
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Wilfried Helmerichs aus Großefehn tritt als Leiter des Weißen Rings zurück. Seit 30 Jahren ist er für die Opferorganisation aktiv. Als sein Sohn Opfer eines Verbrechens wurde, änderte sich für den Polizisten alles.

Ostgroßefehn/Wiesmoor - Es war im Jahr 1996. Wenn Wilfried Helmerichs aus Großefehn von dem Erlebten erzählt, klingt es so, als wäre die Erinnerung noch ganz lebendig. Was seinem damals 16-jährigen Sohn passierte, hat ihm für die Sicht der Opfer von Verbrechen die Augen geöffnet. So ist der heute 72-Jährige zum Weißen Ring gekommen. „Bis dahin kannte ich nur die Sicht eines ermittelnden Polizeibeamten“, sagt der ehemalige Polizist heute.

Christa und Wilfried Helmerichs kamen vor 30 Jahren gemeinsam zum Weißen Ring, nachdem ihr eigener Sohn zum Opfer geworden war. Foto: Nicole Böning
Christa und Wilfried Helmerichs kamen vor 30 Jahren gemeinsam zum Weißen Ring, nachdem ihr eigener Sohn zum Opfer geworden war. Foto: Nicole Böning

Nach 21 Jahren an der Spitze der Opferorganisation in der Außenstelle Aurich/Emden hört er auf, möchte den Weg für die nächste Generation frei machen. Ein guter Zeitpunkt für einen Rückblick auf 30 Jahre Opferarbeit, findet Helmerichs. Die begann genau dort, wo er selbst die Perspektive wechselte. Statt der bloßen Suche nach Informationen, die zur Ermittlung der Täter führen, bekamen Verbrechen für ihn im Jahr 1996 plötzlich noch eine andere Ebene.

Ein persönlicher Schicksalsschlag als Wendepunkt

Seitdem sieht er die Betroffenen, die manchmal über Jahre oder Jahrzehnte unter den Taten leiden. „Manche können nie wieder auf die Straße gehen, ohne sich zehnmal umzuschauen“, sagt Helmerichs. Bis dahin fragte er bei Einbrüchen nur: „Sind Sie versichert?“. Lautete die Antwort „Ja“, war für ihn alles gut. Inzwischen weiß er, dass eben nicht alles gut ist. „Oft fühlen sich Opfer von Einbrüchen im eigenen Zuhause nicht mehr sicher.“ Darüber hatte er sich vorher keine Gedanken gemacht.

Was Verbrechen mit Menschen machen können, kann er heute gut einschätzen. Oft genug bekommt er noch lange nach der Tat Anrufe von Betroffenen. „Sie rufen an, weil sie Geräusche gehört haben oder etwas passiert ist, bei dem alles wieder hochkommt“, sagt Helmerichs. Dann fährt er hin und hört zu. Egal um welche Uhrzeit. „Das reicht vielen Betroffenen schon.“ Das ist die andere Seite, die auch er selbst bei seiner Polizeiarbeit lange nicht im Blick hatte.

True Crime: Unterhaltung mit Nebenwirkungen

„Es gibt aber auch Fälle, die waren so schrecklich, dass die Betroffenen noch nach Jahrzehnten sofort wieder im Trauma von damals landen“, sagt Wilfried Helmerichs und schnipst mit den Fingern. Retraumatisierung nennt es die Fachwelt. Gerade True-Crime-Serien wie den Podcast „Aktenzeichen Ostfriesland“ sieht er deshalb kritisch. „Die Menschen, die solche Formate erstellen oder anhören, vergessen oft, dass hinter den Geschichten echte Menschen und Schicksale stecken“, kritisiert er.

Die Betroffenen melden sich manchmal nach Jahrzehnten wieder bei ihm, wenn die alten Fälle auf diesem Weg wieder an die Öffentlichkeit kommen. „Beim letzten Mal hat mich ein alter Fall wieder 14 Tage lang beschäftigt“, sagt Helmerichs. Deshalb findet er es wichtig, für True-Crime-Podcasts die Zustimmung der Betroffenen einzuholen – auch noch nach vielen Jahren. „Schließlich geht es in dem Format darum, mit möglichst detaillierten Schilderungen bei den Hörern eine Gänsehaut zu erzeugen. Was das mit den Betroffenen macht, daran denkt in dem Moment niemand.“

Familie im Ausnahmezustand: Die ersten Stunden nach der Tat

Inzwischen ist die Gewalt, die sein Sohn erlebt hat, lange her. Trotzdem erinnert er sich noch genau an die Situation, in der er von der Tat erfuhr. Wie er damals nach Hause kam und die Familie im Flur zusammenstand. Daran, wie nach und nach klar wurde, was passiert war. Die jugendlichen Täter hatten den damals 16-Jährigen im Bus ausgeraubt, ihn gezwungen, bis Wiesmoor mitzufahren, und schließlich aus dem Bus geworfen.

Damals war er selbst als stellvertretender Dienststellenleiter in der Blumenstadt und fragte sich, warum sein Sohn nach der Tat lieber die Oma als ihn anrief. „Wir konnten als Familie anfangs gar nicht richtig einordnen, was passiert war und wie wir damit umgehen sollen“, gesteht Helmerichs heute. Er bekommt heute noch eine Gänsehaut, wenn er daran zurückdenkt.

Vom Polizisten zum Opferhelfer

Noch immer fehlen die Worte, um zu beschreiben, was damals in ihm vorging. Es dauerte eine Zeit, bis der Polizist in ihm wieder die Kontrolle übernahm. „Damals habe ich gelernt, wie wichtig es ist, in solchen Situationen Profis an der Seite zu haben“, sagt Helmerichs. Damit meint er nicht Polizisten, sondern Therapeuten. Menschen, die helfen können, die Situation einzuordnen und zu verarbeiten.

Das Erlebte brachte nicht nur ihn, sondern auch seine Frau Christa zum Weißen Ring. Denn als sich alles beruhigt hatte, blieb die Frage: Warum war niemand da, der sie in der schlimmen Zeit an die Hand nahm? Bei der Suche nach Hilfe für Betroffene kamen sie auf den Weißen Ring. „Bis dahin hatte ich vom Weißen Ring nie etwas gehört“, sagt Helmerichs – dabei gab es ihn schon seit 20 Jahren. Gegründet wurde der Weiße Ring 1976 als Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer und ihre Familien.

Die unsichtbaren Folgen von Verbrechen

Schon ein Jahr nach der Tat waren die Helmerichs′ nach den vorbereitenden Seminaren selbst Opferbetreuer, die nach einem Verbrechen für Betroffene da waren. Was seinem Sohn damals geholfen hat, hat sich für Wilfried Helmerichs seitdem oft bestätigt. „Das Wichtigste für meinen Sohn war, dass er gesehen hat: Er ist nicht machtlos. Er konnte sich helfen und war den Tätern nach der Tat nicht hilflos ausgeliefert“, ist sich Wilfried Helmerichs heute sicher.

Mithilfe seines Sohnes konnte er die Jugendlichen damals innerhalb einer Stunde festnehmen. Sie erhielten vor Gericht eine Strafe, die wehtat, so drückt Helmerichs es heute aus. Auch das half. Heute hat seine Familie mit dem Fall abgeschlossen und kann darüber reden, ohne alte Wunden aufzureißen.

Auch die Opferhelfer brauchen Hilfe

„Einen großen Anteil daran hat sicherlich auch, dass mein Sohn sich nicht verkrochen und die Tat für sich behalten hat. So etwas wäre anders ausgegangen“, ist sich Helmerichs sicher. Über die Tat zu reden, das empfiehlt er jedem, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat. „Manchmal fällt es leichter, wenn der Gesprächspartner nicht aus der eigenen Familie kommt“, weiß er auch. Es können Helfer vom Weißen Ring oder der Partnerorganisation, der Opferhilfe, sein – oder bei traumatischen Erfahrungen auch Traumatherapeuten.

Und mit wem reden die Helfer, wenn die Fälle an die Nieren gehen? „Ich bin froh, dass wir zu zweit sind und auch untereinander darüber reden können, was uns beschäftigt“, sagt Christa Helmerichs. Denn was sie zu hören bekommen, ist oft auch für Helfer schwere Kost. 13 Opferbetreuer gibt es aktuell für Emden und den Landkreis Aurich. 60 bis weit über 100 Opfer und ihre Familien begleiten sie durchschnittlich pro Jahr. Das sind nur die Fälle, die offiziell erfasst werden. „Wir sind oft Telefonseelsorger in Fällen, die der Weiße Ring nicht lösen kann“, sagt Helmerichs: Nachbarschaftsstreits, Probleme in Familien.

Gemeinsam gegen das Schweigen

„Wenn ich heute Polizeimeldungen von Übergriffen in der Zeitung lese, hoffe ich jedes Mal, die Betroffenen melden sich bei uns“, sagt er. Denn er weiß, wie viel der Last er allein durch ein solches Gespräch nehmen kann. „Viele Opfer kennen ihre Rechte und die Möglichkeiten durch das Opferentschädigungsgesetz gar nicht“, weiß Wilfried Helmerichs.

Die Soforthilfe nach Übergriffen sei ebenfalls nur wenig bekannt. Dazu gehören Gutscheine für schnelle Therapietermine, Operationen oder gerichtsfeste Untersuchungen – auf Wunsch auch ohne dafür die Polizei ins Boot zu holen: „Das Wichtigste ist, sich bei uns rechtzeitig zu melden“, sagt Wilfried Helmerichs. „Bei uns muss man kein Mitglied werden. Es geht einzig und allein darum, den Opfern zu helfen.“

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