Stockholm  Hausbesuch bei Sven Nordqvist: Hier sind Pettersson und Findus entstanden

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 18.07.2025 14:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Wir haben Sven Nordqvist zu Hause besucht: In seiner Wohnung sieht es fast aus wie bei Pettersson und Findus. Foto: Imago/TT/Oetinger/Sven Nordqvist
Wir haben Sven Nordqvist zu Hause besucht: In seiner Wohnung sieht es fast aus wie bei Pettersson und Findus. Foto: Imago/TT/Oetinger/Sven Nordqvist
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Bei Pettersson und Findus herrscht allzeit wohliges Chaos. Und bei ihrem Zeichner Sven Nordqvist? Wir haben ihn in Stockholm besucht und viele Fotos mitgebracht.

Wohnhaus, Schuppen, Hühnerstall: Wenn es um die großen Sehnsuchtsorte der Deutschen geht, zählt der Hof von Pettersson und Findus ganz sicher dazu. Gut vierzig Jahre ist es her, dass der verdrießliche alte Mann und sein Kater ihr erstes Abenteuer erlebten. Seitdem gehören die Bücher des schwedischen Zeichners und Autors Sven Nordqvist zur unverhandelbaren Grundausstattung einer gelungenen Kindheit.

Petterssons Haus ist mehr als ein Bilderbuch-Schauplatz. Es ist ein Ort, an dem die Zeit stillsteht. Eine Welt, in der alles noch handgemacht ist, in der nichts richtig funktioniert und trotzdem alles möglich ist. Jeder kennt das rote Holzhaus mit seinen großen, kleinen und ganz kleinen Bewohnern. Aber wie sieht es bei dem Menschen aus, der sich das alles ausgedacht hat? Eigentlich, könnte man sagen, fast genauso.

Den größten Teil des Jahres leben der Künstler und seine Frau Eva in Södermalm, Stockholms hippen Viertel. In gelbgetünchten Altbauten sind Second-Hand-Mode und hochpreisige Turnschuhe zu kaufen. Die Cafés bieten Zimtschnecken an und das kräftigere Kardamom-Gebäck, an das sich unter den Touristen nur die mutigen wagen. Krimileser kennen die Szenerie aus „Kommissar Beck“ und Stieg Larssons Millenium-Büchern, die meist in Södermalm spielen.

Die Nordqvists erreicht man über eine Seitenstraße. Das Ehepaar wohnt in einem Haus, das im Glanz der vorletzten Jahrhundertwende erstrahlt. Goldener Eichenlaub-Stuck an der Decke, zum Gitterfahrstuhl geht’s über Teppichboden. Oben wartet der Autor und bittet in die gute Stube, wo seine Frau einen Kaffee anbietet. Auf dem Weg kann man einen Blick in das nach zwei Seiten offene Arbeitszimmer des 79-Jährigen werfen. Pinsel und Tuschwasser stehen wie eben noch benutzt auf dem Tisch, daneben liegt in drei Versionen eine aktuelle Arbeit: Auf einer Detailskizze, einer ausgeführten Bleistiftzeichnung und auf einem fertig kolorierten Blatt ringt ein Kind mit einem grantigen Kartoffelwesen. Bevor wir uns gründlich umsehen dürfen, führt der Gastgeber aber erst mal aufs Sofa zum Gespräch.

Sven Nordqvist zu interviewen ist gar nicht so leicht. Eine erste Anfrage hatte er aus gleich zwei Gründen abgelehnt: Mit dem Telefonat oder Zoom-Gespräch, das ich vorgeschlagen hatte, fühlt er sich nicht wohl. Dass ich kein Schwedisch spreche, behagt ihm auch nicht. Er kann zwar wie die meisten Skandinavier sehr gut Englisch, aber eben doch nicht so sicher, wie er ein Interview offenbar führen möchte. Also sitzen wir jetzt – so wie hierzulande üblich auf Socken – in seinem Wohnzimmer: ich und meine Schwester, die in Schweden lebt und im Zweifelsfall übersetzen kann.

Der Autor nimmt in einem schweren Ledersessel Platz, der selbst aus einem Buch stammen könnte. Um uns herum hängen Ölgemälde und Lithografien aus Nordqvists Zeit als bildender Künstler. In der Yucca-Palme turnen Stoffaffen. Wo man hinblickt, gibt’s was zu entdecken. Dass sein behagliches Chaos an den Helden seiner Bilderbücher erinnert, findet sogar der Autor selbst: „Als Pettersson entstanden ist, habe ich aus mir selbst geschöpft“, sagt Nordqvist. „Pettersson und ich sind eins und das schon, seit ich 40 bin.“ Inzwischen hat er seine Figur an Jahren wohl sogar schon überholt. Er bittet, laut und deutlich zu sprechen, damit er alles versteht.

Zum echten Doppelgänger fehlt ihm der Bart. Aber für alles, was Pettersson in Blumenbeet und Schuppen so zu werkeln hat, wäre auch Nordqvist passend gekleidet. Er trägt zwei Hemden übereinander. Aus den abgeschnittenen Ärmeln des oberen gucken die intakten des unteren hervor. Die Jeans hat einen Riss am Knie. Nordqvist tüdelt an ihm rum, als wir ihn nach einem neuen Findus-Band fragen. Viel Hoffnung macht der Autor in dieser Sache nicht.

Neun Bücher umfasst der Schuber mit den großen Pettersson-Geschichten. Die letzte davon ist schon zwölf Jahre alt. Und mit jedem weiteren Buch, sagt Nordqvist, sei es schwerer geworden, sich nicht zu wiederholen. Außerdem fehlen ihm mittlerweile die Vorbilder für Findus: Die quecksilbrige Energie, mit der der Kater auf den Bildern oft an vier, fünf Stellen gleichzeitig rumspringt, hatte der Autor seinen Kindern abgeschaut. Inzwischen sind die beiden Jungs längst Männer. Immerhin: Ein spätes, erstes Enkelkind ist unterwegs. Vielleicht, sagt Nordqvist, gibt das noch mal einen Anstoß.

Auch die Entwürfe auf dem Zeichentisch zeigen jetzt weder Pettersson noch die Katze. Die Lebenslust, die sie ausdrücken, ist trotzdem dieselbe. Alles wuchert und mäandert. Die Szenerie ist ausgelassen, der Blick aber, mit dem Nordqvist sein eigenes Werk taxiert, bleibt unerbittlich konzentriert. Seine hochgezogenen Brauen bilden ein messerscharfes „V“ auf der Stirn, die Lippen sind fest zusammengepresst. Mitten in den Kampf von Kind und Kartoffel hat der Künstler übrigens kleine Ziffern eingezeichnet. Womöglich werden das also die Stationen des Computerspiels, an dem er gerade arbeitet.

Die Pettersson-Welt hat Nordqvist berühmt gemacht. Die Zahl der TV- und Kinoadaptionen ist mittlerweile so hoch wie die der Bücher selbst. Sogar die Mucklas – winzige Nebenfiguren, die nur für Findus sichtbar ein rätselhaftes Eigenleben im Pettersson-Haus führen – haben schon ihren eigenen Film. Das Werk des Künstlers ist allerdings viel breiter. Er hat Bücher anderer Autoren illustriert. Die „Mama Muh“-Geschichten zum Beispiel, aber auch Sachbücher zur skandinavischen Geschichte und zum Angelsport.

Als sein bestes Werk hat er einmal „Wo ist meine Schwester“ bezeichnet, ein Kinderbuch von so großem Format, das es nicht mehr ins Handgepäck passt. Es durchblättert sich wie ein Kompendium aller Interessen und Einflüsse des Künstlers. Den Surrealismus und M.C. Eschers unmögliche Bauten zitiert der Autor hier ebenso wie seine eigenen Arbeiten: Bilderbücher für Lese- und Rechenanfänger zum Beispiel oder Postkartenmotive, mit denen er als Berufsanfänger sein Geld verdient hat. Seine allerersten Zeichnungen legt Nordqvist uns dann Mappe für Mappe im Original auf den Schoß: Comics und Karikaturen aus seiner Schulzeit, denen man die Begeisterung für das satirische „MAD“-Magazin ansieht. Fotografieren dürfen wir sie nur, wenn wir den Lesern dazusagen, dass er das alles im unreifen Teenager-Alter gemacht hat.

Nach dem Gespräch zeigt Nordqvist uns sein Arbeitszimmer. Wenn es in dieser Überfülle einen Blickfang gibt, dann ist es der Habicht, der Findus‘ knallgrüne Filzmütze auf dem ausgestopften Kopf trägt. Sie war ein Geschenk, erklärt der Autor. Sie ist eines von Hunderten Erinnerungsstücken, die seine Wohnung zur Wunderkammer machen, mit dem Arbeitszimmer als Epizentrum. Der Raum ist alles zugleich: Werkstatt und Büro, aber auch ein Museum, das Spuren zu allen Obsessionen von Sven Nordqvist legt.

Auf dem abblätternden Lack des Zeichentischs drängen sich Farbtuben, Stifte und Papier. Drumherum, auf Schränken, Fensterbänken und einer metallbeschlagenen Truhe, liegt das Sammelsurium eines Lebens: Krebsscheren, Federn, Tierschädel und vertrocknete Vogelbeeren, eine Flasche mit vergilbtem Etikett und zweifelhaftem Inhalt. An den Wänden: historische Musikinstrumente und Waffen, Bilder sowie ein Schaukasten mit Gesteinsproben. Auf den Ablagen: Etuis und Futterale mit Werkzeugen, deren Sinn auch ihr Besitzer nicht versteht. „Ich mag Dinge, von denen ich nicht weiß, was sie sind“, sagt Nordqvist dazu.

Und überall stößt man auf seine Werkgeschichte: Detailgetreue Modelle von Schwedens Ochsenbluthäusern erinnern an sein Architekturstudium. Eine Kiste voller Zahnräder verweist auf die mechanischen Spieluhren, die der Künstler auch schon gebaut hat. Hinter dem Schreibtisch ist ein aus Holz gearbeiteter Ast an die Wand montiert, mit Äpfeln und einem Korbnest, aus dem die Krähe der „Mama Muh“-Bücher guckt. Vom Boden bis aufs oberste Regal ist alles rappelvoll gestellt. In einem Wort: Es sieht genauso aus wie in Petterssons wohliger Unordnung. Sogar die Kuhbilder, die Nordqvist seinem Helden als Running Gag an jede Wand malt, hat er auch in der eigenen Wohnung. Auf einem antiken Wurzelholz-Sekretär stehen fünf gerahmte Postkarten, die verschiedene Rinderrassen vorstellen, von der Holstein-Kuh bis zum Normannen.

Haustiere hält Nordqvist allerdings nicht. Katzen besaß er nur in der Zeit, als er noch für sich allein lebte. Aber dies ist ja auch nur seine Stadtwohnung. Wenige Tage nach unserem Besuch wechseln der Autor und seine Frau ins Sommerhaus auf eine der Schäreninseln vor Stockholm. Nordqvist zeigt Fotos davon. Der Bau ähnelt Petterssons Haus, auch wenn es für die Bücher gar kein Vorbild brauchte. Kleine rote Häuschen, sagt Nordqvist, hat er als Schwede im Kopf.

In seinem Sommerhaus kommen die wilden Tiere dann bis an die Tür: „Einmal stand eine Elchkuh mit ihren zwei Kälbern bei uns im Garten, nah beim Haus“, erzählt Nordqvist. „Hirsche gibt es auch.“ In der Regel fährt das Ehepaar Nordqvist Anfang Juni auf die Insel. Mitte August zieht es seine Frau zurück, aus Sehnsucht nach ihren Freunden und der Stadt. Nordqvist hängt noch einen runden Monat dran. „Dann bin ich allein“, sagt er. „Und das gefällt mir sehr gut.“

Auch im Interview ist die Vorliebe für die Stille und das Alleinsein herauszuhören. Er ist ein zugewandter und ein herzlicher Gastgeber. Wirklich gelöst erscheint er aber vor allem dann, wenn nicht er reden muss, sondern wir von uns und unseren Kindern erzählen. Er selbst, so wirkt das, spricht am liebsten durch seine Bilder.

In seiner Liebe zur Einsamkeit können ihm selbst Tiere zu viel werden. Hunde, sagt er einmal, mag er nicht so, weil sie ihm zu bedürftig sind. Er lobt sogar, dass Kinder ihm nur selten Leserbriefe schreiben: „Das ist mir eigentlich auch ganz lieb“, sagt er dazu. „Das wäre noch was, um das ich mich kümmern muss.“ An mangelnder Wertschätzung liegt es nicht. Zwei Kinderzeichnungen, die ihn doch einmal erreicht haben, hat er im Arbeitszimmer aufgehängt. Er führt sie eigens vor und schildert, wie gut sie ihm gefallen.

Nordqvist ist gern für sich und entsprechend diskret geht man auch mit ihm um. Trotzdem trete ich ihm am Ende womöglich zu nahe. Nach dem Gespräch bitte ich ihn, mir eine Figur in Petterssons Weihnachtsbuch zu zeichnen. Als Erinnerung, aber auch, weil ich ein Video von seiner Hand bei der Arbeit aufnehmen möchte. Nordqvist zögert erkennbar, bevor er dann doch zum Stift greift und einen Muckla auf das Papier bringt. Er setzt mehrmals an, bessert nach und reicht das Buch dann unter Entschuldigungen zurück. Noch an der Tür beklagt er sich, weil das Bild ihm angeblich nicht gut geraten sei. Hier aber irrt der Meister. Wir lieben seinen Muckla. Er ist genau richtig. So wie er ist.

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