Hamburg  „Der Dicke ist vom Balkon gefallen“ – was in Verschickungsheimen geschah

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 19.07.2025 17:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der fünfjährige Bernd stürzte während seiner Verschickungskur vom Balkon und starb. Foto: Unsplash
Der fünfjährige Bernd stürzte während seiner Verschickungskur vom Balkon und starb. Foto: Unsplash
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Millionen Kinder wurden im Nachkriegsdeutschland zur Kur geschickt. Viele berichten von einer furchtbaren Zeit. Im St. Luitgardstift im Schwarzwald starben 1953 in kurzem Abstand zwei Jungen. Was geschah in dem Heim?

Bad Rippoldsau, Dezember 1953. Es ist kurz vor 12.45 Uhr. Mittagsruhe im St. Luitgardstift, dritte Etage. Bernd, fünf Jahre alt, kommt von der Toilette. Statt sich in sein Bett zu legen, läuft er auf eine Kindergärtnerin zu und hängt sich an ihren Arm. Sie ermahnt ihn, sich hinzulegen, und geht hinunter in den ersten Stock. Bernd bleibt zurück.

Auf dem Balkon der dritten Etage sitzen zur selben Zeit sieben ältere Jungen und spielen Karten – unbeaufsichtigt. Bernd nähert sich dem Balkon. Die Jungen schicken ihn weg – einmal, zweimal, dreimal. Dann geht Bernd wieder auf den Balkon und stürzt drei Stockwerke in die Tiefe.

Eine Kindergärtnerin und eine Ordensschwester stehen auf dem Balkon im ersten Stock und sehen etwas fallen. Einer der Jungen ruft: „Der Dicke ist vom Balkon gefallen!“ Die Kindergärtnerinnen rennen zu dem Kind auf dem Boden. Bernd wird mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht. Wenige Stunden später ist er tot.

Sein Vater reist umgehend aus Westfalen in den 500 Kilometer entfernten Schwarzwald. Er will verstehen, was passiert ist, will sehen, wo sein Sohn die letzten Wochen verbracht hat. Eine Schwester erinnert sich später: „Er war vom tiefen Schmerz erschüttert und weinte bitterlich.“

Vor Ort soll der Vater gesagt haben, niemand trage Schuld am Tod seines Kindes. Doch in den Briefen, die heute im Archiv des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe in Münster lagern, klingt es anders. Bernds Vater kritisiert, dass die Brüstung zu niedrig gewesen sei – und dass die Kinder unbeaufsichtigt gewesen seien.

Das Heim weist jede Verantwortung von sich. Die Ordensschwestern sprechen von einer „schicksalhaften Fügung“ und erwähnen, Bernd sei ein unruhiges Kind gewesen. Auch die Entsendestelle in Münster, die für die Organisation der Kur zuständig war, reagiert kaum auf die Kritik.

In den Wochen und Monaten nach dem Unfall schreibt der Vater weitere Briefe. Irgendwann erhält er keine Antwort mehr. Das letzte Dokument der Akte: ein Vermerk, wonach das Amtsgericht das Verfahren eingestellt hat.

Was genau im St. Luitgardstift geschah, lässt sich heute nicht mehr kaum noch rekonstruieren. In der Einrichtung wurden rund 180 Kinder betreut, vor allem solche mit Atemwegserkrankungen. Auch Bernd litt häufig an Erkältungen. Das Heim wurde in den 1970er-Jahren geschlossen, die katholischen Schwestern vom „Kostbaren Blut“ verließen den Ort. Nach Angaben der Ordensgemeinschaft existieren keine Unterlagen mehr.

Fest steht: Bernd war nicht das einzige Kind, das in diesem Heim starb. Nur wenige Monate vor Bernds Tod war ein Junge namens Dieter ums Leben gekommen. Auch in seinem Fall blieben die genauen Umstände unklar. In den Akten fällt eine ungewöhnlich hohe Medikamentenrechnung auf. Die Entsendestelle zeigt sich in einem Brief an das Heim irritiert: „In gleichgelagerten Fällen ist mir bislang von keinem der übrigen Heime eine derart hohe Medikamentenrechnung vorgelegt worden”, schreibt ein Mitarbeiter. Man wolle prüfen, ob weiterhin Kinder in das Heim geschickt würden. Später wurde die Abrechnung korrigiert. Ob die angedrohte Prüfung durchgeführt wurde, ist nicht bekannt. Die Zusammenarbeit wurde jedenfalls fortgesetzt - eine Entscheidung, die Bernd das Leben kosten sollte.

Tödliche Fälle wie diese geraten heute zunehmend in den Fokus. Im niedersächsischen Bad Salzdetfurth wurde im vergangenen Jahr das erste Mahnmal für misshandelte Kinder eingeweiht. Es erinnert an drei Kinder, die während ihrer Kur dort ums Leben kamen.

Und seit rund 15 Jahren melden sich immer mehr ehemalige Verschickungskinder zu Wort – Frauen und Männer, die als Kinder zur Kur geschickt wurden und bis heute unter ihren Erfahrungen leiden. Insgesamt sind rund zehn Millionen Kinder zwischen den späten 1940er- und den 1990er-Jahren verschickt worden – in den Harz, an die See, in den Schwarzwald. Die Versprechen lauteten: Erholung, frische Luft, gesundes Essen.

Doch viele Betroffene berichten von physischer und psychischer Gewalt, auch von sexuellem Missbrauch. Briefe wurden kontrolliert, der Kontakt zur Familie reglementiert. „Die Strukturen in den Kinderkurheimen ähnelten denen anderer geschlossener Einrichtungen, wie Psychiatrien, wo viele Menschen mit minimalen Ressourcen betreut werden mussten“, sagt der Historiker Hans-Walter Schmuhl, der eine Studie zu Verschickungskindern veröffentlicht hat. 

Er gehört zu den wenigen, die sich bislang wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt haben – denn die Forschung zu den Verschickungskuren steckt noch in den Anfängen. Erst langsam entsteht ein differenzierteres Bild dieser weitverbreiteten Praxis. „Wir sind gerade dabei, diesen Kosmos der vielen beteiligten Akteure zu erschließen“, sagt Schmuhl. Zwischenzeitlich habe es mehr als 1000 Heime gegeben, involviert waren Kommunen, Kirchen, Jugendämter, Wohlfahrtsverbände und Krankenkassen.

Der Historiker Helge-Fabien Hertz, der sich zu dem Thema habilitieren will , beschreibt, wie sich der Blick auf die Kinderkuren verändert hat: „Viele Dinge, die wir heute als klare Grenzverletzungen oder psychische Gewalt einordnen würden, galten damals als pädagogisch legitim – oder wurden schlicht nicht hinterfragt.“

Das habe sich ganz langsam gewandelt: „Erst in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ist das gesellschaftliche Bewusstsein für Kindheitserfahrungen und mögliche Langzeitfolgen gewachsen. Viele Betroffene haben erst im Rückblick erkannt, dass das, was sie erlebt haben, eben nicht normal oder harmlos war – und dass andere Ähnliches erlebt haben“, sagt Hertz.

Inzwischen engagieren sich in allen Bundesländern Betroffene für die Aufarbeitung. Sie reisen an die Orte ihrer Verschickung, gehen in Archive und vernetzen sich mit anderen. Die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben, das Leid der Verschickungskinder untersuchen zu wollen. Wie genau das geschehen soll, ist bislang offen.

In Bad Rippoldsau erinnert nach Recherchen unserer Redaktion nichts an die toten Kinder. Das frühere Kinderkurheim wurde umgebaut und wurde zum Privatsanatorium.

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