Oldenbrug  Unternehmen sauer: Bundeswehr kämpft auf dem Arbeitsmarkt mit unfairen Mitteln

Luise Charlotte Bauer
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Von Luise Charlotte Bauer
| 21.07.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Unternehmen beklagen, im Kampf um Nachwuchs und Fachkräfte gegenüber der Bundeswehr im Nachteil zu sein. Foto: Guido Schiefer/Imago
Unternehmen beklagen, im Kampf um Nachwuchs und Fachkräfte gegenüber der Bundeswehr im Nachteil zu sein. Foto: Guido Schiefer/Imago
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Die norddeutsche Wirtschaft fordert einen fairen Umgang im Wettstreit um Fachkräfte mit der Bundeswehr. Der Mangel betrifft viele Bereiche, von IT bis Logistik. Darum geht es konkret.

Einen fairen Umgang mit der Fachkräftekonkurrenz zwischen Wirtschaft und Bundeswehr, das haben Vertreter der norddeutschen Wirtschaft in einer gemeinsamen Erklärung anlässlich des Unternehmerkuratoriums Nord 2025 gefordert. Doch was konkret verbirgt sich hinter der Forderung? Und was sagt die Bundeswehr dazu? Ein Überblick.

Laut Benedikt Hüppe, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen, fehlen Fachkräfte auf nahezu allen Ebenen: „Von gewerblich-technischen Berufen über IT-Experten bis zu Ingenieuren und Projektmanagern“. Mangel herrsche insbesondere dort, wo Hochtechnologie, Sicherheit und Logistik zusammentreffen. Aber auch administrative und unterstützende Funktionen seien betroffen. „Der Verteidigungsbereich konkurriert mit einem ohnehin leergefegten Arbeitsmarkt“, so Hüppe.

Ähnliches berichtet auch die Bundeswehr, die nach Personal sowohl für die militärischen als auch zivilen Laufbahnen sucht. Laut einer Sprecherin fehlen Fachkräfte vor allem im Bereich Elektro- und Informationstechnik (zum Beispiel Cyberabwehr und IT-Sicherheit), Logistik und Versorgung, aber auch im medizinischen Bereich. Die Bundeswehr konkurriere nach eigenen Angaben nicht nur mit der freien Wirtschaft, sondern auch mit anderen staatlichen Organisationen wie etwa Polizei und Feuerwehr.

Zurzeit fehle es laut Unternehmer-Vertreter Hüppe dort an Fairness, wo der Staat als Arbeitgeber in denselben Arbeitsmärkten agiert wie die Wirtschaft – „aber mit anderen Spielregeln“. Wenn die Bundeswehr gezielt in Schlüsselbereichen wie IT-Security oder Logistik rekrutiere, ohne sich mit Unternehmen abzustimmen oder Rückkehrmöglichkeiten für Fachkräfte zu schaffen, entstehe ein einseitiger Zugriff. „Der Wettbewerb um Talente darf nicht zum Nullsummenspiel werden – wir brauchen kooperative Modelle“, sagte Hüppe. So gebe es in einigen Regionen beispielsweise bereits Ausbildungsverbünde, in denen Unternehmen und öffentliche Einrichtungen gemeinsam Ausbildungsplätze schaffen und Fachkräfte entwickeln.

„Fair“ heißt für Hüppe, keine einseitige Abwerbung von Fachkräften durch den Staat, keine Sonderanreize, die den Arbeitsmarkt verzerren, und eine echte Koordination mit der Wirtschaft. Es geht um Gleichgewicht, nicht um Wettbewerb zwischen Staat und Mittelstand.

Für die Bundeswehr verweist auf die Bedeutung des Austausches zwischen Unternehemen und Truppe und hofft auf Partnerschaften und Kooperationen. So können wir zum Beispiel in den Bereichen Ausbildung, Fortbildung und beruflicher Weiterentwicklung gegenseitig partizipieren und zu einer „Win-win-Situation“ kommen.

Zudem weist eine Sprecherin der Bundeswehr auf die seit vergangenem Jahr ausgeweitete Kooperation zwischen der Bundeswehr und der Bundesagentur für Arbeit hin: „Neben der Personalgewinnung steht hier auch die zivilberufliche Eingliederung von Soldatinnen und Soldaten auf Zeit im Fokus.“

Auf die Frage, wie fair die Anwerbung von Fachkräften zwischen Wirtschaft und Bundeswehr bisher sei, verweist eine Sprecherin der Bundeswehr auf die Transparenz des Rekrutierungsverfahrens der Bundeswehr. So würden Interessenten beim ersten persönlichen Gespräch über die Chancen, aber auch über die Risiken des Soldatenberufs informiert. Auch könnten sich Interessenten bei lokalen Veranstaltungen informieren und Praktika absolvieren. „Diese Transparenz gibt den Interessierten die Möglichkeit, sich selbst ein Bild zu machen und sich für oder gegen eine Bewerbung bei der Arbeitgeberin Bundeswehr zu entscheiden”, sagte eine Sprecherin.

Nach Ansicht der Bundeswehr ist der Wettbewerb um Talente zwischen ziviler Wirtschaft und der Bundeswehr eine „Marktbedingung“. Eine gute Öffentlichkeitsarbeit und eingehende Beratung von Interessierten trage laut einer Sprecherin der Bundeswehr zur Fairness bei.

Dazu teilte die Sprecherin der Bundeswehr eher ausweichend mit: „Trotz des sich stetig verschärfenden Wettbewerbs gelingt es der Bundeswehr, sich im Feld mit den anderen Arbeitgebern zu behaupten. Es sind jedoch wachsende Anstrengungen notwendig, um weiterhin durch innovative, zielgruppenaffine und zeitgemäße Nachwuchswerbung auf dem Arbeitsmarkt konkurrenzfähig bleiben zu können.“

Klar ist, die Bundeswehr kann mit vielen Angeboten punkten. Jüngstes Beispiel sind die geplanten 2000 Euro Sold monatlich (zusätzlich zu Unterkunft und Verpflegung), den Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) für den „neuen Wehrdienst“ plant. Dazu gehören Vorteile, die der Öffentliche Dienst im Allgemeinen biete, also etwa hohe Arbeitsplatzsicherheit und pünktliche Bezahlung. Hinzukämen laut der Sprecherin der Bundeswehr beispielsweise Zulagen, Auslandsverwendungszuschlag, Umzugskostenvergütung, Überstundenausgleich, Absicherung von Bundeswehr-Angehörigen und deren Familien in Fällen von Verwundung oder langer Krankheit. Jedoch ist je nach Laufbahn und Verwendung auch das persönliche Risiko für Verwundungen oder Todesfälle hoch. 

Auf die Frage, wie fair die Wirtschaft gegenüber der Bundeswehr ist, sagte Hüppe unserer Redaktion: „Die niedersächsische Wirtschaft bringt sich konstruktiv ein – ob durch Reserveoffiziere, Know-how oder Beteiligung an sicherheitsrelevanter Forschung.“ Aber Fairness müsse auf Gegenseitigkeit beruhen: „Der Staat darf nicht nur fordern, er muss auch fördern – und zuhören.“ Deshalb braucht es laut Hüppe eine enge und strategische Zusammenarbeit, um sich resilient und wehrhaft aufzustellen.

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