Festspiel-Countdown  Das steckt hinter dem Mega-Projekt „Timmel unner Strom“

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 24.07.2025 12:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ludwig Soeken (links) und Wilhelm Buschmann vor einem der ersten Kulissengebäude in der großen Halle des RTC in Timmel. Foto: Nicole Böning
Ludwig Soeken (links) und Wilhelm Buschmann vor einem der ersten Kulissengebäude in der großen Halle des RTC in Timmel. Foto: Nicole Böning
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Mit „Timmel unner Strom“ bringt der Dorfverein „Uns Timmel“ ein außergewöhnliches Theaterprojekt auf die Bühne. 250 Menschen lassen Geschichte lebendig werden. So fing alles an.

Timmel - Dass sie selbst noch einmal ein solches Theater-Großprojekt stemmen würden, hätten Wilhelm Buschmann und Ludwig Soeken nicht gedacht. Dann kam die Pandemie. „Damals dachte ich, wir brauchen unbedingt etwas, um die Menschen wieder zusammenzubringen“, sagt Soeken. Das hatte mit der Napoleon-Saga „De Schippers van Timmel“ (Die Schiffer von Timmel) schon 2011 gut geklappt und 2018 noch einmal mit dem Navigationsschul-Epos „Steerns över Timmel“ (Sterne über Timmel). Die Entscheidung fiel im April 2020, gerade war die Maskenpflicht eingeführt worden.

Historische Fotos aus Timmel um 1920 dienen als Vorbild für Kostüme und die Handlung auf der 65 Meter langen Bühne. Foto: Privat
Historische Fotos aus Timmel um 1920 dienen als Vorbild für Kostüme und die Handlung auf der 65 Meter langen Bühne. Foto: Privat

Genau genommen laufen seit diesem Moment die Vorbereitungen für das inzwischen dritte Mammutprojekt des Dorfvereins „Uns Timmel“. Am 23. Oktober 2025 feiert „Timmel unner Strom“ Premiere. Dann wird die jahrelange Arbeit erstmals für das Publikum sichtbar. Auch wenn es in dem Stück um Timmel geht und vor 100 Jahren lebende Timmeler mit zeitgemäßen Kostümen von ihren Nachfahren zum Leben erweckt werden: Erzählt wird von Themen, die ganz Ostfriesland betreffen. In jedem Dorf auf der ostfriesischen Halbinsel standen die Menschen vor ähnlichen Herausforderungen.

Von der Idee zum Theater-Großprojekt

Die Veranstalter nennen ihr Projekt „außergewöhnliches historisches Theater“. Doch es ist mehr: ein Theater-Großprojekt auf der Basis akribischer historischer Recherche. „Im November 2020 gründete sich die erste Recherchegruppe“, sagt Soeken: „Bis zu 13 Leute haben gemeinsam Themen diskutiert und Bücher gewälzt.“ Unter den Einschränkungen der Pandemie tauchte das Rechercheteam in eine Zeit ein, in der die Menschen schon einmal Ähnliches erlebt hatten – das Flandern-Fieber, das später als Spanische Grippe bekannt wurde.

Fenster nach historischem Vorbild stehen in der großen Halle des RTC schon zum Einbau in die Kulissen bereit. Foto: Nicole Böning
Fenster nach historischem Vorbild stehen in der großen Halle des RTC schon zum Einbau in die Kulissen bereit. Foto: Nicole Böning

„Sie war genauso tödlich wie Corona“, sagt Soeken. „Wir haben sogar eine Verordnung aus der Zeit gefunden und wissen, dass die Menschen schon damals selbst genähte Masken trugen.“ Doch die Pandemie ist nur ein Teil der Geschichte. Der Titel des Stückes erinnert an die Zeit, in der das 1909 in Betrieb genommene Torfkraftwerk von Wiesmoor aus die ostfriesische Halbinsel elektrifizierte. Ein Kernthema ist der Kampf der Timmeler, ebenfalls an das Stromnetz angeschlossen zu werden. Durch eine Energiegenossenschaft sorgten sie dafür, dass dieser Fortschritt nicht an ihnen vorbeiging.

Strom aus Wiesmoor als Symbol für die Zukunft

1922 hatte sich der Ort dazu mit Westgroßefehn, Lübbertsfehn und Ihlowerhörn zusammengeschlossen. „Man hatte so 220 anschlussfähige Häuser zusammenbekommen“, sagt Ludwig Soeken. „Damals war Strom in Zeiten der Hyperinflation und des Elends nach dem Ersten Weltkrieg ein Symbol für die Zukunft“, erklärt Soeken. Doch es geht um mehr als um Strom. Es geht um den Wechsel von der in den Köpfen verankerten Kaiserzeit zur Demokratie. Es gab damals nicht viel, sagt Soeken. Die Landwirtschaft lag am Boden: „Geld verdienen ließ sich nur mit der Pferdezucht.“ Denn im Ersten Weltkrieg waren mehr als acht Millionen Pferde umgekommen.

In der Zeit des Stückes „Timmel unner Strom“ war der Pferdehandel ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – es galt die Verluste im Ersten Weltkrieg auszugleichen. Foto: privat
In der Zeit des Stückes „Timmel unner Strom“ war der Pferdehandel ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – es galt die Verluste im Ersten Weltkrieg auszugleichen. Foto: privat

Landwirte bekamen laut Soeken für sogenannte Remontierungspferde, die den Verlust ausgleichen sollten, damals 1150 bis 1500 Goldmark. Zum Vergleich: Für den Preis von 20 Pferden konnte man zu der Zeit einen ganzen Hof kaufen. Pferde dienten als Transportmittel, zogen auch Pferdebusse und Milchwagen. „Wir haben die Geschichten von Timmelern aus dieser Zeit recherchiert, die auch in dem Stück vorkommen“, sagt Soeken. Durch Zufall tauchten im Anschluss bei der Sanierung eines alten Hauses im benachbarten Neuefehn Unterlagen und Zeitungsausschnitte aus dem Jahr 1915 auf – und bestätigten die Ergebnisse der Recherche.

Ein wachsendes Gemeinschaftsprojekt mit Herzblut

Mit den historischen Timmeler Geschichten wendete sich Ludwig Soeken an den Borkumer Theaterautor Hayo Bootsmann. Er sollte das Stück schreiben. „Als er Ende 2023 fertig war, war uns klar, dass wir es als Konzept verwenden und weiterentwickeln wollen“, sagt Soeken. Erst setzte er sich selbst dran, dann regte auch die Wilhelmshavener Regisseurin Elke Münch Änderungen an. Soeken lacht und gibt zu, dass an dem Stück noch immer geschrieben wird. „In jeder Probe sitzen zwei Leute mit einem Laptop und notieren die aktuellen Änderungen“, erzählt er. Nach der Probe erhalten alle Darsteller die aktuelle Version. „Wenn jemand eine zwei Wochen alte Ausführung zur Probe mitbringt, ist die schon veraltet.“

Zeichnung eines Hauses, das auf 70 Prozent verkleinert zur Kulisse in der großen Halle gehören wird. Foto: Nicole Böning
Zeichnung eines Hauses, das auf 70 Prozent verkleinert zur Kulisse in der großen Halle gehören wird. Foto: Nicole Böning

Während das Theaterstück mit jeder Probe weiter wächst, entstehen die Kulissen, der historische Markt, die Kostüme. Ein Team passt die Technik und die große Halle des RTC so an, dass jeder der rund 1000 Besucher pro Vorstellung in das Stück eintauchen kann. Bei den vielen Beteiligten an diesem Großprojekt ist es Wilhelm Buschmann und Ludwig Soeken gar nicht recht, dass sie immer wieder im Mittelpunkt stehen. „Es ist ein Gemeinschaftsprojekt, in dem ohne jeden Einzelnen nichts laufen würde“, sagt Buschmann, der als Vorsitzender des Dorfvereins das Projekt vorantreibt.

Premiere und Aufführungstermine

Dass sie gemeinsam schon zum dritten Mal ein solches Projekt leiten, liegt auch daran, dass sich Buschmann und Soeken blind verstehen. Die beiden 67-Jährigen wurden schon gemeinsam eingeschult und gehören zu den letzten Timmelern, die im Ort geboren wurden. Auf die Idee mit den Theaterprojekten kamen sie durch Freilichttheater wie die inzwischen eingestellten Störtebeker-Festspiele in Marienhafe und das Freilichttheater in Hatshausen, bei dem Ludwig Soeken mitspielte. Der Anlass, ein solches Projekt auch in Timmel umzusetzen, war schließlich das 1111-jährige Bestehen des Ortes im Jahr 2011.

Der Großvater von Ludwig Soeken nach der Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg. Berend Soeken hatte Glück: Zu der Zeit wütete die Spanische Grippe. Wegen der Ansteckungsgefahr wollte niemand Kriegsgefangene nehmen. Foto: privat
Der Großvater von Ludwig Soeken nach der Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg. Berend Soeken hatte Glück: Zu der Zeit wütete die Spanische Grippe. Wegen der Ansteckungsgefahr wollte niemand Kriegsgefangene nehmen. Foto: privat

Mit der Eröffnung des RTC im Jahr 2008, das von Anfang an als Veranstaltungsort diente, hatten die Timmeler gegenüber den Freilichttheatern jedoch einen großen Vorteil: Sie sind unabhängig vom Wetter. Die rund 250 Beteiligten verwandeln momentan die große Halle in das alte Timmel. Was dafür alles notwendig ist, erzählt der Festspiel-Countdown bis zur Premiere am Donnerstag, 23. Oktober 2025, in loser Folge. Die folgenden Aufführungen laufen jeweils Freitag, Samstag, Sonntag und Mittwoch bis Samstag, 15. November 2025. Tickets gibt es bei Nordwest-Ticket, bei „Nah und Gut“ in Timmel sowie bei Soeken-Immobilien für 25 Euro.

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