Osnabrück  Caroline Peters: Um mich herum sehe ich nur noch Patchwork-Familien

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 23.07.2025 18:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Caroline Peters im Regen: Eine Szene des Jelinek-Stücks „Kein Licht“ bei der Ruhrtriennale 2017. Foto: Caroline Seidel/ Ruhrtriennale 2017
Caroline Peters im Regen: Eine Szene des Jelinek-Stücks „Kein Licht“ bei der Ruhrtriennale 2017. Foto: Caroline Seidel/ Ruhrtriennale 2017
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Am 4. September 2025 liest Caroline Peters in der „Botschaft“ in Osnabrück aus ihrem Roman „Ein anderes Leben“. Im Interview erzählt die Schauspielerin von ihrer Motivation, Geschichten zu erzählen, und von Patchwork-Familien.

Berühmt geworden ist Caroline Peters als Kommissarin Sophie Haas, die in der Eifel kuriose Mordfälle aufklärt – „Mord mit Aussicht“ genießt ohne Zweifel Kultstatus. Vor allem aber ist Peters auf der Theaterbühne zu erleben, und zwar seit etlichen Jahren am Wiener Burgtheater. In Salzburg hat sie die Buhlschaft in Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ gespielt, auf der Ruhrtriennale war sie in Elfriede Jelineks „Kein Licht“ zu erleben – und all das sind nur Ausschnitte aus ihrem reichen Bühnenschaffen.

Dann kam Corona: Das Kulturleben stand so still wie der Rest der Welt, und da fand Peters endlich die Zeit, einen Roman zu schreiben. „Ein anderes Leben“ heißt er, es geht um eine Frau und ihre drei Töchter, die sie im Abstand von jeweils zehn Jahren bekommen hat, mit jeweils anderen Vätern. Im Interview spricht Caroline Peters vom Schreibprozess und davon, wie eigene Erfahrungen in ihren Roman eingeflossen sind.

Frage: Frau Peters, Wien gilt als eine der lebenswertesten Städte der Welt. Sie leben seit zehn Jahren dort. Was macht die Stadt so lebenswert?

Antwort: Die Stadt bemüht sich darum, den Bürgern das Leben angenehm zu machen – nicht nur den Touristen oder irgendwelchen Investoren, sondern wirklich den Menschen, die da leben. Es gibt ein gutes, funktionierendes öffentliches Nahverkehrssystem, tolle Museen, wunderschöne Gebäude, die gut hergerichtet und in Stand gehalten sind. Die Mieten sind erträglich, und alle diese Dinge sind einfach fantastisch. Und es gibt unheimlich viel zu erleben.

Frage: Im September lesen Sie in Osnabrück aus Ihrem ersten Roman „Ein anderes Leben“. Wie ist die Idee entstanden, ein Buch zu schreiben?

Antwort: Ich habe schon immer viel geschrieben, aber nur für mich. Mein eigentlicher Beruf besteht ja darin, auf der Bühne Geschichten zu erzählen, als Figur im Verbund mit anderen. Texte zu schreiben bietet mir eine zweite Gelegenheit, Geschichten zu erzählen. Die Idee, einen längeren Text zu schreiben, trug ich schon länger in mir, dann kam der Lockdown und ich konnte nichts mehr machen. Einen Roman zu schreiben war da perfekt, um die Zeit zu füllen.

Frage: Wie muss man sich den Schreibprozess vorstellen?

Antwort: Ich habe es so gemacht, wie man am Theater probt: Man geht von 10 bis 14 Uhr auf die Probe und dann ist Mittagspause, abends probt man noch mal von 19 bis 22 Uhr. Genauso habe ich mir das Schreiben eingerichtet: Ich hatte zwei Zeiten am Tag, an denen ich gearbeitet haben, morgens immer und abends je nachdem.

Frage: Woher kam die Grundidee, die Geschichte einer Mutter mit drei Töchtern von drei verschiedenen Vätern zu erzählen?

Antwort: Einerseits aus dem richtigen Leben und andererseits aus der Psychologie. Meine Familie ist eine starke Patchwork-Familie, und auch um mich herum in meiner Generation sehe ich nur noch Patchwork-Familien. Das schaue ich staunend an, und das gab mir das Gefühl, ich könnte darüber gut erzählen. Dazu kam ein Psychologe, von dem ich den Satz gehört habe, jedes Kind werde in eine andere Familie geboren. Um das deutlich herauszuarbeiten, gab ich der Mutter in meinem Roman mit jedem Kind einen anderen Vater, und es liegen immer zehn Jahre zwischen den Kindern. Jede Tochter wächst also für sich auf und hat trotzdem die anderen als Geschwister und die Mutter und die vielen Väter als Familie.

Frage: In Ihrem Roman taucht die Großvätergeneration auf, die den Krieg noch miterlebt hat, und er reicht bis in die Jetztzeit. Haben Sie auch versucht, eine Geschichte der Bundesrepublik zu erzählen?

Antwort: Eher ging es mir darum zu erzählen, wie es ist, deutsch zu sein. Wenn man im Ausland lebt, sieht man mehr drauf und ist nicht so stark involviert. Ich wollte auch nachzeichnen, welche verheerenden Folgen der Krieg hat, für den Deutschland die Verantwortung trägt und zu Recht auch die Schuld, in wie viele Generationen diese Schuld abstrahlt, diese Erfahrung von Gewalt, Zerstörung, Flucht.

Frage: Sind auch eigene Erfahrungen eingeflossen?

Antwort: Ja, absolut, die Erfahrungen, die ich als kleines Kind gemacht habe. Ich wollte genau beschreiben, was ich erlebt habe: zwar keinen Krieg und keine Gewalterfahrung, aber ich bin ausschließlich von Menschen erzogen worden, die in ihrer Kindheit und in ihrer Jugend Flucht, Gewalt und Zerstörung erlebt haben. Die wurden wiederum von Leuten erzogen, die ihrerseits ebenfalls diese Gewalt erlebt haben. Das hat auch in meiner Generation noch gravierende Folgen, und die wollte ich beschreiben.

Frage: In einem zweiten Nebenberuf vertreiben Sie Postkarten. Sind Sie eine Nostalgikerin?

Antwort: Nein, Postkarten verkaufe ich weniger aus Nostalgie. Ich versuche damit, bestimmte Dinge zu bewahren. Die Postkarte war mal ein Medium, um Informationen unter die Leute zu bringen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Millionen von Karten geschrieben, und im Ersten Weltkrieg war das besonders populär. Im Lauf der Zeit wird dieses Medium natürlich durch andere ersetzt. Aber es ist doch schade, wenn ganze Techniken komplett verschwinden. Eine Postkarte bleibt erhalten, wenn auch als Nische, weil keine Notwendigkeit mehr besteht, Karten zu schreiben. Die meisten Leute hängen Postkarten an die Wand oder an den Kühlschrank, oder sie stecken sie zu einem Geschenk dazu. Aber eine Postkarte zu schreiben, ist heute ein reiner Gruß der Freude und des Besonderen. Man macht einfach mal eine Ausnahme und macht mal was, was man sonst nicht macht.

Frage: Wird es einen weiteren Caroline-Peters-Roman geben?

Antwort: Ja, ich möchte auf jeden Fall weiterschreiben. Jetzt ist keine Pandemie mehr, deshalb muss ich sehen, wie ich das mit meinem sonstigen Berufsleben koordiniert kriege. Aber ich möchte sehr gerne weiterschreiben und an diesen Geschichten dranbleiben. Was ist das eigentlich, was wir so mit uns herumtragen, wenn man aus diesem Land kommt? Was heißt das für Eltern und die Großeltern? Was heißt das in der jetzigen Welt?

Frage: Haben Sie schon konkrete Ideen?

Antwort: Die gibt es, aber die kann ich noch nicht kundtun.

Frage: Dann komme ich zur letzten Frage, der Frage aller Fragen: Was für ein Verhältnis haben Sie zu Osnabrück?

Antwort: Gar keins, muss ich leider sagen. Ich war schon öfter am Flughafen Münster/Osnabrück, weil ich in Münster schon immer mal war. Aber nach Osnabrück komme ich zum ersten Mal, wenn ich da lese.

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